Nürtingen - Warum ausgerechnet Nürtingen aktuell ein absoluter Hotspot bei den Corona-Erkrankungen ist, vermag die Pressesprecherin der Medius-Kliniken, Iris Weichsel, nicht zu sagen. Tatsache ist, dass am Nürtinger Standort der Medius-Kliniken aktuell nicht nur 42 Corona-Patienten stationär behandelt werden. Am Donnerstag ist das Haus auch mit seinen zehn regulären Beatmungsplätzen an seine Kapazitätsgrenzen gestoßen. Es ist das erste Mal in Baden-Württemberg, dass Corona-Patienten aus Kapazitätsgründen verlegt werden mussten.
In Kirchheim und Ostfildern gibt es noch Beatmungsplätze
„Wir haben gestern vier Beatmungspatienten im Alter zwischen 36 und 60 Jahren nach Tübingen und Esslingen gebracht“, bestätigt Iris Weichsel. Teilweise seien dazu Hubschrauber im Einsatz gewesen, teilweise seien die Patienten mit Krankenwagen in die neuen Kliniken verlegt worden. An den beiden anderen Standorten der Medius-Kliniken in Kirchheim unter Teck und Ostfildern seien aktuell noch ausreichend Beatmungsbetten frei, betont sie. Die Verlegungen habe die Klinikleitung vor allem auch deshalb veranlasst, weil man unbedingt Reserveplätze für akute Notfälle benötige.
„Wir müssen Kapazitäten für Notfälle frei halten“
„Der Gesundheitszustand der anderen Patienten, die bei uns im Haus liegen und aktuell keinen Sauerstoff benötigen, kann sich innerhalb von wenigen Stunden dramatisch ändern. Deshalb müssen wir Kapazitäten frei halten“, erklärt Tanja Kühbacher, die Chefärztin der Inneren Medizin in Nürtingen. Sie leite dort den Corona-Einsatz.
Zwar gebe es in Nürtingen die Option, neben der Infektionsintensivstation, in der die Corona-Patienten versorgt werden, auch die normale Intensivstation und die dort existierenden Narkosegeräte mit Beatmungsfunktion zu nutzen. In der aktuellen Situation – auch angesichts der Tatsache, dass in den anderen Kliniken noch Kapazitäten zur Behandlung von Patienten vorhanden seien – habe man sich für die Verlegung entschieden. In Esslingen, so die Kliniksprecherin Anja Dietze, sieht es aktuell noch besser aus. Inklusive der zwei Nürtinger Patienten werden in Esslingen vier Personen beatmet.
Kein Verständnis für Politiker, die Hoffnung machen wollen
Ganz wichtig ist es Tanja Kühbacher, dass in der Öffentlichkeit die Krankheit nicht verharmlost werden dürfe: „Wir schauen hier in Nürtingen schon einmal in den Abgrund.“ Noch stehe man am Anfang. Überhaupt kein Verständnis hat sie deshalb für Politiker, die schon jetzt wieder den Bürgern Hoffnung machten, dass man in absehbarer Zeit die persönlichen Einschränkungen lockern könne. Kühbacher appelliert deshalb an die Bürger: „Das einzige, was in der aktuellen Situation hilft und das Leben vieler Menschen retten kann, ist die konsequente Beachtung der geltenden Beschränkungen.“ Ebenso wichtig: Es seien eben nicht nur alte Menschen, die durch das Coronavirus in lebensbedrohliche Situationen kämen. Man müsse nur an die vier nun verlegten, schwer erkrankten Patienten denken.
Sorge bereitet ihr auch die Ausstattung des Personals mit Schutzkleidung. Obwohl die Medius-Kliniken zuletzt sehr erfolgreich bei der Beschaffung von Masken und anderer Schutzausrüstung unterwegs gewesen seien, stoße man an die Grenzen. Ein Beispiel: Habe man früher nach jeder Visite in einem Zimmer mit einer infizierten Person die Schutzmaske gewechselt, so gebe es nun pro Mitarbeiter und Schicht nur eine Maske.