Berg-und-Tal-Fahrt Mit Herrn Krasniqi auf Berg-und-Tal-Fahrt

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Das Zahnradbahngespräch mit Prominenten aus dem Sport: auf dem Weg nach oben erzählen sie von ihren Karrierehöhepunkten, auf dem Weg nach unten von Tiefpunkten. Diesmal in der Zacke: der Boxchampion Luan Krasniqi.

Mit Begeisterung denkt Luan Krasniqi an ein Treffen mit Muhammad Ali. Foto: Baumann
Mit Begeisterung denkt Luan Krasniqi an ein Treffen mit Muhammad Ali. Foto: Baumann

Stuttgart - Das deutsche Boxen ist auch schon ganz anders dahergekommen: mit dicker Lederjacke, Gold und Brillanten um Hals und Handgelenk – schließlich galt René Weller in der Branche über viele Jahre als Orientierungshilfe. Das deutsche Boxen hat sich auch schon ganz anders angehört: immer eine Spur zu großkotzig. Luan Krasniqis Auftreten hat dagegen so gar nichts Schrilles. Jeans, weißes Hemd, Sakko – damit macht ein Mann optisch schon mal nichts falsch. Und dann redet Luan Krasniqi mit seiner tiefen Stimme auch noch ruhig und wohlüberlegt.

Oder doch nicht wohlüberlegt? Das Zahnradbahngespräch mit dem ehemaligen Boxchampion aus Rottweil beginnt jedenfalls ziemlich irritierend. „Also“, sagt Luan Krasniqi, „fangen wir mit meinem EM-Kampf gegen Saleta an.“ Dem Einwand, dass gerade die Bergfahrt begonnen habe und es auf dem Weg nach Degerloch zunächst um die Höhepunkt in seiner Karriere gehen soll, begegnet Luan Krasniqi mit einem Lächeln. „Ich weiß, ich bin auf dieses Gespräch vorbereitet“, sagt er.

Der Kampf gegen Przemyslaw Saleta war eigentlich als großes Tiefpunktthema für die Talfahrt eingeplant gewesen. Im Juli 2002 verlor Luan Krasniqi schließlich nicht nur seinen Europameistertitel gegen den Polen. Er wurde auch mit Kritik und Spott überhäuft, weil er den Kampf nach der achten Runde aufgegeben hatte – und das, obwohl er zu diesem Zeitpunkt haushoch nach Punkten geführt hatte. „Dieser Kampf hat mich befreit“, sagt der 42-Jährige im Rückblick, „von all den Menschen in Peter Kohls Universum-Boxstall, die Besitz von mir ergriffen hatten. Sie haben sich peinlich berührt von mir abgewendet. Und ich war froh darüber. Von denen wollte keiner verstehen, wie es überhaupt zu der Aufgabe kommen konnte. Dass der Kampf zunächst nur auf acht Runden angelegt war. Dass ich schlecht vorbereitet war. Ich hatte lediglich vier Wochen Zeit, da der Hauptkampf von Vitali Klitschko ausgefallen war. Ich musste dann einspringen. “

„Schade, dass Sie aufgehört haben“

Beratend zur Seite gesprungen ist Luan Krasniqi dann der bekannte Ludwigsburger Sportanwalt Christoph Schickhardt. „Schickhardt ist so ein Glückstreffer in meiner Karriere gewesen. In der Boxszene geht es zu wie unter wilden Tieren, jeder schaut nur auf seinen eigenen Vorteil. Da ist etwas ganz Besonderes, wenn du Leute hast, denen du absolut vertrauen kannst.“ Zu den Vertrauenspersonen von Luan Krasniqi gehört auch sein bester Freund Firat Arslan, der ehemalige Weltmeister im Cruisergewicht.

Und dann erzählt Luan Krasniqi von anderen Höhepunkten in seiner Karriere. Wenn man ihn lässt. Denn es ist ganz schön was los rund um den Sitzplatz des 1,92 Meter großen Schwergewichtsboxer, der vor zwei Jahren seine Karriere beendet hat. Man kennt ihn noch. „Herr Krasniqi, darf ich ein Foto von Ihnen machen?“, fragt ein Mädchen auf Höhe der Haltestelle Haigst. Natürlich, darf sie. „Schade, dass Sie aufgehört haben“, sagt ein älterer Fahrgast, der an der Nägelestraße aussteigt und dem 42-Jährigen noch lange hinterherwinkt. Zwischendurch spricht Luan Krasniqi über seine Erfolge – zunächst als Amateurboxer und über eine Zeit, als er es mit den ganz Großen zu tun bekam. 1995 wurde er in Berlin Vizeweltmeister, besiegte im Viertelfinale Wladimir Klitschko und unterlag im Finale erst Felix Savon aus Kuba. Dann geht es um den EM-Titel als Profi, den er sich 2002 im Kampf gegen René Monse holt. Eine Genugtuung war natürlich auch der Rückkampf gegen Saleta, den Krasniqi durch K.o. in der ersten Runde gewinnt.

Oh, wie schön ist Atlanta

Luan Krasniqi macht jetzt eine kurze Ringpause und spricht über eine Begegnung, die ihm wichtiger ist als sportlicher Ruhm. Seine Bronzemedaille von den Olympischen Spielen in Atlanta – mittlerweile nur noch ein Staubfänger im Hause Krasniqi. Und nicht zu vergleichen mit der Bedeutung der Fotos, die die Fechterin Anja Fichtel 1996 gemacht hat und einen Ehrenplatz in Luan Krasniqis Wohnzimmer haben. Die Bilder zeigen ihn zusammen mit Muhammad Ali. Die Geschichte dazu erzählt Luan Krasniqi mit einer großen und sympathischen Begeisterung. „Plötzlich stand da mein Idol Muhammad Ali als Besucher im Olympischen Dorf, umringt von Sicherheitsleuten und Sportlern. Ich muss zu ihm, dachte ich mir und drängelte mich nach vorne, wurde dann aber von der Polizei aufgehalten und sollte auch noch abgeführt werden. Ali fragte, wer ich sei und sagte, ich solle zu ihm kommen, nachdem er hörte, dass ich Boxer bin. Dann täuschte er Schlagkombinationen an – und verlor das Gleichgewicht. Ich half ihm auf und küsste ihn – immer wieder auf den Kopf. Verrückt, aber ich konnte einfach nicht anders.“

Atlanta, damit verbindet Luan Krasniqi ganz besondere Erinnerungen: „Dort habe ich mich auch gefragt: wo bist du gelandet? Ich hatte doch nie daran gedacht, eine Sportkarriere zu machen.“ Als eines von acht Geschwistern im einstigen Jugoslawien und heutigen Kosovo geboren, reist Krasniqi mit 16 Jahren seinem in Deutschland arbeitenden Vater hinterher, macht das Fachabitur und eine Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann, nimmt die deutsche Staatsangehörigkeit an und wird eher zufällig Boxer. Nach der Amateurzeit wird er in England Profi und sammelt auch Erfahrung als Sparringspartner des Weltmeisters Lennox Lewis. Zurück in Deutschland, wird er dann selbst ein Star.

„Das Boxen liebe ich erst richtig, seitdem ich aufgehört habe“, sagt Luan Krasniqi und spricht über die Zeit vor den Kämpfen, die er gehasst hat. Das brutale Training, die mentale Anspannung, die Unsicherheit. „Alle Boxer haben Angst, man darf sie aber nur so weit kommen lassen“, sagt Luan Krasniqi und zieht mit der Hand über dem Brustkorb eine Grenze.