Herr Vogel, die ZDF-Sendung „37 Grad“ beschreibt den Fall einer Mutter mit zwei Kindern, die vom Jugendamt schon mal auf ein Leben in einer Sammelunterkunft vorbereitet wurde. Die LBG hat der Frau eine Wohnung vermietet. Wegen des Fernsehens?
Natürlich nicht. Mit mir hat man erst nach der Vermietung Kontakt aufgenommen. Ich wusste von der Sendung nichts.
Wie lief das Ganze denn ab?
Wir hatten ganz normal eine Vier-Zimmer-Wohnung im Stuttgarter Norden ausgeschrieben und sie an die Frau und ihre Kinder vergeben. Monate später rief die Regisseurin an und fragte, warum wir mitten in Stuttgart nur 7,50 Euro Nettomiete pro Quadratmeter Wohnfläche verlangen?
7,50 Euro sind schon als Bestandsmiete die Ausnahme, Angebotsmieten für Neuverträge liegen um 50 Prozent höher.
Und wir richten noch alle unsere Bestandswohnungen bei einer Neuvermietung her. Das hat das Fernsehen in der Tat ebenso überrascht wie die günstige Miete. Wir betrachten aber eben unsere Wohnungen in erster Linie als Sozialgut und nicht nur als Wirtschaftsgut. Das heißt, wir agieren nicht rein renditeorientiert. Wir wollen unseren Mitgliedern gutes, bezahlbares und lebenslanges Wohnen bieten. Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch scharf rechnen würden.
Fehlende Renditeorientierung – das erscheint total aus der Zeit gefallen. Ihr Aufsichtsrat wird Ihnen aber kaum gestatten, die Genossenschaftssubstanz aufzuzehren.
Natürlich nicht. Als Vorstand kalkuliere ich scharf und muss für die Bestandssicherung und den Ausbau der Substanz sorgen. Wir denken in Generationen statt in Quartalen. Dabei haben wir die ,schwarze Null’ im Blick. Unsere guten Geschäftszahlen zeigen, dass wir trotzdem erfolgreich sind.
Worin unterscheiden Sie sich also von den üblichen Wohnungsunternehmen?
In drei Punkten: Grundstückskosten, die Dauer der Amortisation und beim Renditezins. Bei der Wirtschaftlichkeitsberechnung lassen wir die Grundstückskosten unberücksichtigt, weil uns die Flächen gehören und diese in den letzten Jahrzehnten auch an Wert gewonnen haben. Macht man das nicht, kann man fast keine bezahlbaren Mieten anbieten, schon gar nicht nach Modernisierungen. Das sind wir unseren Bestandsmietern aber schuldig. Auch wenn wir ein neues Grundstück gekauft haben, dann reicht es uns, dass wir erst binnen 50 Jahren oder sogar noch länger die investierten Mittel mit einem geringen Renditesatz zurück bekommen. Je länger dieser Zeitraum, desto günstiger wird die Miete.
Gelten Sie als der in der Branche, der am schlechtesten rechnen kann?
Natürlich werde ich ab und an gefragt. Aber gehen Sie davon aus, dass ich als gelernter Bankkaufmann und Betriebswirt gut kalkulieren kann. Ich verweise zudem auf unsere gute Entwicklung, die stabile Ertragslage und möchte betonen, dass man auf verschiedene Art und Weise wirtschaftlich rechnen kann. Wir machen eben Wohnungspolitik für unsere Mitglieder und Mieter.
Die vom ZDF begleitete Stuttgarterin ist eine Durchschnittsverdienerin. Die Wohnungsnot hat den Mittelstand erfasst.
Ja, es ist bedauerlich, dass nun auch der Personenkreis, der das öffentliche Leben in der Stadt erhält, dort nicht mehr leben kann. Es müssen deshalb dringend Konzepte entwickelt werden, um hier gegenzusteuern. Wir werden als Baugenossenschaft im Rahmen unserer Möglichkeiten alles tun, um den Mittelstand mit Wohnraum zu versorgen. Gleichzeitig helfen wir aber im Rahmen des
Bündnisses für Wohnen der Stadt beim Sozialwohnungsbau. In den letzten zwei Jahren haben wir der Stadt 14 Belegungsrechte in unserem Bestand eingeräumt.
Mit Ihren Vorstellungen ließe sich offenbar die Wohnungsnot mindern. Woran mangelt es, dass Sie nicht mehr bauen?
In erster Linie an bezahlbaren Grundstücken. Ich bin überzeugt, dass dieses Problem nur im und mit dem Bündnis für Wohnen zu lösen ist. Es ist für uns schwierig, auf dem freien Markt
Flächen zu einem Preis zu erwerben, mit dem wir unsere Mietpolitik betreiben können. Auch sind die Baukosten so gestiegen, dass man kaum unter zehn Euro pro Quadratmeter Miete im Neubau bleiben kann. Deshalb sind wir darauf angewiesen, dass uns die Stadt Grundstücke verkauft. Dann können aber noch von den Kommunen verschärfte gesetzliche Bestimmungen, etwa bei der Energetik, den Vorteil des vergünstigten Grundstücks aufzehren.
Das Stuttgarter Wohnungsproblem muss auch in der Region gelöst werden. Wie bewerten Sie dort die Lage?
Auch dort kommen wir nicht besser an Grundstücke, obwohl es Wohnungsbündnisse gibt. Die Preise steigen auch kräftig. Wir haben weiterhin eine Vielzahl von Anfragen, nachdem wir eine freie Wohnung auf unsere Internetseite gestellt haben.
Nimmt man Sie und ihre Mietpolitik in der Region überhaupt wahr?
In Ludwigsburg hat uns OB Spec für die Modernisierung von über 50 Wohnungen gelobt, für die wir trotz Investitionen von 3,8 Millionen Euro weiter nur zirka 6,20 Euro Nettomiete pro Quadratmeter verlangen. Ich habe den Eindruck, dass die Kommunen ihre eigenen Wohnungsbauunternehmen in den Vordergrund stellen. Die Baugenossenschaften mit ihrer mitgliederorientierten Geschäftspolitik werden bisher kaum wahrgenommen.
Hier lesen Sie weitere StZ-Plus-Texte