Ausbildungsmarkt Hauptschüler sind als Azubis unerwünscht

Hauptschüler mit einer Lernschwäche benötigen Förderunterricht, um fit für die Ausbildung zu werden. Foto: dpa
Hauptschüler mit einer Lernschwäche benötigen Förderunterricht, um fit für die Ausbildung zu werden. Foto: dpa

Immer mehr Unternehmen klagen darüber, dass sie keine Lehrlinge finden. Dennoch suchen viele Hauptschüler vergeblich nach einer Lehrstelle. Auch, weil Betriebe Vorbehalte haben, kritisieren Ausbildungsexperten und Bewerbungstrainer.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Patrick Lüders (Name geändert) ist ratlos. Seit Monaten bewirbt sich der 16-Jährige um eine Ausbildung. Er würde gern „an Autos rumschrauben“. Doch statt Einladungen zum Bewerbungsgespräch erhält er nur Absagen. Und das, obwohl sein Hauptschulabschluss mit einer Note von 3,1 nicht der schlechteste ist, findet Lüders, der langsam verzweifelt. „Ich habe echt Angst, arbeitslos zu sein.“

Jugendliche wie Patrick Lüders betreut Günter Conradt täglich. Der Bereichsleiter von Job-Connections in Stuttgart, einer Berufsberatungsstelle für Jugendliche der Evangelischen Gesellschaft (Eva), hilft vor allem Hauptschülern und schlechten Realschülern bei der Bewerbung und bereitet sie auf Vorstellungsgespräche vor. „Wir holen das Maximum aus einer Bewerbung heraus“, sagt Conradt. „Vor 30 Jahren war es egal, wie eine Bewerbung aussieht. Heute achten alle Betriebe auf Grammatik, Rechtschreibung und schlüssige Formulierungen.“ Viele Betriebe wurden verwöhnt, als es zwischen 2000 und 2010 mehr Bewerber als freie Lehrstellen gab. Sie haben ihre Ansprüche hochgeschraubt und nicht mehr daran gerüttelt – trotz seit Jahren sinkender Schüler- und damit Bewerberzahlen. Immer mehr Betriebe klagen über Azubi- und Fachkräftemangel.

Trotzdem haben Jugendliche mit Hauptschulabschluss auf dem Ausbildungsmarkt schlechtere Chancen als andere. In Baden-Württemberg macht nur noch jeder fünfte Schüler den Hauptschulabschluss. Unmittelbar finden davon laut „Ländermonitor berufliche Bildung 2015“ der Bertelsmann-Stiftung nur rund 40 Prozent einen Ausbildungsplatz. Bildungsforscher haben errechnet, dass bundesweit jeder dritte Hauptschüler keine Berufsausbildung abschließt. Inzwischen haben Hauptschüler auch nur eine begrenzte Berufsauswahl: Zwei von drei Angeboten in der bundesweiten Lehrstellenbörse der Industrie- und Handelskammern (IHK) bleiben ihnen verwehrt. Die Betriebe verlangen mindestens den Realschulabschluss.

Zuhause keine Unterstützung

Die Hauptschule hat ein schlechtes Image. Viele Betriebe haben Vorurteile und trauen den Jugendlichen eine Berufsausbildung nicht zu. Zuhause werden sie nicht unterstützt. Zu Conradt kommen „sehr bemühte junge Menschen, die allein gelassen werden“. Er vermutet, dass gerade kleine Unternehmen Bewerber mit geringem Betreuungsaufwand bevorzugen, solche, bei denen sie keine Schulprobleme annehmen. „Vielen Betrieben sind 15- oder 16-Jährige auch nicht reif genug“, sagt Conradt.

Christian Rauch, der Leiter der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Baden-Württemberg, sieht das ähnlich. Dass ein Azubi keine Motivation oder den falschen Beruf gewählt hat, könne unabhängig von seinem Abschluss passieren. Jedoch: „Die Anforderungen an viele Berufe sind aufgrund der Digitalisierung gestiegen, Berufsschüler müssen mehr Theorie lernen“, sagt Rauch. Mit der Entscheidung für einen Realschüler oder Abiturienten glauben die Betriebe, wenigstens das Risiko minimieren zu können, dass der Azubi an den beruflichen Anforderungen scheitert.

Martin Frädrich, Geschäftsführer der Abteilung Beruf und Qualifikation der IHK Region Stuttgart, bestreitet, dass Jugendliche mit einem niedrigen Abschluss das Nachsehen haben – gerade in Zeiten, in denen Betriebe händeringend Nachwuchs suchen. „Ein guter Hauptschüler hat Chancen. Den Betrieben ist die Persönlichkeit eines Bewerbers wichtig. Er muss wollen“, sagt Frädrich. Der Ausbildungsexperte räumt aber berufsbezogene Unterschiede ein: In der Tat seien nicht alle Berufe für jeden offen. „In manchen Bereichen wie dem Banken- und Versicherungswesen oder generell in Büroberufen tun sich Hauptschüler erfahrungsgemäß schwer“, so Frädrich.

Grundkenntnisse fehlen

Viele Haupt-, aber auch Werkrealschulen hätten große Mühe, ihr Niveau an die Voraussetzungen für die Berufe anzupassen. „Häufig sind leider nicht einmal die Grundkenntnisse der Jugendlichen in Deutsch und Mathematik ausreichend“, sagt Frädrich. Aus seiner Sicht ist die fehlende Ausbildungsreife, die oft auch mit unklaren Berufsvorstellungen einhergeht, ein großes Problem. Hier sieht er die Schulen in der Pflicht und begrüßt die jeweiligen Bildungsangebote für Absolventen. Die Werkrealschule führt nach sechs Jahren zu einem dem Realschulabschluss gleichwertigen Abschluss und bietet auch die Möglichkeit, den Hauptschulabschluss am Ende der neunten oder zehnten Klasse zu erwerben. An Gemeinschaftsschulen können die Abschlüsse der Hauptschule nach den Klassen neun oder zehn abgelegt werden, der Realschulabschluss nach Klasse zehn.

Allenfalls unter vier Augen geben Unternehmer zu, dass sie Jugendliche mit höheren Abschlüssen als Azubis grundsätzlich bevorzugen. Einer, der die Wünsche und Vorbehalte der Betriebe kennt und offen darüber redet, ist der Karriereberater Oliver Stiess. „Viele stellen keine Haupt- und Werkrealschüler ein und sagen mir das auch so“, sagt der Pforzheimer Berater. Seine Klienten über alle Branchen hinweg seien überzeugt: Die soziale Kompetenz der Bewerber und die Qualität ihrer Erziehung durch die Eltern sinken mit dem Abschluss.

Stimmt das? „Jugendlichen mit Hauptschulabschluss fehlen öfter die Umgangsformen und Soft Skills“, sagt Stiess, der in Schulen Bewerbungstrainings anbietet. Dabei legten gut zwei Drittel der Betriebe mehr Wert auf Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit, Motivation oder Kommunikationsstärke als auf Noten. Sie sehen diese als Grundlage dafür, Jugendliche in das Unternehmen zu integrieren. Defizite spiegelten sich „in der Verpackung der Bewerbung“ wider: Rechtschreib- und Kommafehler, eine bloße Aneinanderreihung der beruflichen Stationen, Floskeln.

Bewerber machen Eignungs- und Persönlichkeitstests

Bewerber müssten heute mehr bestehen als das Vorstellungsgespräch. Sie füllen Eignungs- und Persönlichkeitstests aus oder durchlaufen Assessment-Center – „bei Stadtverwaltungen sehr beliebt“, sagt Stiess. Andere Betriebe verlangten den Lebenslauf handgeschrieben, damit sieanhand der Schrift die Persönlichkeit analysieren lassen können. „Natürlich gibt es auch richtig gute Jugendliche an Haupt- und Werkrealschulen“, sagt Stiess. So, wie es Betriebe gibt, die Hauptschülern gern eine Chance geben. „Insgesamt tun Betriebe aber zu wenig für sie“, kritisiert er.

Kammern ermutigen Betriebe zu mehr Offenheit

Dabei bietet Baden-Württemberg einiges, um schwache Jugendliche und Betriebe zusammenzuführen. Eine Form von Hilfe für junge Menschen mit Förderbedarf ist seit 2009 die assistierte Ausbildung: Jugendliche werden fit für die Lehre gemacht und auch in ihrer Lehrzeit professionell begleitet. 2016 nahmen 724 Jugendliche das Angebot wahr – immerhin drei Mal so viele wie 2015. Dennoch: „Solche Hilfsmaßnahmen werden uns nicht aus den Händen gerissen“, bedauert BA-Chef Rauch.

Die IHKs und Handwerkskammern ermutigen ihre Betriebe zu mehr Offenheit. „Viele Jugendliche mit Hauptschulabschluss entwickeln sich während ihrer Ausbildung sehr gut weiter“, sagt IHK-Ausbildungsexperte Frädrich. Hohe Erwartungen setzen die Unternehmen in das neue Unterrichtsfach Wirtschaft und Berufsorientierung sowie in die Einführung eines Tags der Berufsorientierung an allen allgemeinbildenden Schulen im Land. Gerade an Haupt- und Werkrealschulen soll die berufliche Orientierung weiter gestärkt werden. Dann, so die Hoffnung, wissen die Jugendlichen besser, welche Berufe zu ihnen passen und können ihre Bewerbungen entsprechend formulieren.

Erfahrungen zeigen, dass Hauptschüler von einer frühen Berufsorientierung profitieren: Kommen schon Siebtklässler mit potenziellen Ausbildungsbetrieben zusammen, finden laut BA-Regionalchef Rauch 70 bis 80 Prozent der Absolventen eine Lehrstelle. Deshalb fordert er mehr Transparenz von den sogenannten Leuchtturmschulen. Was machen sie anders? Ihre Erfolge wertet Rauch auch als Zeichen dafür, dass sich die Vorbehalte der Betriebe überwinden lassen. „Wir haben einen insgesamt exzellenten Ausbildungsmarkt, auf dem wir uns jetzt um die Feinjustierung kümmern müssen.“

Patrick Lüders hat nun eine Lehrstelle gefunden. Dank eines Nachbarn hat er nach einem erfolgreichen Praktikum in einem Fahrradladen das Angebot erhalten, sich zum Fahrradmonteur ausbilden zu lassen. www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.azubi-speed-dating-in-stuttgart-in-zehn-minuten-zur-ausbildung.a534bec8-90a5-416c-97df-fcf7990cd9d2.html

Unsere Empfehlung für Sie