Sie kann das Gefühl gar nicht so genau beschreiben, aber sie weiß noch, dass es stark war. Es zog sie weg von daheim – weit weg. Nach Afrika. „Es sollte einfach alles so kommen“, sagt Sarah Strässer im Rückblick. Die 26-Jährige aus dem Rems-Murr-Kreis erinnert sich noch, dass sie ein Buch gelesen hat, das „Safari des Lebens“ hieß. Danach fing sie sofort an, zu googeln. Sie wollte was mit Babys machen und wurde auf einer Website fündig, auf der Freiwilligendienste in Tansania angeboten wurden.
Sie kehrte nur noch mal zurück, um die Möbel zu verkaufen
Anfang des Jahres brach die gelernte Physiotherapeutin, die zuletzt als Dozentin ausbildete, auf. Eigentlich nur für drei Monate. Doch sie kehrte nur noch einmal nach Deutschland zurück, um ihre Möbel zu verkaufen. „Ich habe mich sofort in dieses schöne Land und die Menschen verliebt“, schreibt die junge Frau aus Kernen auf der Homepage ihrer eigenen Organisation. „Giving Hands“ heißt der Freiwilligendienst, den Sarah Strässer mit ihrem zukünftigen Mann Emmanuel gegründet hat.
Denn die 26-Jährige hat sich nicht nur in Land und Leute, sondern auch in den 28-jährigen tansanischen Safari- und Tourguide, der Deutsch, Französisch, Englisch und Swahili spricht, verliebt. Im Dezember werden die beiden in Deutschland standesamtlich heiraten – kurz bevor das Baby der beiden zur Welt kommen wird. „Im März ist dann die große Hochzeit in Afrika geplant, mit Kirche und ganz viel Tanz. Auch die gebrechliche Oma, von der man es nie meinen würde, tanzt dort los. Und ansonsten ist eigentlich alles wie hier, weißes Kleid inklusive“, sagt Sarah Strässer.
Beim Telefonat, bei dem man sie mit einer Stunde Zeitverschiebung in der neuen Wahlheimat erreicht, wird immer wieder deutlich, dass die 26-Jährige hofft, durch ihre Schilderungen mit einigen der immer noch vorhandenen Klischees aufzuräumen. „Eigentlich ist hier alles ganz normal. Als Weiße wird man hier weder vergewaltigt noch ständig belästigt.“ Wer zu Besuch komme, fühle, was sie meine. Sarah Strässer hört oft von Leuten, die den gleichen Wunsch wie sie hegen, sich aber nicht trauen. „Man muss es einfach machen. Irgendeine Entschuldigung, warum es nicht geht, gibt es immer. Viele haben Angst wegen des Materiellen. Aber nur das alleine macht eben auch nicht glücklich.“
Für Sarah Strässer fühlt es sich einfacher und freier in Afrika an
Ihre Erzählungen machen klar, dass nicht alles wie in Deutschland ist, dass aber genau das der Grund ist, warum der Physiotherapeutin die Entscheidung, in Afrika zu bleiben, leicht fiel. „Es ist alles einfacher, freier, und die Menschen sind so echt, so glücklich und so hilfsbereit. Auch Corona gibt es hier quasi nicht. Und wenn doch mal einer krank ist, macht er trotzdem mit seinem Alltag weiter, sonst verliert er alles. Keinem kommt dadurch die gute Laune abhanden. In Deutschland dagegen sind kleinste Kleinigkeiten oft Grund für Gejammer und Selbstmitleid“, beschreibt sie ihre Empfindungen.
In Deutschland hat Sarah Strässer auch auf der Intensivstation als Physiotherapeutin gearbeitet. Da hat sie gemerkt, wie stark die Genesung mit dem Geist zusammenhängt. „Ich habe das Gefühl, das wird in Deutschland oft vernachlässigt.“ Auch in Tansania ist die junge Frau als Physiotherapeutin bei behinderten Kindern im Einsatz. Zudem kümmert sie sich um die kleinen Babys im Waisenhaus – gibt ihnen die Flasche und kuschelt mit ihnen. „Das sind aber alles Jobs, bei denen ich kein Geld verdiene. Weil ich das aber auch muss, verkaufe ich Safaris und habe die Organisation für Freiwilligendienste gegründet“, sagt die Frau aus Kernen.
Momentan leben zwei Freiwillige bei ihnen. Denen macht sie morgens das Frühstück, kümmert sich um sie und zeigt ihnen das Land: Safaris, Daytrips zu Wasserfällen, heißen Quellen, zahlreiche Sonnenuntergänge, eine Wanderung auf den Kilimandscharo oder den nahe gelegenen Mount Meru, Strände auf Sansibar – die abwechslungsreiche Auflistung ist auf der Homepage von „Giving Hands“ zu lesen.
Sarah Strässer hofft, dass junge Menschen, die wie sie nach dem Abschluss eine Pause brauchen und mal etwas ganz anderes sehen wollen, sich bei ihr melden. Wer kommt, kann in vielen Bereichen, in denen dringend Hilfe benötigt wird, mitmachen. „Tagesbetreuung von Kindern, damit die Eltern arbeiten können, im Waisenhaus, im Krankenhaus oder in Einrichtungen für behinderte Kinder. Da die Gäste aus Europa freiwillig dort arbeiten, können sie jederzeit den Aufenthalt auch dazu nutzen, Tansania zu erkunden“, sagt sie.
Auch Sarah Strässer nutzt ihre Zeit. Sie liebt die dortige Küche mit Reis und Gemüse – wenn das Paar mal Essen geht, zahlt es umgerechnet 1,50 Euro –, kleidet sich in den bunten Gewändern der Einheimischen und genießt das naturverbundene Leben in ihrer neuen Heimat. Mit dem Hahnenschrei des Nachbarn erwacht das Leben, und abends mit Einbruch der Dunkelheit bleibt man daheim. „In Deutschland war ich Veganerin, hier esse ich wieder alles, weil ich die Tiere eher kenne und sehe, dass sie ein gutes Leben führen“, sagt Strässer, die sich trotz mancher Unannehmlichkeiten wie häufigen Stromausfällen, Geldsorgen und nicht immer fließendem Wasser in Afrika endlich frei fühlt. „Das versteht nicht jeder, aber ich muss mich glücklich machen, nicht andere.“
Freiwilligendienst Giving Hands Wer mehr von Sarah Strässer erfahren oder spenden möchte, bekommt Infos auf der Homepage https://www.givinghandstansania.com