Automatenbomber im Raum Stuttgart Mit Sprengstoff von Bankomat zu Bankomat

Der Geldautomat am Discounter in Rutesheim-Perouse ist nach der Explosion vollkommen zerstört. Foto: SDMG/Frank Dettenmeyer

Spektakulär fliegen Geldautomaten in die Luft, der Schaden geht in die Hunderttausende. Was könnte hinter der aktuellen Serie stecken?

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Stuttgart/Böblingen - Die gesprengten Geldautomaten im Breuningerland Sindelfingen und in Autobahnnähe in Rutesheim-Perouse (Kreis Böblingen) stehen offenbar in einem größeren Zusammenhang. Nahezu täglich schlagen derzeit bundesweit die Automatenbomber zu. Ihre Handschrift ist ein fester Sprengstoff, der mittlerweile die früheren Gas-Explosionen abgelöst hat. Die längere Pause nach den traurigen Rekordwerten im Coronajahr 2020 ist offenbar vorbei.

 

Etwa 150 000 Euro dürfte die Gesamtsumme von Schaden und Beute ausgemacht haben – die Ermittlungsansätze für die Polizei sind dagegen eher spärlich. „Die Täter hatten alle Fluchtmöglichkeiten über die Autobahn offen“, sagt Polizeisprecher Peter Widenhorn, „also in Richtung Stuttgart, Heilbronn oder Karlsruhe.“ Als am vergangenen Freitag um 2.40 Uhr ein Geldautomat auf dem Parkplatz des Netto-Supermarkts in Perouse in die Luft flog, hat ein Zeuge aus der Ferne zwei Männer gesehen, die in einen größeren, dunklen Kombi stiegen, dessen Fahrer Richtung A8-Anschlussstelle Rutesheim davonraste. Das Modell dürfte reichlich PS unter der Motorhaube gehabt haben – und sah einem Porsche Panamera ähnlich.

Was die Videoaufnahmen hergeben

Ähnlich dürftig sind die Erkenntnisse nach der Sprengung zweier Bankomaten im Breuningerland Sindelfingen in der Nacht zum 29. Oktober. „Es gibt zwar Videoaufnahmen von den Tätern“, sagt Widenhorn, „die sind bisher aber nicht sehr zielführend.“ Der Schaden dort ist immens – mehrere Hunderttausend Euro. „Hinzu kommen ja noch die Schäden im Gebäude und in angrenzenden Geschäften“, sagt Widenhorn.

Da steht es zu befürchten, dass die Ermittlungen der Kripo im Landkreis Böblingen in eine ähnliche Sackgasse geraten wie nach der Bankomat-Sprengung am 19. März in Gärtringen. Auch da wurden lediglich drei mit Sturmhauben maskierte Männer gesehen, die mit ihrer Beute in einem dunklen Audi flüchteten.

Wohin das Bundeskriminalamt blickt

Dabei knallt es im Bundesgebiet an allen Ecken und Enden. Am Montagmorgen schlugen Automatenbomber nahe Gummersbach in Nordrhein-Westfalen zu – wurden aber von einer Vernebelungsanlage im Vorraum der Bank vertrieben. Davor, 18. November: Köln. 16. November: Wermelskirchen, Rheinisch-Bergischer Kreis. 15. November: Emmerich, Kreis Kleve. 13. November: Dortmund und Friedland, Kreis Göttingen. 11. November: Gelnhausen, Südosthessen. Die Liste ließe sich täglich fortsetzen.

Das Bundeskriminalamt macht zu zwei Dritteln reisende Täter aus der Region Utrecht/Niederlande verantwortlich – mit einem Netzwerk von Beteiligten nordafrikanischer Herkunft. Ursprünglich hatten sie mit explosivem Gas zugeschlagen – doch seit die Geräte zunehmend mit Gasneutralisationssystemen ausgestattet sind, seien die Täter auf Sprengstoff umgestiegen. Die Taten kamen im September 2020 etwas ins Stocken, als ein polizeibekanntes Mitglied bei einem Test mit einem Selbstlaborat in einer Lagerhalle in Utrecht ums Leben kam.

Auch im Südwesten Rekordwert im Jahr 2020

Das baden-württembergische Landeskriminalamt meldet für 2020 einen Rekordwert von 41 Taten. In diesem Jahr ist der Südwesten mit bisher 20 Fällen eher verschont geblieben. „Dieses Phänomen wird aber subjektiv stärker wahrgenommen“, sagt LKA-Sprecher Kevin Georgas. Ende Oktober wurde ein Duo vom Stuttgarter Landgericht zu Haftstrafen verurteilt. Die 24 und 26 Jahre alten Männer hatten im Dezember 2020 einen Geldautomaten an der Mauserstraße in Feuerbach gesprengt. Die beiden kommen indes nicht aus Utrecht – sondern aus Leonberg.

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