Digitalisierung an den Schulen im Land Wenn sich Beamer und Tafel ergänzen

Die Klasse 9a an der Rennbuckel-Realschule in Karlsruhe ist mit Tablet-Computern voll ausgestattet. Foto: Sebastian Seibel

Wie schaffen es die Schulen ins digitale Zeitalter? Darüber streiten Bund und Länder derzeit. Die Lehrer in Baden-Württemberg behelfen sich mittlerweile selbst, um die Computer am Laufen zu halten – wenn sie denn überhaupt welche haben.

Karlsruhe - Deutschunterricht in der Rennbuckel-Realschule in Karlsruhe. 28 Schüler sitzen in Vierergruppen zusammen und setzen ein Kapitel aus dem Jugendbuch „Tschick“ in einen Comic um. Jeder hat ein Tablet vor sich. Marcelo und Laurin suchen in ihren diversen Applikationen nach Figuren, die der Beschreibung von Tschick im Buch nahe kommen. Ganz zufrieden sind die Jungs mit der Suche nicht. Trotzdem steht für sie fest: „Deutsch macht mehr Spaß, seit wir Tablets haben, der Unterricht ist abwechslungsreicher.“

 

Jeder Schüler mit Tablet

Die Rennbuckel-Realschule gelte als Leuchtturmschule in Baden-Württemberg, sagt der Rektor Ralph Gerner. Die Lehrer spielten eine führende Rolle in der Fortbildung für ihre Kollegen in ganz Baden-Württemberg wenn es um die Digitalisierung geht. An der Schule hat außerdem jeder Schüler bereits von der achten Klasse an seinen eigenen Tablet-Computer.

Das bedeutet auch: Nicht überall im Land läuft es so gut. Viele Schulen klagen über schlechte Ausstattung. Die Politik will die Probleme an den Schulen deshalb mit dem sogenannten Digitalpakt lösen. Es geht dabei darum, wie die Digitalisierung finanziert werden soll. Der Bund möchte Geld geben, dafür aber mehr Mitspracherechte.

Weil eine Mehrheit der Bundesländer das ablehnt, steckt der Vorstoß derzeit im Vermittlungsprozess zwischen Bundestag und Bundesrat. An diesem Freitag steht der Pakt dort wieder auf der Tagesordnung. Wie gehen die Schulen im Land mit der Situation bisher um? Und was erhoffen sie sich von der Politik?

Tafel noch im Einsatz

Der Besuch in der Karlsruher Realschule zeigt: Für die Klasse 9b ist die grüne Tafel nicht überflüssig. Dort hat Deutschlehrer Maximilian Stoller die Szenen aus dem Buch von Wolfgang Herrndorf aufgeschrieben, auf die es ankommt. „Alle Köpfe zu mir, Tablets zuklappen“, ruft Stoller. „Wo sind die Schwierigkeiten?“, fragt er. Die Medien ergänzen sich im Unterricht im digitalen Zeitalter – und die Schüler auch.

Nina meldet sich: „Es gab kein zerrissenes Bild von Beyoncé.“ Das Poster der Künstlerin hätte in Tschicks Zimmer an die Wand gehört. Ihr Mitschüler Enes hat ein Foto gefunden. Wie er es bearbeitet hat, zeigt er am Beamer. Dann schickt er es allen Klassenkameraden direkt auf ihre Tablets. So müssen sie sich nicht mehr mit der Suche nach dem Motiv aufhalten.

Zusammenarbeit und Motivation

Zusammenarbeit und Motivation lauten in der Rennbuckel-Realschule die Lernziele beim Einsatz der Tablets. Im Matheunterricht scannt etwa Melissa aus der 9a die Aufgabe aus dem Buch in ihr Tablet, das zeigt ihr dann den Rechenweg auf. „Es ist gut, dass man die Rechnung direkt kontrollieren und verbessern kann“, meint Melissa. Besonders für die Hausaufgaben, denn „daheim hat man ja keinen Lehrer“.

Weil das System goldene Münzen und Sterne als Belohnung anzeigt, rechnet man zu Hause auch mehr als man muss, sagen Robin und David. Auf Englisch telefoniert die Klasse mit indischen Schülern per Video, sie diskutieren über Kinderarbeit und kommen auf Aspekte, die ihnen sonst nicht eingefallen wären.

Die Rennbuckel-Realschule ist eine sogenannte Smartschool, sie ist vom Bitkom, dem Digitalverband Deutschlands, dieses Jahr als eine von vier Schulen im Südwesten ausgezeichnet worden, weil sie digitale Bildungsangebote modellhaft im Schulbetrieb zeigen. Seit fünf Jahren setzt die Schule auf Tablets.

Die Beschlüsse der Schulgremien waren einstimmig. Doch am Ende zahlten die Eltern die Tablets. „Es war klar: Das Land hat das Geld nicht, die Eltern sind bereit, für moderne Bildung Geld auszugeben“, konstatiert Schulleiter Gerner. Und Maximilian Stoller findet: „Ein Tablet gehört zur Schulausstattung wie ein Füller oder der Schulranzen.“

Weihnachtswerkstatt im Computerraum

Ein paar Kilometer entfernt sitzt die Klasse 2a der Grundschule Beiertheim im ehemaligen Computerraum. Es gibt eine grüne Tafel an der Wand, rechts daneben ist die Leseecke. Vor der Fensterfront hat die Klasse die Weihnachtswerkstatt mit Backstation eingerichtet. Auf den Brettchen zeugt bunte Knete noch von den jüngsten Backversuchen. Neben dem hellen, großen Klassenzimmer ist zudem ein kleiner Nebenraum für individuellen Unterricht entstanden.

Die 20 bis 25 Computer, die hier standen, als noch eine Hauptschule zur Grundschule gehörte, sind ausgemustert. Sie warten im Keller auf ihre Entsorgung. „Wir brauchten den Platz“, sagt die Rektorin Sara Mahmoudian. Die Schule arbeitet inklusiv, von den 150 Schülern haben 24 einen sonderpädagogischen Bildungsanspruch. Und die Computer der ehemaligen Hauptschule waren sowieso veraltet.

In dem 90 Jahre alten Schulhaus im Bauhausstil gibt es kein drahtloses Internet und keine Verkabelung. Nur in einem Klassenzimmer steht ein Beamer. Dorthin bittet die Rektorin ihr Kollegium, wenn sie eine Präsentation vorbereitet hat. Aber die Zeiten sollen sich ändern. Die Rektorin hat bereits einen Medienentwicklungsplan bei der Stadt Karlsruhe eingereicht. „Medienbildung gehört auch in die Grundschule, sie steht im Bildungsplan“, sagt Mahmoudian. „Sie ist einfach zeitgemäß.“

Kommunen machen Druck

Ihre Wünsche sind überschaubar. Für jedes Klassenzimmer möchte sie einen Lehrer- und einen Schüler-PC. Außerdem einen Klassensatz Tablets für die acht Klassen. Mahmoudian versteht die digitale Technik als pädagogische Unterstützung in der Grundschule. Auch wenn Computer in ihrer Schule noch selten sind, betont die Rektorin doch: „Wir machen unsere Arbeit auch jetzt gut und sind nicht rückständig.“ Anders gesagt: Den Kindern lesen, schreiben und rechnen beizubringen hat für die Schule immer noch Priorität.

„Wir stehen für das Lernen mit allen Sinnen“, sagt Mahmoudian, „wir kneten Buchstaben, wir laufen sie ab.“ So erfassten die Kinder sie ganz anders, als wenn ein Buchstabe nur eine Taste auf einer Tastatur sei. Kopfrechnen und Handschrift bleibt auf dem Stundenplan. Computer betrachtet die Rektorin als eine „tolle, zeitgemäße Ergänzung“.

Im Vordergrund steht für sie die Visualisierung. Hätten sie und ihre Kollegen einen Beamer, müssten sie nicht mehr jedem Kind das Bilderbuch einzeln zeigen, damit es sieht, was es beschreiben soll. Am Computer im Klassenzimmer könnten die Kinder zudem für den Sachunterricht recherchieren.

Lernen mit allen Sinnen

„Die Schüler werden täglich mit der digitalen Welt konfrontiert“, betont Mathematiklehrerin Charlotte Kob von der Realschule am Rennbuckel. Da dürfe die Schule nicht außen vor bleiben. Die Normalausstattung an einer baden-württembergischen Realschule ist ein Computerraum mit etwa 30 Plätzen für rund 400 Schüler, sagt der Rektor Ralph Gerner.

Am Rennbuckel haben sie in jedem Zimmer noch einen Beamer. Sie besitzen auch ein sogenanntes Greenboard – damit können sich die Schüler per Animation in unterschiedliche Kulissen begeben. In Englisch haben sie sich damit auf den roten Teppich der Oscar-Verleihung versetzt und ihre Kommentare dazu in eine Kamera gesprochen. „Das ist englische Konversation ganz anders“, sagt Gerner.

Vieles ist handgestrickt

Doch auch in der Leuchtturmschule ist vieles noch handgestrickt. „In manchen Bereichen ist das WLAN ausgefallen“, meldet ein Lehrer im Rektorat. Das ist nichts Ungewöhnliches. Die Leitungen in dem Schulhaus aus den 70ern sind alt, und nachmittags sind 280 Tablets und bis zu 70 Computer im Einsatz. „Die Wartung machen wir nebenher“, berichten die Lehrer. „Bis jetzt sind wir hier zufrieden mit den nicht optimalen Lösungen“, so Gerner.

Eine Entscheidung in Sachen Digitalpakt wird auf sich warten lassen. Die Lehrer betrachten die politisch heiß diskutierte Frage derweil nüchtern. Nach den bisherigen Erwartungen könnte Baden-Württemberg von den fünf Milliarden des Bundes 650 Millionen Euro erhalten.

Auf jede Schule entfielen etwa 25 000 Euro. „Das reicht für zwei Tablet-Koffer für 60 Schüler und ein paar Apps“, erklärt Deutschlehrer Stoller. Folgekosten seien nicht berücksichtigt. Rektor Gerner gibt sich diplomatisch: „Wir sind froh, wenn etwas passiert, aber es wird nicht reichen.“

Bis sich die Politik einig ist, helfen sich die Schulen selbst – irgendwie.

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