Bayern München Gestatten: Carlo, der Spielerversteher

Eher Lebemann als Asket: der neue Bayern-Trainer Carlo Ancelotti Foto: dpa
Eher Lebemann als Asket: der neue Bayern-Trainer Carlo Ancelotti Foto: dpa

Dem neuen Startrainer Carlo Ancelotti ist ein Wohlfühlklima heilig – unter dem italienischen Lebemann soll es beim Meister in München nach dem Dreijahresprojekt mit dem unterkühlten Pep Guardiola wieder etwas mehr menscheln.

Sport: Marco Seliger (sem)
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Stuttgart - Toni Kroos, Zlatan Ibrahimovic und Cristiano Ronaldo stehen nicht im Verdacht, eine Provision vom FC Bayern nötig zu haben. Die drei Stars des Weltfußballs sind dem Rekordmeister auch nicht irgendeinen Gefallen schuldig – und so ist davon auszugehen, dass sie ihre Aussagen über den Trainer Carlo Ancelotti (57) aus freien Stücken getätigt haben.

Der eine, Zlatan Ibrahimovic, sagte: „Er weiß, wie man einen Menschen behandelt. Er ist nicht nur dein Trainer, er ist dein Freund. Er ist unglaublich.“ Der Nächste, Cristiano Ronaldo, meinte kürzlich nur: „I miss him – I miss him a lot.“ Und auch der Weltmeister Toni Kroos scheint seinen Ex-Coach tierisch zu vermissen. Er sagt: „Von der Spielidee her war Pep Guardiola der beste Trainer, den ich je hatte. Carlo Ancelotti aber konnte die Erfolgsbedingungen am besten mixen: die taktische Idee und das Menschliche. Als er ging, waren alle traurig.“

Die erfahrenen Profis Kroos, Ibrahimovic und Ronaldo kickten alle schon unter Ancelotti – und lieferten dem FC Bayern München und seinem neuen Trainer vor dem Bundesliga-Saisonstart an diesem Freitag gegen Werder Bremen (20.30 Uhr/ARD) die beste PR. Ancelotti firmiert in internationalen Fachkreisen längst nur noch als der Spielerversteher, und genau das ist es ja, wonach sie sich beim FC Bayern so sehr gesehnt haben. Nach drei Jahren mit Pep Guardiola, der taktisch zwar genial war, sich aber selten öffnete und sich eher wie ein Projektleiter auf Montagereise verhalten hat, soll es nun wieder etwas mehr menscheln in München.

Warum Ancelotti erfolgreich und zugleich so beliebt ist

Carlo Ancelotti war Trainer beim AC Mailand, beim FC Chelsea, bei Paris St. Germain und bei Real Madrid. Überall holte er natürlich mindestens einen nationalen Titel, Milan und Real führte er zum Gewinn der Königsklasse. Und überall vergossen die Spieler, vom Ersatztorwart bis zum Superstar, nach seinem Abschied Tränen.

Warum das so ist? Carlo Ancelotti, der als Mittelfeldspieler mit dem AC Mailand zweimal die Königsklasse gewann, sieht sich als Moderator, der seiner Startruppe auf dem Platz zwar klare Vorgaben macht – sie außerhalb aber bei Laune halten will. Ancelotti sind ein Wohlfühlklima und ein Zusammengehörigkeitsgefühl heilig. Und das passt gut zum FC Bayern.

Der Ligakrösus will bei all der Gier nach Erfolgen, bei all dem Kommerzdenken irgendwie ja auch immer eine Art Familie sein. Das gelang zuletzt bei Pep Guardiola, der kaum so etwas wie Vertrautheit aufbaute, eher weniger. Nun, unter Carlo Ancelotti, wagt der Rekordmeister einen neuen Vorstoß in diese Richtung. Das Vereinsmotto „Mia san mia“ soll unter Ancelotti nicht mehr nur für das Erfolgsstreben stehen, sondern eben auch für bajuwarische Nestwärme – und der Italiener scheint die Sehnsüchte befriedigen zu können.

Unter Guardiola mussten die Bayern-Stars zum Beispiel einmal in der Woche zur Kontrolle auf die Waage. Ancelotti dagegen gab zum Einstand erst mal ein zünftiges Essen aus. Dem Vernehmen nach staunten Philipp Lahm und Kollegen nicht schlecht, als sie auf dem Trainingsgelände nach drei Jahren mit strengsten Ernährungsplänen unter Pep mal wieder so richtig hinlangen durften.

Gewichtskontrollen sind Ancelotti fremd – auch bei sich selbst

Gewichtskontrollen sind Ancelotti fremd, auch bei sich selbst. Wie zu hören ist, hat es dem Schinkenliebhaber aus Reggiolo auch schon der bayrische Schweinsbraten mächtig angetan. Paolo Maldini, die Legende beim AC Mailand, sagt über seinen Ex-Coach: „Carlo ist der einzige Trainer auf der Welt, dessen Siegerqualitäten direkt in proportionalem Verhältnis zu seinem Taillenumfang stehen.“

Pep Guardiola war der Asket, der auf jedes Detail achtete. Carlo Ancelotti ist der Lebemann, der das große Ganze im Blick hat. Allzu strenge Regeln sind ihm zuwider. „Ich bin kein Polizist“, sagt er. Ancelotti vertraut seinen Spielern, lässt ihnen Freiräume, setzt auf Eigenverantwortung. Er findet, dass man gestandenen Profis nicht immer vorschreiben muss, was sie essen, wann sie ins Bett gehen oder ob sie beim Aufwärmen die Arme kreisen sollen oder nicht. Ancelotti spricht lieber mit ihnen über Fußball. Oder fragt auch mal, was die Kinder daheim so treiben.

Und er kann mit seinen Jungs ordentlich feiern, wenn sie einen Titel holen. Einmal berichtete der Trainer von einer Siegesparty folgendermaßen: „Whiskey, Rum, Sambucca, Grappa, Bier – in fünf Minuten war alles weg, mehr weiß ich nicht mehr.“




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