Beckett-Stück im Stuttgarter Forum Theater Sternstunde der Schauspielkunst

Martina Guse als Winnie in Samuel Becketts „Glückliche Tage“ Foto: Sabine Haymann

Christof Küster hat im Forum Theater Samuel Becketts Zweiakter „Glückliche Tage“ mit einem originellen, zeitbezogenen Dreh inszeniert. Das Stück ist aus mehreren Gründen sehenswert.

Eine Blackbox, eingerichtet als Probebühne. Ein Tisch mit Stuhl, Beschriftungen auf dem Boden, Markierungen auf Kisten im Hintergrund, ein Stehpult und Mikrofone schaffen eine Arbeitsatmosphäre und evozieren dennoch ein Bühnenbild (Ausstattung: María Martínez Peña). In Christof Küsters Inszenierung von Samuel Becketts 1961 uraufgeführtem Zweiakter „Glückliche Tage“ für das Forum Theater in Stuttgart scheint weder die sengende Sonne über einer ausgedörrten Grassteppe noch gibt es einen Sandhügel, aus dem der lebendige Torso einer Frau ragt.

 

Der Autor ist auch auf der Bühne

Küster treibt ein doppeltes Spiel, indem er den beiden Hauptfiguren Winnie und Willi eine dritte Bühnenfigur an die Seite stellt – die des regieführenden Autors. Der Regisseur nimmt dabei Bezug auf ein als Suhrkamp-Taschenbuch vorliegendes Protokoll von Becketts Proben am Berliner Schiller-Theater. Der Willie-Darsteller Udo Rau verkörpert auch diese Instanz, die mit sanfter Beharrlichkeit keinerlei Abweichung vom Skript zulässt und für Winnie jede Geste und Tonlage präzise festlegt. Mimisch grandios, wie Martina Guse als Winnie diesen Regieanweisungen zögerlich folgt, zugleich jedoch ihren eigenen Handlungsspielraum auslotet. Geht sie zu weit, ertönt ein Warnsignal, begleitet von roten Lichtsignalen.

Ein Stück mit doppeltem Boden

Durch diesen doppelten Boden wird die Stückgeschichte nicht ohne Ironie mit der aktuellen Debatte über die toxische Macht von Theaterintendanten verknüpft. Ein solcher wird Christof Küster der Funktion nach mit Beginn der nächsten Spielzeit am Theater der Altstadt sein.

Erstaunlich ist, dass die eigentliche Handlung trotz dieser zweiten Bedeutungsebene keinen Schaden nimmt. Die Platzierung Winnies am Tisch genügt, um sie auf engstem Raum zu bannen. Von dort aus agiert Martina Guse so emsig wie eloquent: betet, stöbert im Sack, feilt Nägel, hängt ihren Träumen nach. In ihrer Figur pulsiert eine Lebendigkeit, die an- und abschwillt, aber nie zu versiegen droht. Mit all ihrem Tun und Plappern buhlt Winnie letztlich um die Aufmerksamkeit ihres nur noch Körpergeräusche von sich gebenden Mannes.

Chemie und Timing stimmen

Wie sie den Gebrechlichen von ihrem Fixpunkt aus durch den Raum dirigiert, ihn mit ihrer Energie steuert und letztlich am Leben hält, ist beste Tragikomik. Zugleich ist dieses Kräfteverhältnis aufgrund der Probenkonstellation mit Regisseur und Darstellerin exakt umgedreht. Wer gerade die Oberhand hat, ist eine Frage der Fokussierung. Wie bei einer Doppelbelichtung bleiben beide Erzählstränge jederzeit wahrnehmbar, auch wenn die Aufmerksamkeit mal mehr auf das Stück selbst und mal mehr auf dessen Einstudierung gelenkt wird.

Dass das Premierenpublikum am Donnerstagabend diesem changierenden Ganzen staunend folgen konnte, liegt nicht zuletzt dem fein austarierten Zusammenspiel beider Darsteller. Chemie und Timing stimmen. Und so ist „Glückliche Tage“ ein weiteres Empfehlungsschreiben für Christof Küster und eine Sternstunde der Schauspielkunst.

Termine im Forum Theater

Vorstellungen
„Glückliche Tage“: Vorstellungen am 13., 14., 18. bis 21. sowie am 25. bis 28. April. Kartentelefon 0711-440 07 49 99 und an der Abendkasse.

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