Beratungsstelle warnt In der Pandemie nehmen Essstörungen zu

Essen und Gefühle gehören zusammen: In der Coronakrise werden Angstgefühle immer öfter übers Essen kompensiert. Foto: Marianne Sieler
Essen und Gefühle gehören zusammen: In der Coronakrise werden Angstgefühle immer öfter übers Essen kompensiert. Foto: Marianne Sieler

Der psychische Druck in der Gesellschaft nimmt in Zeiten der Pandemie für alle zu. Bei manchen schlägt sich das in Form einer Essstörung nieder. Die Fallzahlen bei der Stuttgarter Anlaufstelle ABAS wachsen stark an.

Lokales: Martin Haar (mh)

Stuttgart - Jeder merkt es, wie die Belastungen der Pandemie aufs Gemüt schlagen. Der stabile Mensch weniger, der instabile mehr. „Die Zeiten mit Corona sind für alle Menschen sehr herausfordernd“, sagt Marianne Sieler von ABAS der Anlauf- und Fachstelle bei Essstörungen des freien Trägers GesundheitsLaden e.V im Stuttgarter Westen. Als Stuttgarter Anlauf- und Fachstelle bei Essstörungen bemerken Sieler und ihre Kollegen „die besondere Herausforderung der letzten Monate gerade auch für Menschen, die von einer Essstörung betroffen sind und auch deren Angehörige“.

Das Beispiel Susanne F. verdeutlicht, wie durch das Thema Corona die Haltepunkte im Leben verloren gehen können. Das Homeoffice setzt der 28-jährigen Stuttgarterin zu. Ihr fehlen die Kontakte zu den Kollegen, die Tagesstruktur und das gemeinsame Essen. „Hier zu Hause“, sagt sie, „ist das Essen in unmittelbarer Nähe. Die Versuchung, etwas zu essen ist zu Hause sehr viel größer. Ich habe das Gefühl, mir entgleitet alles.“ Seitdem hat sie rasant zugenommen und wurde zunehmend ratloser. Aber seit Susanne F. am Telefon Marianne Sieler von ihren Problemen berichten konnte, geht es ihr besser. Die Probleme haben sich zwar nicht in Luft aufgelöst, aber ihre beginnende Essstörung bekam erstmals einen Raum. „Das Gespräch wirkte entlastend“, sagt Susanne F.

Beratungsgespräch wirkt

Damit trifft sie sehr gut das, was Marianne Sieler will: „Wir wollen den Klienten Entlastung bieten.“ Es geht darum, die ersten Schritte aus der Essstörung anzuleiten und aufzuzeigen. Sei es hin zu einem Mediziner, Ernährungstherapeuten oder gar in eine Klinik. Denn eines haben Menschen mit Essstörungen gemein – ganz gleich, ob sie extrem zu viel oder extrem zu wenig essen – sie reagieren auf eine psychische Belastung. „Und diese Belastungen haben in der Pandemie stark zugenommen und wurden durch die Lockdowns verstärkt“, sagt Sieler, „daher steigen bei uns die Beratungsgespräche sprunghaft an“.

In seiner Dynamik ist dieses Phänomen aus Sicht der Expertin leicht zu erklären. „Hier geraten Gefühle aus dem Gleichgewicht. Denn Essen und Gefühle gehören zusammen.“ Die Folge: Durch das Essverhalten werden Ängste kompensiert. Aber die immerwährende Gedankenspirale, was esse ich wann und wie, kann auch Ablenkung verschaffen. Ablenkung von der Sorge und Hoffnungslosigkeit in Zeiten der Pandemie.

Natürlich betreffen die Veränderungen im Essverhalten auch – oder gerade – viele Jugendliche. „Sie sind durch das Homeschooling und eingeschränkte soziale Kontakte damit konfrontiert, sich selbst eine Tagesstruktur geben zu müssen“, weiß Sieler und ergänzt: „Hier rücken nicht selten eine übermäßige Beschäftigung mit vermeintlich gesunder Ernährung einerseits und ausgeprägtem Sportverhalten in Form täglicher Workouts andererseits in einen unverhältnismäßigen Fokus. Letztlich sind es Versuche, sich in Zeiten von viel Verunsicherung selbstbestimmt, unabhängig und erfolgreich zu fühlen.“ Bei übermäßiger Beschäftigung bergen diese Verhaltensweisen laut Sieler die Gefahr, „in ein magersüchtiges Verhalten abzudriften“. Denn Magersüchtige hätten den Ansatz, alles besonders gut zu machen.

Auch die Schließung der Fitness-Studios stelle viele junge Menschen generell, aber in besonderem Maße viele essgestörte Menschen – die häufig exzessiven Sport treiben – vor große Herausforderungen. Alles in allem, sei dies der Versuch, wieder Kontrolle in ein außer Kontrolle geratenes Leben zu bringen. In dieser Konstellation seien Beratungsstellen wichtiger denn je, meint Marianne Sieler. Und sie legt Wert darauf, dass ABAS Ansprechpartner in allen Fragen zum Thema Essverhalten sei: „Also auch dann, bevor das Essverhalten zu einer Essstörung abbiegt.“ Denn die Sozialpädagogin, Ernährungswissenschaftlerin und Systemische Therapeutin weiß: „Die psychische Belastung hat derzeit in der gesamten Bevölkerung stark zugenommen.“

Expertenteam bei ABAS




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