Schrotthändler in Feuerbach Wie Karle Recycling in Stuttgart mit E-Autos umgeht

Auf dem Gelände der Firma Karle in Feuerbach sieht es trotz allen Veränderungen auch noch aus wie auf einem klassischen Schrottplatz. Foto: /KR

Früher führte die letzte Reise eines Autos auf den Schrottplatz. Immer häufiger ist heute ein Recyclingbetrieb Endstation. Zu Besuch bei der Firma Karle, auf die mit den E-Fahrzeugen eine neue Herausforderung zukommt.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Peter Stolterfoht (sto)

Der Fernsehkrimi-Klassiker: ein Auto baumelt am Greifarm des Baggers. Im Wageninneren der Kommissar – bewusstlos. Schnitt. Das Fahrzeug kommt auf dem Förderband daher – als Metallwürfel, zu dem es die Presse zusammengedrückt hat. Schnitt. Der Kommissar sieht auch ziemlich zerknautscht aus, hat es aber noch rechtzeitig aus dem Fahrzeug geschafft. Schnitt.

 

Auftritt Eva Geier-Groß. Sie grinst. Eine solche Schrottplatz-Assoziation begegnet ihr häufig, diese Schimanski-Tatort-Erinnerung. Die wird in diesem Fall nicht am Duisburger Hafen geweckt, sondern in Stuttgart-Feuerbach, dem Stammsitz der Firma Karle Recycling. Dort ist Eva Geier-Groß Referentin der Geschäftsleitung und als rechte Hand von Chef Stephan Karle für das große Ganze zuständig, das schon lange nicht mehr dem nostalgischen Schrottplatz-Bild entspricht. „Zu uns kommen keine Autoschrauber, die nach einer Auspuffanlage suchen“, sagt Eva Geier-Groß, „hier arbeiten ja auch nicht die Ludolfs.“

Mit der „Leerforce One“ auf Abfalltour

Die berühmte Schrottplatz-Familie Ludolf aus dem Privatfernsehen verkörperte lange eine Branche, die es heute fast nicht mehr gibt. Dieser Entwicklung wäre wohl auch die im Volksmund als Schrott-Karle bekannte Firma zum Opfer gefallen, die einst vom Großvater des heutigen Geschäftsführers gegründet worden war. Wenn sich die Firma nicht über drei Generationen hinweg immer wieder von Grund auf neu aufgestellt hätte. Heute präsentiert sich der Feuerbacher Betrieb mit seinen 85 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 25 Millionen Euro als Recycling-Unternehmen mit unterschiedlichen Geschäftsfeldern. Neben der Altautoverwertung werden Baustellen-, Industrie und Veranstaltungsabfälle entsorgt. Für die Stadt Stuttgart kümmert sich Karle um den Abfall, der beispielsweise beim Frühlings- und Volksfest anfällt – „mit dem Leerforce One“, dem modernen Müllsammelfahrzeug, wie Eva Geier-Groß sagt. Zum breiten Angebot gehört auch ein Wertstoffhof, den jeder in Anspruch nehmen kann.

E-Autos werden zur Herausforderung

Ziel ist es in all diesen Sammelbereichen, die unterschiedlichen Materialien und Stoffe herauszufiltern und zurück in den Verwertungskreislauf zu führen. Was gerade mit dem Blick auf die Mobilitätswende eine große Herausforderung darstellt. Die Bundesregierung geht davon aus, dass im Jahr 2030 etwa 15 Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen unterwegs ein werden. Zur Rechnung gehört auch, dass die Leistung der Akkus nach 160 000 Kilometern nur noch 70 Prozent beträgt und damit die Reichweite des Fahrzeugs stark eingeschränkt ist. Die Recycling-Industrie erwartet also in rund 15 Jahren eine Batterienschwemme, die umweltschonend abgearbeitet werden muss. Dabei sieht man bei Karle im Moment noch gewisse Probleme auf sich zukommen. Für ein Auto mit einem Verbrennungsmotor benötigt der Recycler etwa 45 Minuten, um es press- und schredderfertig zu machen, wie Eva Geier-Groß vorrechnet: „So lange dauert es, das Fahrzeug zu entleeren, also Flüssigkeiten wie Öl und Benzin abzulassen.“ Deutlich zeitaufwendiger sei es, einen Akku auszubauen.

Bei den wenigen abgegebenen E-Autos, die in Feuerbach bisher ihre letzte Ruhe gefunden haben, hat es drei bis vier Stunden gedauert, um das Auto für die Presse vorzubereiten. Die Lithium-Ionen-Batterie abzumontieren, ist ein komplexer Vorgang. Erschwerend hinzu kommt, dass man für diese Tätigkeit speziell geschult sein muss. In diesem Zusammenhang bezeichnet die Karle-Mitarbeiterin auch die Brandgefahr als „problematisch“.

Strenge EU-Richtlinien für das Akku-Recycling

Für das Recycling der Akkus gibt es aber auch klare Regeln. Im Dezember hat die EU strenge Wiederverwertungsquoten für die enthaltenen Metalle festgelegt. Kobalt und Nickel müssen von 2027 an zu 90 Prozent in den Kreislauf zurückgeführt werden, von 2031 an zu 95 Prozent. Die Mindestwerte bei Lithium liegen bei zunächst 50 und später bei 80 Prozent. Derzeit liegt die Recyclingquote eines kompletten Autoakkus bei noch nicht besonders umweltschonenden 50 Prozent. Zur Steigerung der einzelnen Werte wird künftig beitragen, dass die Batterien nicht mehr nur geschreddert oder eingeschmolzen, sondern auch „nasschemisch“ behandelt werden. Dazu sollen Laugen und Säuren im Recyclingprozess durch Wasser ersetzt werden, was ihn kostengünstiger und gleichzeitig umweltfreundlicher machen soll.

Mittlerweile haben die Autohersteller das Batterie-Recycling als Zukunftsindustrie auch für sich entdeckt. Zunächst in China, mittlerweile auch in Deutschland. Gerade erst hat Mercedes-Benz in Kuppenheim den Grundstein für eine solche Fabrik gelegt. Interessant wird sein, was in ein paar Jahren vom E-Auto-Boom bei Karle ankommt. In einer Zeit, in der ein klassischer Schrottplatz ganz ausgestorben sein wird.

Familienbetrieb

Gestern
Der 1909 in Künzelsau geborene Kfz-Mechaniker Emil Karle macht sich 1948 am Stuttgarter Nordbahnhof mit einem Schrotthandel selbstständig. 1961 steigt sein Sohn Jürgen mit in den Betrieb ein. 1983 sichert sich das Familienunternehmen Anteile am „Shredderwerk Herbertingen“ im Landkreis Sigmaringen.

Heute
Seit zehn hat das Unternehmen seinen Sitz in Stuttgart-Feuerbach. 2004 tritt in Stephan Karle die dritte Generation ins Unternehmen ein. Neben verschiedenen Tochterunternehmen gründet die Firma 2006 auf der ehemaligen Betriebsfläche den Kulturbetrieb Wagenhallen, der sich Kunst- und Veranstaltungsort bundesweit einen Namen gemacht hat.

Weitere Themen