Das Wetter schlägt wieder einmal Kapriolen: erst war es sommerlich warm, nun ist es im wahrsten Sinne des Wortes eiskalt. Die Minusgrade haben den Pflanzen zugesetzt. „Das heißt nichts Gutes“, dachte Christian Hörnle am frühen Dienstagmorgen, als er die Anzeige auf seiner semiprofessionellen Wetterstation las: minus 2,3 Grad herrschten gegen 6.30 Uhr im Stuttgarter Stadtteil Weilimdorf. „Es sieht richtig schlecht aus“, kann er mittlerweile sagen. Der Obstbauer rechnet mit einem Totalausfall. Der Untertürkheimer Winzer Michael Warth von der Weinmanufaktur hat durch den Frost etwa drei Viertel seiner Ernte verloren. Nicht alle Kollegen in und um Stuttgart hat es so heftig erwischt wie die beiden, aber alle sind betroffen. Zuletzt richtete der Frost 2017 einen verheerenden Schaden an. Dieses Jahr war das Risiko besonders hoch.
Der frühe Austrieb war extrem schädlich
„Wir hatten einen wahnsinnig frühen Austrieb“, sagt Timo Saier. Der Betriebsleiter vom städtischen Weingut. Nicht nur Blätter waren gewachsen, sondern auch die ersten Traubengescheine, die Ansätze für die späteren Fruchtstände. In den Weinbergen am Pragsattel scheint die Kälte sich festgesetzt und die zarten Triebe zerstört zu haben. Aber in der Innenstadt war es warm genug, dass die Pflanzen unbeschadet davon gekommen sind. „Ich bin überrascht, dass wir überhaupt dieses Problem haben“, sagt Timo Saier, zumal es nur wenige Stunden richtig kalt war. Bei Markus Nanz in Uhlbach waren die Hangfußlagen betroffen. Der Winzer vom Collegium Wirtemberg schätzt, dass „40 Prozent vom Wein kaputt ist“. Unten staute sich die Kälte, die oberen Lagen kamen davon. „Es ist eine Nacht gewesen, das hat gereicht.“
Landauf, landab hat der Frost dem Weinbau zugesetzt, berichtet Hermann Morast, der Geschäftsführer des Weinbauverbands Württemberg. Auch an der Mosel und der Saar, in Franken und an der Nahe haben die Minusgrade für Ausfälle gesorgt. „Die Gefahr war groß“, sagt er. Wegen des frühen Frühlings seien bei den frühen Sorten und in warmen Lagen sind die Triebe bereits bis zu 25 Zentimeter lang. Das gesamte Ausmaß des Schadens lasse sich erst in einigen Tagen qualifizieren. Dann werde sich zeigen, ob die Pflanzen nachhaltig geschädigt sind oder sich wieder zum Leben erwecken lassen.
„Deutlicher Ausfall“ im Remstal
„Es hat uns ordentlich erwischt“, weiß der Fellbacher Winzer Rainer Schnaitmann bereits. Weinberge in unterschiedlichen Lagen sind betroffen, auch im Lämmler, einer seiner besten Lagen, sind Triebe erfroren. Von teilweise „deutlichem Ausfall“ berichtet auch sein Kollege Jens Zimmerle aus Korb im Remstal. Nun zahle sich aus, dass er, wie die meisten Winzer, Frostruten stehen lässt. An diesem Reserveast treiben die Reben wieder aus. „Die Burgundersorten machen im Ersatztrieb meistens noch Trauben“, erklärt Rainer Schnaitmann, bei anderen Sorten sei es schlimmer. Wein werde es trotzdem geben, beschwichtigt Jens Zimmerle, auch vor sieben Jahren gab es Wein. Wobei das Wetter noch viele Überraschungen bringen kann bis zur Lese.
Als „sehr uneinheitliches Bild“ beschreibt Andreas Siegele die Schadenslage beim Obstbau. Stellenweise sei der Schaden so schlimm wie vor sieben Jahren, stellenweise sei gar nichts passiert, sagt der städtische Obstbauberater. Das ganze Ausmaß zeige sich erst, wenn es wieder warm werde, ein Wachstumsschub einsetze und die Bäume sich von den erfrorenen Früchten trennen. Das Problem ist auch beim Kernobst, dass die Blüte bereits vorbei war: Zerstört der Frost die Samenanlage der Jungfrüchte, gebe es keine Regeneration mehr. Dass „die Bienen bei der Kälte nicht so fliegen, wie sie fliegen sollten“, sei für die Obstbauern ein weiteres Problem, erklärt Andreas Siegele. Und theoretisch könnte es bis zu den Eisheiligen Mitte Mai noch einmal kalt werden. Für den Experten ist „die Gefahr noch nicht vorbei“.
Acht Tonnen Traufeltrauben sind kaputt
Bei Jens Bauer in Cannstatt zerstörte der Frost acht bis zehn Tonnen Tafeltrauben. Blätter werden nachwachsen, Trauben nicht mehr. „Weintrauben werde ich noch ernten, Äpfel muss man abwarten“, sagt der Inhaber vom Apfelparadies. Reserven, um den Ausfall abzufedern, hat er keine mehr: In den vergangenen zwei Jahren war der Ertrag aufgrund der Trockenheit schon schlecht. „Jedes Jahr ist irgendwas“; sagt Jens Bauer, der auch ein paar Mal desaströsen Hagel erlebt hat. Die Versicherung hat er sich gespart, weil sie auch viel Geld koste. Michael Warth findet es dagegen „sehr beruhigend, dass es diese Versicherung gibt“. Er erhält zwar bei weitem nicht den Betrag, den ihm ein normaler Herbst eingebracht hätte, „aber es lindert den Schmerz“. Zurücklehnen kann er sich nicht, denn ein Weinberg mit Frostschäden muss sozusagen aufgepäppelt werden, damit er nicht völlig abstirbt.
Die Bäume von Christian Hörnle in Weilimdorf waren genau in der empfindlichen Jungfruchtphase, als sein Thermometer anschlug. In den etwa fünf Millimeter großen Süßkirschen und Zwetschgen findet er nur schwarze Kerne. Das bedeutet, dass die Samenanlage erfroren ist. „Die Aprikosen werden auch herunterfallen“, sagt er. Wie es um die Äpfel, Birnen und Quitten steht, wird sich nächste Woche zeigen. Das Wichtigste – seine Erdbeeren – konnte er immerhin größtenteils mit einem Vlies schützen. Die frühen Sorten sind momentan in der Vollblüte. „Man muss ein bisschen hoffen“, stimmt sich Christian Hörnle selbst positiv.