Dass ihn die Versammlung am Ende nicht in den Kreisvorstand wählte, ficht David Allison nicht an. Seine Kandidatur sei eine reine Protestaktion gewesen, sagt der Dolmetscher unserer Zeitung. Er habe ein Zeichen gegen die seiner Meinung nach „undurchdachte, irrationale“ Haltung der Partei zur geschlechtlichen Selbstbestimmung setzen wollen. „Es war offensichtlich, dass ich nicht vorhabe, in Zukunft als Frau zu leben. Dennoch konnte ich für einen Frauenplatz kandidieren“, sagt Allison. Dass es zwar ein paar Nachfragen gab, aber keines der anwesenden rund 40 Mitglieder dagegen protestiert habe, findet er „verstörend“.
Jugendliche sollten ab 14 Jahren das Geschlecht wählen können
Die Grünen fassen den Begriff Frau nicht nur in der eigenen Partei weit. Im Mai 2021 sind sie mit einer Initiative für ein Selbstbestimmungsgesetz im Bundestag gescheitert, die vorsah, dass jeder Mensch ab 14 Jahren sein Geschlecht per „Sprechakt“ frei wählen und dieses auch in seinen Pass eintragen lassen kann – ohne dass es weiterer Gutachten bedarf.
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Die Befürchtung: Männer dringen in Frauenräume vor
David Allison weiß, dass er sich mit seiner Aktion auf ideologisch verhärtetes Terrain begibt. Schon länger soll in Deutschland das Transsexuellengesetz reformiert werden, dass laut Bundesverfassungsgerichts in Teilen verfassungswidrig ist. Das Gesetz regelt, unter welchen Voraussetzungen etwa eine Frau, die sich im falschen Körper geboren fühlt, auch offiziell als Frau leben kann. Bislang müssen sich Transmenschen auf einen kostspieligen und mitunter entwürdigenden Weg aus psychiatrischen Gutachten, peinlichen Befragungen und Gerichtsverfahren machen, bis in ihrem Pass das Geschlecht steht, dem sie sich zugehörig fühlen.
Dass dieser Weg vereinfacht werden muss, darüber herrscht in der Politik weitgehend Einigkeit, auch wenn rechte und fundamentalreligiöse Kräfte dagegen protestieren. Aber über das Ausmaß der Lockerungen herrscht unter den Parteien Streit. Nach dem gescheiterten Reformvorschlag der Grünen – einen ähnlichen Gesetzesentwurf hatte zeitgleich auch die FDP eingebracht – soll das Thema nach der Bundestagswahl wieder aufgegriffen werden.
Minderjährige sollen Geschlecht selbst wählen können
David Allison, der seit 20 Jahren in Deutschland lebt, betont, dass Transmenschen unbedingt vor Diskriminierung geschützt werden müssen, das Gesetz geändert gehört. Aber einen zu weit gefassten Geschlechterbegriff hält er für „gefährlich“. Er teilt die Meinung mancher Mediziner und Psychologen, die es für problematisch halten, wenn Minderjährige selbst ihr Geschlecht wählen können – ohne weitere psychologische Expertise oder Mitspracherecht der Eltern. Außerdem gefährde die Haltung seiner Partei die Gleichberechtigung, sagt Allison. Wenn sich jeder per „Sprechakt“ als Frau definieren könne, sei es für Männer einfach, in Räume vorzudringen, die sich Frauen erkämpft haben. Das habe seine Aktion beim Thema Frauenquote belegt.
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Seit er über seine Aktion, die schon einige Wochen zurückliegt und damals nicht öffentlich wurde, in der September-Ausgabe der feministischen Zeitschrift „Emma“ geschrieben hat, bekommt Allison viele positive Rückmeldungen, wie er sagt. Denn auch manch eine Anhängerin des Feminismus sieht dessen Errungenschaften in Gefahr, was teilweise den Vorwurf mit sich bringt, transgenderfeindlich zu sein. „Für Frauen vorgesehene Positionen und Angebote wie Frauensport, Frauenberatungsstellen, Lesbenräume, Stipendien, Listenplätze werden für Männer geöffnet. Dies stellt eine Diskriminierung von Frauen dar“, schreiben zum Beispiel die Verfasserinnen der „Women’s Human Rights Campaign“.
Schutzmechanismen funktionierten
Die Befürworter des weit gefassten Frauenbegriffs hingegen betonen die Rechte von Transmenschen. Wer sich dafür entscheide, offiziell das Geschlecht zu wechseln, habe meist einen jahrelangen Prozess hinter sich, viele Transmenschen fühlten schon im Kindesalter, dass sie dem anderen Geschlecht angehören, betont etwa die Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität.
Im Grünen-Kreisverband Reutlingen werde das Thema nach David Allisons Aktion diskutiert, sagt Thomas Rose vom Kreisvorstand unserer Zeitung. Allerdings sehe man bislang keine Notwendigkeit an den bestehenden Definitionen der Partei etwas zu ändern – zumal das ohnehin nur auf Bundesebene geschehen könne. Rose rät seinem Parteifreund Allison, sich zum Beispiel beim nächsten Bundesparteitag dafür einzusetzen, dass das Frauenstatut geändert wird, wenn ihn die jetzige Formulierung störe.
Die Befürchtung, dass Männer nun Frauenräume besetzen, teilt Thomas Rose nicht. Die Aktion habe gerade gezeigt, wie fest verankert die Frauenquote sei. „David Allison konnte zwar auf dem Frauenquotenplatz kandidieren, aber er wurde mit nur drei Stimmen nicht in den Vorstand gewählt“, sagt Rose. Das zeige, dass die Schutzmechanismen funktionierten.
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