„Babylon“ von Yasmina Reza Strahlend in vergänglichem Licht

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Feste sind ein gefundenes Fressen für die französische Autorin und Eskalationskünstlerin Yasmina Reza. Auch in ihrem neuen Roman „Babylon“ wird gefeiert – und doch geht hier manches anders aus als erwartet.

Dialoge wie Sprengsätze: die französische Autorin Yasmina Reza Foto: dpa
Dialoge wie Sprengsätze: die französische Autorin Yasmina Reza Foto: dpa

Stuttgart - Eben saßen sie noch inmitten einer Fest­gesellschaft und amüsierten sich. Er im veilchenblauen Hemd, das Gesicht etwas gerötet vom Champagner, sie den Kopf etwas nach links geneigt, schallend lachend. Wer hätte gedacht, dass dies das letzte Bild des etwas ramponierten, aber nicht unangenehmen Paars bleiben würde.

Yasmina Rezas neuer Roman ist aus einer Folge von Bildern komponiert. Wie ein schwarz-weißer Faden zieht sich ihre Spur durch „Babylon“ geradewegs in die Dunkelkammer des Lebens hinein, wo Reza die Negative des Daseins entwickelt. Wenn man erst einmal beginnt, Bilder zu ordnen, ist das Leben wieder einen Schritt weitergezogen. Und auch wer nicht wie die Erzählerin – von der Autorin wohl zu scheiden – an manchen Tagen schon beim Aufwachen vom Alter angesprungen wird, ermisst die leise Melancholie, die an Fotografien haftet. Denn die Augenblicke, die das Licht ihnen ein­geschrieben hat, sind für immer im Schatten der Zeit verloren.

Und doch wäre es ein Riesenfehler, von einem traurigen Gegenstand auf ein trauriges Buch zu schließen. Wo Yasmina Rezas theatrales Abbruchunternehmen früher in Stücken wie „Kunst“ oder dem „Gott des Gemetzels“ mit Dialogen wie Sprengsätzen die schicken Kulissen der Besserverdienenden lustvoll zum Einsturz gebracht hat, tut diesmal die Zeit das Ihre. Wohin die Erzählerin sich wendet, bleckt der Verfall, Momentaufnahmen der Dürftigkeit, abblätternder Putz, an Fassaden und Menschen gleichermaßen. Einsam stirbt die Mutter, während die Schwester in triebhafter Zweisamkeit ihr Sexleben noch einmal mit einer Kroko-Lederpeitsche auf Trab zu bringen sucht. Und auch der pummelige, nichtssagende Nervensägen-Nachwuchs lässt für die Zukunft nichts Gutes erwarten.

Der Kater versteht nur Italienisch

Von der spritzigen Komödienanthropologie ist der Gesichtspunkt der Kreatürlichkeit geblieben, und die macht selbst vor dem alten Kater nicht halt, einem griesgrämigen Tier, das nur Italienisch versteht. Einzig die Dramen des Alltags erlauben, das eigene Elend zu vergessen, und spenden eine abgründige Art des Trostes.

Eines dieser Dramen entfaltet der Roman, und es nimmt seinen Lauf wie so oft bei der 1959 geborenen Eskalationsvirtuosin auf den Schaumkronen der Konversation. Die Erzählerin hat zu einem Frühlingsfest geladen. Auch wenn die Besetzung, verglichen mit dem früheren Reza-Personal, alters­bedingt merklich Federn gelassen hat, ist immer noch genügend Energie im Spiel, das Ganze in einem Frühlingsopfer enden zu lassen, bei dem die Frage der artgerechten Hühnerhaltung über den gesellschaftlichen Zusammenhalt eines Ehepaars triumphiert.

Nebenbei: Wie nichtssagend die Erzählerin solche abgeschliffenen Wendungen wie „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ findet! Toleranz – ein Konzept, wie einer ihrer Gäste meint, das nur gepaart mit Gleichgültigkeit funktioniere, andernfalls in sich zusammenbreche. Das Wort von der „inneren Einkehr“: „Seit die Welt mit Riesenschritten auf ein unbeschreibliches Chaos zusteuert, ist es schwer in Mode. Politiker und Bürger er­gehen sich unablässig in innerer Einkehr. Ich ziehe frühere Zeiten vor, als man noch den Kopf des Feindes auf einen Stecken gespießt nach Hause trug.“