Herr Ostritsch, eine abscheuliche Frage zu Beginn: Was an Hegel, der schon bald nach seinem Tod der eigenen Zunft als „toter Hund“ galt, hat der Gegenwart noch etwas zu bedeuten?
Das Interesse an Hegel hat innerhalb der akademischen Philosophie in den letzten Jahrzehnten zu- und nicht abgenommen. Außerdem geht es Hegel darum, durch Nachdenken das Wesen der Welt zu ergründen: Das ist ein Projekt von zeitloser Aktualität.
Wer Hegel verstehen will, sei noch immer mit sich allein, befand der Hegel-Kenner Dieter Henrich. Wie wollen sie heutige Studenten für Satzkaskaden, bei denen schon Einschübe mehrere Tweetlängen in Anspruch nehmen, begeistern?
Bei Hegel sind die Deutungsansätze so unterschiedlich wie sonst bei keinem anderen Denker. Wer Hegel verstehen will, muss eine gehörige Portion hermeneutischer Leidensfähigkeit mitbringen. Die Begeisterung kommt von der außergewöhnlichen Denkerfahrung, die Hegel bietet. Ich sehe meine Aufgabe darin, den Leuten erste Übersetzungsangebote zu unterbreiten. Das Denken kann ich niemandem abnehmen.
Hegel für Anfänger: Welches Werk empfehlen Sie?
Als Einführung natürlich mein eigenes (lacht). Von Hegel selbst gibt es einen kurzen Text „Wer denkt abstrakt?“, den ich als erste Lektüre empfehlen kann. Darin erklärt Hegel für seine Verhältnisse sehr anschaulich, warum nicht der Philosoph abstrakt denkt, sondern der Alltagsmensch.
Unter seinen Tübinger Kommilitonen soll der junge Hegel als „derber Jakobiner“ gegolten haben. Als Jenaer Professor bewunderte er Napoleon. Was faszinierte ihn an diesem Usurpator?
Hegel war als Student von der Revolution begeistert – wie die allermeisten seiner Kommilitonen. Später hat er aber schonungslos aufgearbeitet, wie die Ideale der Revolution in einen mörderischen und selbstzerstörerischen Wahn entartet sind: Freiheit entpuppte sich als Zerstörung alles gesellschaftlich Etablierten, Gleichheit als tödliche Gleichmacherei. Hegel verehrte Napoleon, weil er diesem Treiben ein Ende gemacht und zugleich mit dem Code civil viele revolutionäre Forderungen in stabiles Recht überführt hatte.
Im Herr-Knecht-Kapitel der „Phänomenologie des Geistes“ befreit sich der Knecht unter Einsatz seines Lebens von Unterordnung und Entfremdung. Hält Hegel also doch an einem revolutionären Freiheitsbegriff fest?
Nein, interessanterweise ist es nach Hegel gerade die Erfahrung der Unterordnung unter einen Herrn, durch die der Knecht lernt, selbst Herr über die eigenen Leidenschaften zu werden. Erst dadurch wird der Knecht wirklich frei, also selbstbestimmt. Ohne Unterordnung unter die Vernunft ist man nur Sklave seiner Leidenschaften.
Hegels so berühmter wie berüchtigter Satz „Das Wahre ist das Ganze“ steht seit langem unter Totalitarismusverdacht. Zu Recht? Das Ganze ist das Unwahre, widersprach etwa Adorno.
Das Ganze ist bei Hegel kein monolithisches Ungetüm, das alles Individuelle und Besondere verschluckt. Im Gegenteil: Hegel denkt das Ganze als Einheit in Differenz. Wer mit anderen eine soziale Verbindung eingeht und dadurch Teil eines Wir ist, verliert sich doch dadurch auch nicht wie in einer anonymen Masse.
Trampelt die große Hegel’sche Freiheitserzählung über individuelles und menschheitliches Glück hinweg?
Nicht Hegels Geschichtsphilosophie trampelt über das Glück der Individuen hinweg, sondern die Geschichte selbst. Hegel hat versucht zu zeigen, dass man das anerkennen und dennoch sagen kann, dass es in der Geschichte einen „Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit“ gibt.
Was würde Hegel zu den Trumps, Putins, Orbans und Erdogans dieser Welt sagen?
Ich würde Trump und Orban nicht mit Erdogan gleichsetzen. Trump und Orban haben gemeinsam, dass sie nicht bereit sind, die eigene Nation und die eigene besondere kulturelle Identität dem Globalen zu opfern. Das ist durchaus auf Linie mit Hegels politischer Philosophie.
Die Coronakrise verstärkt die Trends zur Deglobalisierung und Renationalisierung. Wer handelt nach Hegel vernünftiger: die Globalisierungsbefürworter oder -gegner?
Hegel war ein ausgesprochener Gegner der Idee eines Weltstaates. Er war überzeugt davon, dass Individuen ihre Identität nur in besonderen, historisch gewachsenen Gemeinwesen finden. Den Globalismus, der die Auflösung staatlicher Souveränität und kultureller Identität betreibt, hätte er abgelehnt. Universalismus ist etwas anderes als Globalismus. Die Vernunft ist universell, ebenso die Forderungen des Vernunftrechts, oder wie man heute sagen würde: der allgemeinen Menschenrechte.
Wandert der Weltgeist nach langen okzidentalen Jahrhunderten jetzt nach China aus?
Ich sehe nicht, dass sich in China derzeit eine neue, tiefere Idee von Freiheit realisieren würde. Bloße Macht ist noch kein Indiz für den Weltgeist.
Kann man Hegel weiterdenken im Hinblick auf eine „maschinelle Vernunft?“
Hegel unterscheidet zwischen Verstand und Vernunft. Der Verstand unterscheidet, trennt und sortiert. Dazu können wir auch Maschinen verwenden. Die Vernunft hingegen verbindet, führt Getrenntes auf neue Weise zusammen, synthetisiert. Das ist das Gegenteil maschineller Verarbeitung.
Hegels dialektisches Welterklärungssystem hat eine urschwäbische DNA, schreiben Sie. Das müssen Sie erklären…
Hegel Dialektik ist nicht, wie immer wieder behauptet wird, ein starrer Dreischritt aus These, Antithese und Synthese. Dialektik ist – vereinfacht gesprochen – das Denken im Modus des Sowohl-als-auch statt im Modus des Entweder-oder. Das Schwäbische kennt einige Wendungen, denen man eine gewisse dialektische Qualität nicht absprechen kann. Am eindrücklichsten ist das bei „So isch no au wieder!“ der Fall. Damit drückt der Schwabe nämlich aus, dass es auf eine Sache noch eine andere Perspektive als die bisher eingenommene gibt.