Beschäftigungsaufbau vorhergesagt Klimaschutz soll neuer Jobmotor werden

Auf dem Weg zur Klimaneutralität des Landes muss sich auch die Industrie noch radikal ändern – mit gravierenden Folgen für die Beschäftigung. Foto: dpa/Patrick Pleul

Eine aktuelle Studie, an der auch die Bundesagentur für Arbeit beteiligt ist, sagt einen beträchtlichen Beschäftigungsaufbau bis 2030 voraus. An den Automobilstandorten dürften viele Stellen wegfallen – aber deutlich mehr in anderen Branchen hinzukommen.

Berlin - Größere Anstrengungen beim Klimaschutz, die in den nächsten Jahren auf Deutschland zukommen, werden nach Berechnungen von Wissenschaftlern unterm Strich zu einem massiven Beschäftigungsaufbau führen. In der Automobilindustrie würden durch den Abschied vom Verbrenner und den Übergang zur Elektromobilität zwar Jobs wegfallen, dies werde durch einen zusätzlichen Fachkräftebedarf in anderen Branchen aber mehr als wettgemacht – und zwar auch an klassischen Autostandorten wie Baden-Württemberg und Bayern.

 

Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der Bundesagentur für Arbeit, des Bundesinstituts für Berufsbildung sowie der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung in einer gemeinsamen Studie. Sie liegt unserer Redaktion vorab vor. Auftraggeber war die Stiftung Klimaneutralität, die vom ehemaligen Wirtschaftsstaatssekretär Rainer Baake geleitet wird.

Wirtschaftsleistung könnte um 74 Milliarden Euro steigen

„Die Analyse zeigt, dass sich der Weg zu einem klimaneutralen Deutschland positiv auf Wirtschaftswachstum und Erwerbstätigkeit auswirkt“, schreiben die Forscher. Bis zum Ende des Jahrzehnts werde die Wirtschaftsleistung um 74 Milliarden Euro höher ausfallen als ohne zusätzliche Klimaschutzanstrengungen. Für 2030 sei dadurch mit rund 360 000 zusätzlichen Jobs zu rechnen. „Der positive Wachstums- und Beschäftigungseffekt ist überwiegend investitionsgetrieben“, heißt es weiter in der Studie.

Die Bundesregierung hatte erst in der vergangenen Woche eine Verschärfung des deutschen Klimaschutzgesetzes auf den Weg gebracht: Bis 2030 soll der Treibhausgas-Ausstoß nun um 65 Prozent unter das Niveau von 1990 sinken, bisher galt ein Zielwert von 55 Prozent. Wie genau das erreicht werden soll, ist noch nicht entschieden. Hier wird die kommende Regierung gefordert sein.

Aufbau im Baugewerbe und im Verkehr

Es ist aber bereits klar, dass Sektoren wie Energiewirtschaft, Industrie, Verkehr und Gebäude deutlich mehr Treibhausgase einsparen müssen als bisher geplant. Grob gesagt verglichen die Forscher jetzt ein Basisszenario, das sich am alten Klimaziel von minus 55 Prozent orientiert, mit einem Szenario, das konkrete Klimaschutzanstrengungen in den einzelnen Sektoren unterstellt und auf eine Emissionsminderung von 65 Prozent abzielt.

Zusätzliche Jobs entstehen der Studie zufolge vor allem im Baugewerbe und in verkehrsnahen Branchen. Energiesektor und Grundstoffindustrie stehen vor gewaltigen Bau- und Ausrüstungsinvestitionen, der Gebäudebestand muss klimafreundlich saniert werden. Auch im Verkehrssektor stehen immense Investitionen an, etwa in das Schienennetz oder den Ausbau der Lade-Infrastruktur.

„Ein weiterer wichtiger Treiber für den Arbeitsmarkt ist der forcierte Umstieg auf den öffentlichen Verkehr im Personenverkehr“, schreiben die Forscher. Der motorisierte Individualverkehr werde zugunsten von Schiene und Bussen an Bedeutung verlieren. Im Maschinenbau sei ebenfalls mit einer substanziellen Jobzunahme zu rechnen. Die ohnehin schon bestehenden Schwierigkeiten von Arbeitgebern aus bau- und verkehrsnahen Branchen, geeignetes Personal zu finden, dürften sich dramatisch verschärfen. Die Nachfrage nach Fachkräften, also Beschäftigten mit abgeschlossener Berufsausbildung oder Hochschulstudium, werde deutlich steigen.

Rund 28 000 Jobs weniger in der Automobilindustrie

Ein besonderes Augenmerk legen die Autoren auf die Entwicklung der Autoindustrie. Hier dürfte sich die Transformation in Richtung E-Mobilität in den kommenden Jahren erheblich beschleunigen. Die Forscher gehen davon aus, dass aufgrund eines verstärkten Klimaschutzes in der Branche bis 2030 rund 28 000 Jobs zusätzlich verloren gehen dürften. „Dieser Stellenabbau trifft vor allem die Bundesländer mit der größten Automobilproduktion: Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen“, schreiben die Forscher.

Zugleich betonen die Wissenschaftler, dass der Stellenabbau im Fahrzeugbau durch zusätzliche Arbeitskräftenachfrage in anderen Wirtschaftszweigen „mehr als ausgeglichen werden“ könne. Gerade struktur- und bevölkerungsstarke Bundesländern dürften zu den Gewinnern zählen.

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