Groß , klein, rund, fluffig, flach: Obenrum schaut es unterschiedlich aus bei den Frauen. Auch jenseits der Optik ist Brust nicht gleich Brust. Die Konnotationen des Frauenbusens sind in der Kulturgeschichte beinahe grenzenlos. Er steht für etwas anderes als die Männerbrust: für Erotik und Mutterschaft oder wird als Allegorie der Weiblichkeit schlechthin verstanden. Seit den gesellschaftlichen Kontroversen der vergangenen Jahre in vielen deutschen Städten über die Frage, ob Frauen in Freibädern oben ohne baden dürfen, steht außerdem fest: Die Frage, wer wo Brüste zeigen darf, ist nicht nur eine juristische, sondern auch eine politische.
Nackte Frauenbrüste zu zeigen ist in vielen sozialen Netzwerken verboten. Kunstwerke fallen bei Instagram unter die Ausnahmen von dieser Regel. Das ermöglichte es den Wissenschaftlerinnen Natanja von Stosch und Juliet Kothe, den Instagramaccount „Boobs in the Arts“ zu starten, auf dem sie Brustdarstellungen in der Kunst zeigen.
Der Bildband zeigt Kunstwerke vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart
Der jetzt von den beiden Wissenschaftlerinnen im Distanz-Verlag herausgegebene Bildband „Boobs in the Arts: Fe:male Bodies in Pictorial History“ ist ein Kompendium dieser Bilder über unterschiedliche Epochen, Kunstströmungen und Diskurse hinweg. Die präsentierten Werke von 100 Künstlerinnen und Künstlern reichen vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart und sind in dem Bildband in chronologischer Reihenfolge präsentiert. Jede Abbildung wird von einem Text begleitet, in dem die Künstlerinnen ihre Werke beschreiben oder Autorinnen eine Einordnung liefern.
Frauen selbst nutzen ihre Brust seit dem vergangenen Jahrhundert als Symbol feministischer Proteste: Die 68er, die ihre BHs verbrannten oder die Femen-Aktivistinnen mit Oben-ohne-Aktionen. Noch nicht lange stellen sich Frauen dem männlichen Blick so offensiv entgegen und entscheiden selbst, wie ihr Körper verstanden werden soll. Als erste Künstlerin malte sich Paula Modersohn-Becker 1906 halbnackt und schwanger: Das „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ zeigt eine entschlossene, freundlich und offen zum Betrachter blickende Frau und gilt als Ikone der internationalen Moderne. Nackte Frauen in der Kunst gab es viele, doch hier bestimmt eine Frau erstmals selbst darüber, wie ihr Körper nackt dargestellt wird – ein Akt der Selbstermächtigung.
Es geht um Körperpolitik, Machtverhältnisse, Geschlechterfragen
In der Performance „Tapp und Tastkino“ schnallte sich die österreichische Künstlerin Valie Export 1968 in einer Straßenaktion einen vorne und hinten offenen Kasten vor die nackten Brüste. Der Filmemacher Peter Weibel rief mit einem Megafon die Passanten dazu auf, das Kino zu besuchen, also mit den Händen durch einen Vorhang zu greifen und die Brüste zu betasten. Die feministische Aktion sollte den voyeuristischen männlichen Blick im visuellen Medium Film im Wortsinn begreiflich machen.
Die mit der Frauenbrust befassten Kunstwerke stehen nicht im luftleeren Raum, sondern beziehen sich nicht selten auf Bilder aus der Vergangenheit, rekurrieren auf Motive wie die Maria lactans, die stillende Mutter Gottes, oder etwa auf das berühmte Bild „Gabrielle d’Estrées und eine ihrer Schwestern“ von 1594 aus der Schule von Fontainebleau.
Körperpolitik, Machtverhältnisse, Geschlechterfragen und Verletzlichkeit stehen im Zentrum der Auseinandersetzungen und die Frage danach: Was ist eigentlich Weiblichkeit und wer legt das fest?
Natanja von Stosch, Juliet Kothe Boobs in the Arts: Fe:male Bodies in Pictorial History (Englisch). Distanz Verlag, 288 Seiten, 44 Euro.