Bewertungsplattformen im Internet sind ein Massenphänomen. In fast allen Lebensbereichen. Aber wie ist es mit Genussmitteln wie Bier? Die Digitalisierung ist auch hier unerbittlich vorgedrungen. Es gibt Seiten wie „Bier-Index“, die nach eigenen Angaben 41 678 Biere von mehr als 4698 Brauereien und 59 385 Biertests in der Datenbank hat. Die Handy-App „Beer Tasting“ ist inzwischen auf mehr als 100 000 Handys installiert – eine gigantische Plattform rund ums Bier. Und obwohl die beiden Brauereien im Landkreis eher auf den lokalen und regionalen Markt setzen, sind sie auf den wichtigen Plattformen vertreten.
Die international orientierte „Beer Tasting“-App listet 26 Sorten aus der Geislinger Kaiser-Brauerei auf. Auf der Internetseite „Bier-Index“ sind 23 Biere der Kaiser-Brauerei genannt, von denen 14 eine Bewertung bekommen haben und meist überdurchschnittlich gut abschneiden – mit den Noten C oder D auf der 10-stufigen Skala. Von der Brauerei Hilsenbeck in Gruibingen sind hier zehn Sorten aufgelistet, mit der besten Note für das „Osterhäsle“, gefolgt vom „Brunnenbier naturtrüb“ und dem „Meisterbock“. Das alles basiert nicht immer auf vielen Einzelbewertungen.
„Feinporige, klebrige Krone“
Was jedoch auffällt: Auf den Plattformen schreiben die Hobby-Biertester so manche Sorte wortreich zugrunde oder loben sie in den Himmel – in schönster Geschmackstester-Lyrik. Es scheint, als wollten die Hobby-Tester keine Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den Weinkennern zulassen. Sie tragen zuweilen dick auf, schmecken nie geahnte Duftnoten heraus und vergären sie literarisch. Kostprobe gefällig? Über das Keller-Pils der Kaiser-Brauerei urteilt ein Nutzer der „Beer Tasting“-App: „Eine feinporige, klebrige Krone sitzt auf einem naturtrüben, milchig-goldenen Pils. (...) Das Mundgefühl ist cremig, bei einem malzigen Start, wobei sich im weiteren Trinkverlauf fruchtige Aromen entfalten, die nachfolgend bitter, leicht adstringierend ausklingen.“ Das gibt vier von fünf Sternen. Oha.
Übers Gruibinger „Meisterbock“ wertet ein Nutzer auf „Bier-Index“: „Der Antrunk ist wuchtig-malzig, doch schnell kommt eine schwere Fruchtigkeit nach. Rumtopf mit viel Holzfass-Aromen. Dazu herber Honig.“ Es sei im Körper „voll, aber nicht überschwer“ und in der Rezenz „schwach gespundet“.
Und was halten die beiden Brauereichefs aus dem Kreis von den Plattformen? Hans-Dieter Hilsenbeck von der Lammbrauerei meint: „Natürlich sind auch diese Online-Foren wichtig und ernst zu nehmen. Wobei man dabei aber nicht den Überblick verlieren darf.“ Denn: „Jeder kann heute ein Bewertungsportal ins Leben rufen und sich zum Bierkenner und -bewerter ausrufen. Teilweise sind die Plattformen gut und strukturiert. Ebenso findet man auch sehr schlecht gemachte Versionen“, so der Gruibinger. Und sein Kollege Christoph Kumpf von der Kaiser-Brauerei meint: „Diese Foren sind natürlich immer sehr subjektiv, was auch in Ordnung ist und in der Natur der Sache liegt.“ Beide Brauer sehen aber Nachteile gegenüber organisierten Verkostungen. Hilsenbeck: „Das macht deutlich mehr Sinn bei internen und externen Verkostungen, die blind durchgeführt werden, wo die Verkoster also wirklich nicht wissen, was sie trinken und neutral sind.“ Christoph Kumpf meint: „Bei Prämierungen bei DLG oder Meiningers World Craft Beer Award werden unsere Biere regelmäßig mit Höchstpunktzahl mit Gold ausgezeichnet. Dabei wird das Bier zusätzlich zu professionellen Blindverkostungen auch analytisch beurteilt. “
Deutlich bessere Bewertung auf Profi-Portalen
Das Geislinger Export schneide ganz gut ab, sagt Kumpf. „Die durchschnittliche Bewertung beim Bier-Index-Portal für unser Export stimmt trotzdem nicht mit der Expertenmeinung der DLG oder den World Beer Awards überein. Dort wird das Bier deutlich besser und als Top-Bier bewertet“, so Kumpf. Seine Empfehlung: „Sie schauen sich eine Google-Bewertung an, wenn das Lokal eine ordentliche Bewertung hat, geben sie ihm eine Chance und probieren es selbst. So würde ich es beim Bier auch empfehlen.“
Kumpf und Hilsenbeck betonen die regionale Verwurzelung ihrer Brauereien und ihren Qualitätsanspruch. Hilsenbeck: „Da wir eine kleine regionale Brauerei sind, ist für uns die Vermarktung rund um den Schornstein sehr wichtig. Für uns steht an erster Stelle immer das Produkt und die dazugehörigen regionalen Lieferanten.“ Sein Geislinger Kollege Kumpf betont, dass bei den Portalen fast alle Großbrauereien deutlich schlechter abschneiden als die Kaiser-Brauerei. „Das hängt damit zusammen, dass wir unser Bier nicht nach Kostenoptimierung brauen, sondern nach Handwerkskunst. Die Wege zu unseren Kunden sind kurz, das spielt auch eine Rolle.“
Beispiele aus der App „Beer Tasting“
Kaiser-Brauerei
Die Geislinger Biersorten bekommen gute Noten zwischen 3,75 Sternen (von fünf) für „Grüß de Gott Alois“, beziehungsweise 3,72 für „Ohne Filter“ und 3,14 fürs „Export 1881 alkoholfrei“. Hier sticht das „Ohne Filter Dunkel Retired“ mit 4,22 Sternen nach oben heraus. Das würde diese Sorte unter die Top 30 in Deutschland bringen, es wurden aber noch nicht die erforderlichen 50 Bewertungen abgegeben. Das Keller Pils der Geislinger hat hingegen schon 1568 Bewertungen bekommen und 127 Rezensionen: Gesamtnote: 3,4 Sterne.
Lammbrauerei
Von der Lammbrauerei Hilsenbeck bekommt das „Strandfigur Radler“ 4,22 Sterne, das „Öhringer Spezial“ 4,28 und das „Bachtaler Naturradler“ sogar 4,38 (bei allerdings je nur drei Bewertungen). Die anderen Gruibinger Sorten liegen zumeist zwischen guten 3,5 und 4,0 Sternen, das „Brunnenbier“ zum Beispiel hat 3,7 Sterne bei 183 Bewertungen.