Bestattungsfachkraft aus Gärtringen Wenn der Tod zum Lebensinhalt wird

Von Lena Hummel 

Jennifer Schmid ist als Bestatterin jeden Tag mit dem Lebensende konfrontiert. Doch ihre Arbeit hat auch schöne Seiten. Und sie hat ihr ganz persönliches Glück im Bestattungswesen gefunden.

Die 22-jährige Jennifer Schmid weiß: Bestatter zu sein ist mehr als ein Beruf – es ist eine Berufung. Ihren Freund Sascha Wissing, ebenfalls Bestatter, hat sie durch ihre Tätigkeit kennengelernt. Foto: /Gottfried Stoppel
Die 22-jährige Jennifer Schmid weiß: Bestatter zu sein ist mehr als ein Beruf – es ist eine Berufung. Ihren Freund Sascha Wissing, ebenfalls Bestatter, hat sie durch ihre Tätigkeit kennengelernt. Foto: /Gottfried Stoppel

Gärtringen/Backnang - Wenn Jennifer Schmid und Sascha Wissing morgens den Kleiderschrank öffnen, dann ist die Auswahl beschränkt. Sie greift zu einer Bluse und einem Blazer, beides in Schwarz, er zu einem schwarzen Anzug und zu einer Krawatte. Das ist für das junge Paar Pflicht. Die beiden, sie 22, er 29 Jahre alt, sind Bestattungsfachkräfte. Schmid hat ihre Ausbildung beim Bestattungsunternehmen Rühle in Gärtringen im März dieses Jahres mit Bestnoten abgeschlossen – und ist am Freitag von der Handwerkskammer Region Stuttgart als beste Auszubildende des letzten Prüfungsjahrgangs ausgezeichnet worden.

Doch warum entscheidet sich eine junge Frau dafür, sich tagtäglich mit dem Tod auseinanderzusetzen? – „Als wir in der Realschule im Religionsunterricht die Themen Sterben und Tod behandelt haben und darüber gesprochen haben, was während des Sterbeprozesses und danach passiert, war ich so fasziniert, dass ich mich auch außerhalb der Schule damit beschäftigt habe“, erzählt Schmid. Mit ihrer Mutter habe sie dann über die beruflichen Möglichkeiten gesprochen und sich für eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft entschieden. Die Zeit bis zu ihrem 18. Geburtstag überbrückte sie mit dem Abitur und diversen Praktika, denn nur wer volljährig ist, darf die Ausbildung beginnen. „Weil man geistig dafür bereit sein und die nötige Reife haben sollte“, sagt Schmid.

Man darf weinen – aber nicht immer

Erst ein einziges Mal hat sie auf einer Trauerfeier „Rotz und Wasser“ geheult. „Ein junger Papa ist gestorben, und seine Tochter hatte sich vor seinem Tod mit ihm gestritten“, erzählt Schmid. Als sie selbst im gleichen Alter gewesen sei, habe sie auch mal mit ihrem Vater Streit gehabt und sich auf der Feier in die Zeit zurück- und in die Situation hineinversetzt. „Man darf weinen, wir sind ja schließlich auch nur Menschen“, sagt ihr Freund Sascha Wissing dazu. Trotzdem müsse man das richtige Mittelmaß finden. Denn: Wer im Beratungsgespräch selbst ständig in Tränen ausbreche, schaffe es nicht, professionell zu sein. Wer dagegen zu distanziert sei, sei keine Stütze für die Angehörigen.

Lesen Sie hier: Von Beruf Totengräber

Für Schmid sind es genau diese Angehörigen, die den Beruf zu ihrem ganz persönlichen Traumjob machen. „Die Angehörigen sind so dankbar, das glaubt man gar nicht“, sagt sie. Weil Verstorbene „wieder lächeln, friedlich oder gar nicht tot aussehen“, fasst Schmid die Lobworte der Angehörigen zusammen. Oft seien sie auch schon deshalb dankbar, weil ihnen so viel abgenommen werde.

Schmid lebt intensiver

Obwohl das Thema Tod für die junge Frau jeden Tag so präsent ist, hat sie keine Angst vor dem Sterben. „Das hatte ich vorher aber auch nicht“, sagt sie. Was sich geändert hat: „Ich lebe jetzt intensiver als vorher, weil ich weiß, dass das Leben jederzeit vorbei sein kann. Aber es ist nicht so, dass der Beruf meinen Alltag beeinflusst“, fügt sie hinzu.

Mit einer Ausnahme: Schmid und Wissing haben sich dank ihres Berufs kennengelernt. „Wir haben sozusagen die Liebe im Bestattungswesen gefunden“, sagt Schmid. Beide arbeiteten bei dem Gärtringer Bestatter, bevor sie im September gemeinsam nach Backnang zogen und dort beide eine Stelle beim Bestattungshaus Zur Ruhe antraten.

Bester Freund und beste Freundin auf Zeit

Das Paar absolvierte die gleiche Ausbildung, beide lernten in dem Betrieb, der Berufsschule und dem Ausbildungszentrum der Bestatter in Münnerstadt. An die „schönen fünf Wochen in Münnerstadt“ erinnert sich Schmid gerne zurück. Die Auszubildenden lernen dort, wie ein gutes Beratungsgespräch aufgebaut ist, und haben Kurse in Trauerpsychologie. „In dem Kurs geht es darum, wie man die eigene Trauer verarbeitet, wie man mit Schicksalsschlägen anderer umgeht und wie man eine Stütze für trauernde Menschen ist“, erklärt Schmid. Die werdenden Bestatter lernen, einen Sarg zusammenzubauen, ein Grab auszuheben, eine Trauerfeier zu dekorieren und einen Verstorbenen hygienisch zu versorgen.

Lesen Sie hier: Wie sich die Friedhofslandschaft im Südwesten verändert

Seit zwei Jahren kennen sich Jennifer Schmid und Sascha Wissing, seit einem guten Jahr sind sie zusammen. Wie das kam? – „Wenn man mit solchen Schicksalsschlägen zu tun hat, dann redet man viel mit den Kollegen – und kommt sich so automatisch näher“, sagt Wissing. Ihren Kunden begegnen die jungen Bestatter ähnlich offen: „Wir sind bester Freund und beste Freundin auf Zeit“, sagt Schmid.