Ausstellung in Hemmingen Als der Kaffee ein Statussymbol war

Tragen mit Exponaten zur Jahresausstellung im Etterhof bei: Otmar Keller, Siegrid Weis und Silvia Dölle. Foto: Simon Granville

Im Etterhof in Hemmingen dreht sich alles um das Getränk, das einst Luxus war. Zum Glück gab es günstigen Ersatz, der unweit der Gemeinde produziert wurde.

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

Zum Gespräch servieren Christel Raasch und Reinhard Kubens Kaffee. Und sind damit mitten im Thema der Jahresausstellung „Von Mokka bis Muckefuck“ des Ortsgeschichtlichen Vereins. Im Etterhof dreht sich alles rund um die Geschichte des Kaffees, um Kaffeeröstung, Kaffeemaschinen, Kaffee-Ersatz und natürlich Kaffeehäuser. Wie immer sind die Exponate nicht nur aus dem Fundus des Vereins, sondern auch Leihgaben von Bürgerinnen und Bürgern. Nicht wie immer ist dagegen, dass alle Räume im Etterhof inhaltlich zur Ausstellung passen – was an der Menge der Exponate liegt. Außerdem verköstigen die Vereinsvorsitzenden Kubens und Raasch die Gäste mit Kaffee und Muckefuck, und eine Kaffeemühle kann ausprobiert werden.

 

Aber wieso diesmal eigentlich die Welt des Kaffees? Reinhard Kubens erzählt, in der Vorstandsrunde habe ein Mitglied den Blick schweifen lassen – der an den Kaffeekannen im Regal an der Wand hängenblieb. „Wir dachten uns, wenn wir schon so viele Kannen haben, warum machen wir dann nichts zum Thema Kaffee?“, so Kubens. Dem Aufruf, Gegenstände beizusteuern, sind zahlreiche Hemminger gefolgt. „Ich liebe das Thema“, sagt Silvia Dölle. Sie zeigt 100 Jahre alte Mokkatassen mit Goldrand und alte Kaffeedosen. Die Dose von Kaffee Hag sei wertvoll: Sie sei erstens ein Geschenk der Firma, die es zweitens nicht mehr gebe.

„Wir staunten Maulaffen“

Als freie Handelsvertreterin verkaufte Silvia Dölle mit ihrem Mann Kaffeemaschinen, als sie im Jahr 1978 nach Hemmingen zogen. Von Espresso zum Beispiel habe hier damals keiner etwas gewusst. „Wir staunten Bauklötze angesichts des Kaffees aus dem Süden oder Frankreich“, sagt Silvia Dölle. Leicht sei es nicht gewesen, das Getränk, Schümli-Kaffee etwa, an die Menschen zu bringen. Jobbedingt hat sie in ihrem Leben schon ziemlich viel Kaffee getestet. „Das geht nur ohne Milch, deshalb trinke ich meinen Kaffee seitdem schwarz.“

An Muckefuck erinnert sich Otmar Keller noch gut. „Den gab es zuhause, im großen Topf“, sagt er, anno 1942 geboren, über den günstigen Ersatzkaffee aus Getreide, Eicheln oder Zichorie. „Richtigen“ Kaffee habe es nur zu besonderen Anlässen gegeben. „Er war damals teuer und eine große Investition“, sagt Otmar Keller. Von ihm ist in der Ausstellung ein Perkolator zu sehen, ein Kaffeebereiter, im Prinzip eine erste Kaffeemaschine.

Zichorienwurzeln ausgegraben

Reinhard Kubens sagt, die Care-Pakete der USA nach dem Zweiten Weltkrieg hätten aber bereits Kaffee enthalten. Der Vereinschef schätzt, dass Kaffee mit dem Wirtschaftswunder für die breite Masse allmählich erschwinglich wurde. „Kaffee war ein Statussymbol“, meint Christel Raasch. Man habe ihn sich schicken lassen. „Röstfrisch aus Bremen“, ergänzt Reinhard Kubens.

Siegrid Weis hat als Kind Zichorienwurzeln ausgegraben. „Den Geruch fand ich gut“, sagt die Hemmingerin. Noch mehr aber mochte sie als Schülerin kalten Lindeskaffee aus Gerste mit Zucker. „Immer wenn ich krank war, habe ich den getrunken“, berichtet Weis. Wie sehr habe sie sich auf die Sommergrippe gefreut! Siegrid Weis steuert zur Ausstellung einen rot gestreiften Kaffeewärmer aus Stoff bei, der Vorläufer von Thermoskannen. „Den Kaffeewärmer habe ich von meiner Tante zur Konfirmation bekommen.“ Dann lacht sie. „Ich habe ihn nie benutzt.“ Bis jetzt. Siegrid Weis’ Kaffeewärmer steht im Etterhof auf einem Tisch mit einer Menge Blümchengeschirr. Ihre Schwester besitzt einen blau gestreiften.

Was Hemmingen mit Zucker zu tun hat

Wer die Schau in der Eisgasse besucht, sollte Zeit mitbringen. „Wir haben viele Kleinode und keine großen Exponate“, sagt Reinhard Kubens. Er deutet auf einen Tropfenfänger an einer Kanne, dann auf zwei rote Rollen Zichorienkaffee von Franck. Das anno 1828 von Johann Heinrich Franck gegründete Unternehmen stellte in Ludwigsburg Muckefuck her, war berühmt für seinen Caro-Kaffee. Das Werk am Bahnhof gehörte nach einigen Namensänderungen und Fusionen seit dem Jahr 1971 zum Nestlé-Konzern. Im Jahr 2018 verlagerte er die Produktion überraschend nach Portugal.

Deutlich näher als Franck ist Hemmingen die Firma Hellma. Die produzierte in der Gemeinde viele Jahre lang den Würfelzucker, der im Etterhof auf einem gedeckten Kaffeetisch liegt. Im Jahr 1923 hat Karl Hellmann damit begonnen, die Würfelzucker im Doppelpack zu produzieren. „Heute werden nur noch die Zuckerrüben angebaut“, sagt Reinhard Kubens. Und auch die Eisenbahnlinie sei nur wegen des Anbaus der Zuckerrüben errichtet worden. Das Porzellan indes ist aus der Württembergischen Porzellanmanufaktur in Schorndorf und etwa 100 Jahre alt.

Kaffee statt Alkohol

Besonders, so Kubens, interessiere ihn die Entstehung der Kaffeehäuser, in denen gleichzeitig Poststationen, Zeitungsredaktionen oder Niederlassungen von Versicherungen angesiedelt waren. In Kaffeehäusern sei viel Politisches entstanden, sagt der Vereinsvorsitzende. Anders als Wirtshäuser seien sie keine Männerdomäne gewesen. „Der Kaffee löste den Alkohol ab.“

Muckefuck, Kaffee – und Kuchen

Gucken
 Die Ausstellung „Von Mokka bis Muckefuck“ im Etterhof in Hemmingen öffnet an diesem Sonntag, 3. März, um 14 Uhr mit einem Sektempfang. Es spielt das Flötenensemble des SZFZ Musikzugs. Mitglieder des Ortsgeschichtlichen Vereins servieren bis 17 Uhr Kaffee, Kuchen und natürlich: Muckefuck. Die Jahresausstellung ist immer sonntags von 14 bis 17 Uhr zu sehen. Sie endet am 27. Oktober.

Backen
 Neben Ausstellungen bietet der Ortsgeschichtliche Verein unter anderem auch Backtage beziehungsweise Brotbackkurse an. Mehr Infos: www.etterhof.de.

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