Bahnhof Stuttgart-Zuffenhausen Unterschriften gegen Video-Reisezentrum

Von Bernd Zeyer 

Im Zuffenhäuser Bahnhof soll das Reisezentrum digitalisiert werden: Statt persönlicher Beratung vor Ort soll es dort künftig Video-Bildschirme geben, die mit einer Zentrale in Ludwigsburg verbunden sind. Aus Reihen der Bürger kommt Widerstand.

Jürgen Wurmthaler vom Verband Region Stuttgart Foto: Bernd Zeyer
Jürgen Wurmthaler vom Verband Region Stuttgart Foto: Bernd Zeyer

Zuffenhausen - Die Deutsche Bahn plant, das Reisezentrum am Zuffenhäuser Bahnhof zu einem Video-Reisezentrum umzubauen. Da bedeutet, dass künftig kein Personal mehr vor Ort ist und sämtliche Leistungen über Bildschirme abgewickelt werden. Im November 2019 hatten sich die Bezirksbeiräte einstimmig gegen dieses Vorhaben ausgesprochen (wir berichteten). Auch aus Reihen der Bürger gibt es Widerstand: Kürzlich wurde am Bahnhof eine Unterschriftenliste mit 227 Namen übergeben.

„Wir möchten weiterhin fachkundig und persönlich vor Ort beraten werden“, sagte Mathias Bauer vom Bürgerverein Zuffenhausen. Gerade bei komplexen Fragen sei es wichtig, direkten Kontakt zu einem Mitarbeiter zu haben. Grundsätzlich dürfe der Blick nicht nur auf die Kosten gerichtet werden; auch andere Kriterien seien wichtig – beispielsweise das gesellschaftliche Zusammenleben.

Immer mehr Tickets werden digital gekauft

Die Unterschriftenliste nahm Jürgen Wurmthaler entgegen, der leitende Direktor des Bereichs Wirtschaft und Infrastruktur im Verband Region Stuttgart. Er verwies auf ein entsprechendes Votum des Verkehrsausschusses des Verbandes: Im Juni 2019 war dort die Einführung von Video-Reisezentren beschlossen worden. Wurmthaler erläuterte, dass die Nutzerzahlen des ÖPNV in den vergangenen Jahren stark angestiegen seien. Das betreffe auch Zuffenhausen, wo drei S-Bahn-Linien verkehren. Mittlerweile gebe es hier von vier Uhr morgens bis ein Uhr in der Nacht ein Verkehrsangebot. Diese Entwicklung könne das vorhandene Reisezentrum nicht mitmachen, weshalb das Serviceangebot erweitert werden müsse.

Bislang habe man sich an den Ladenöffnungszeiten orientiert; künftig würden Kunden wochentags von 6 bis 20.30 Uhr bedient, auch an Samstagen und Sonntagen sei der Video-Schalter geöffnet. Grundsätzlich sei es so, dass der Anteil von Ticket-Erlösen im persönlichen Verkauf im Jahr 2008 noch 25 Prozent betragen habe, 2018 seien es noch nicht einmal mehr 15 Prozent gewesen. Immer mehr Kunden würden sich ihre Fahrscheine digital besorgen. „Diese Veränderung müssen wir aufnehmen“, sagte Wurmthaler.

Der Großteil der Kunden kommt laut Bahn mit der Technik zurecht

Immerhin gibt es für den Zuffenhäuser Bahnhof (und für andere auch, beispielsweise Fellbach, Kirchheim/Teck oder die Haltestelle Stuttgart-Universität) noch eine Art Galgenfrist. Eigentlich hätte der Umbau diesen Sommer erfolgen sollen. Voraussetzung dafür ist aber das Ergebnis einer Befragung, in der erfasst wird, wie die Kunden an anderen Standorten mit der digitalen Technik zurecht kommen: Am 1. Januar war in Korntal, Marbach, Böblingen, Leonberg, Ludwigsburg und Waiblingen eine sechsmonatige Pilotphase gestartet, dort wurden und werden Kunden befragt. Wegen der Coronakrise wurde aber pausiert. Deshalb werden die Ergebnisse erst im September oder Oktober vorliegen. Wo genau die Messlatte liegt, um die Pilotphase als Erfolg zu werten, dafür gibt es keine konkrete Zahl. Laut Wurmthaler liegen die bislang erfassten Werte bei rund 85 Prozent Zustimmung.

Die Video-Zentrale liegt in Ludwigsburg

Arbeitsplätze sollen nicht verloren gehen, die Mitarbeiter wechseln in das Team der Video-Zentrale in Ludwigsburg. So könnten auch personelle Ausfälle besser ausgeglichen werden. Bleibt die Frage, was passiert, wenn das Video-Reisezentrum defekt ist. Dann stünden Kunden nämlich ratlos vor den Bildschirmen. Nach Wurmthalers Worten soll dies so selten wie möglich der Fall sein: Die Bahn müsse eine Strafe zahlen, wenn sie den Vorgaben der Verfügbarkeit nicht nachkomme.

Kürzlich ist in Deutschland das 100. Video-Reisezenrum in Betrieb genommen worden. An den Start gegangen ist das Projekt im Jahr 2013. Es gibt zwei verschiedene Arten: Hybridstandorte (Parallelbetrieb Video-Anlage/Personal vor Ort) und reine Video-Zentren. Letzteres ist auch für Zuffenhausen vorgesehen. Auch in Korntal ist ein reines Video-Zentrum eingerichtet worden. Dort hatte es im Vorfeld ebenfalls Proteste und eine Unterschriftenaktion gegeben.

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