Bischof Gebhard Fürst im Interview „Ich halte den Zölibat weiter hoch“

  Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Gebhard Fürst, Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, plädiert für Kirchenreformen, zeigt aber Grenzen auf. Priesterinnen werde es nicht geben.

Familie/Bildung/Soziales: Michael Trauthig (rau)

Stuttgart - Er wolle „keine deutsche Sonderkirche“, sagt der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst. Gewisse Reformen seien nur im Rahmen der Weltkirche möglich. Die Pflicht zur Ehelosigkeit führe nicht zu Missbrauch, sagt der Theologe. Er schäme sich dafür, wie etwa in München mit Opfern umgegangen worden sei.

 

Herr Fürst, wie geht es Ihnen – als Mensch und als Christ?

Die katholische Kirche ist in einer Situation, die alles andere als Freude macht. Wir haben an Glaubwürdigkeit verloren. Den christlichen Glauben zu verkündigen ist derzeit nur schwer möglich. Wenn das Evangelium bei den Menschen nicht mehr ankommt, verfehlt die Kirche ihren Auftrag. Diese Situation belastet mich als Bischof, aber besonders auch ganz persönlich sehr.

Kommt die Kirche noch in die Offensive?

Wir werden nicht resignieren. Die Kirche muss sich um ihrer Botschaft willen für die Menschen erneuern. Ich werde alles, was in meiner Kraft steht, dafür tun, dass wir eine neue glaubwürdige Gestalt entwickeln und eine neue spirituelle Kraft entfalten. Nach der dritten Vollversammlung des Synodalen Weges bin ich ein wenig zuversichtlicher geworden, dass wir in der Erneuerung vorankommen. Dort wurden Dokumente – auch mit der nötigen Zweidrittelmehrheit der Bischöfe – verabschiedet, die zukunftweisende Änderungen vorsehen, die in unserem Bistum bereits verwirklicht sind.

Was konkret wird mit Blick auf Teilhabe der Gläubigen denn ermöglicht?

Unser gewählter Diözesanrat hat zum Beispiel das Haushaltsrecht, verfügt also über die Verwendung der Kirchensteuern. Die Etatberatungen sind öffentlich und führen zum geltenden Zweijahreshaushalt, der vom Bischof dann in Kraft gesetzt wird. Das ist in der katholischen Kirche weltweit einmalig.

Was soll sich darüber hinaus ändern?

Wir haben in Frankfurt einen Text zur Mitwirkung der Gläubigen bei der Bischofswahl verabschiedet. Zur Realisierung des Beschlusses muss einiges geklärt werden. Zum Beispiel wie genau sich der Kreis der Gläubigen bilden soll, durch die sie mitwirken. Die bisherige Bischofswahl regelnden Konkordate dürfen nicht verletzt werden.

Derweil werden Sie permanent mit dem Missbrauchsskandal konfrontiert. Ein Gutachten folgt dem nächsten.

Einige Bistümer haben Gutachten in Auftrag gegeben, bevor die Bischofskonferenz diesbezüglich Beschlüsse gefasst hatte. Als die Gutachten veröffentlicht werden sollten, kamen rechtliche Bedenken auf, und es verschwanden Gutachten wieder in der Versenkung. Es wäre wohl besser gewesen, wenn alle Bistümer gleichzeitig unabhängige Untersuchungen in Auftrag gegeben hätten, die dann in einem bestimmten zeitlichen Korridor veröffentlicht worden wären. Nun zieht sich das über Jahre hin.

Warum gibt es in Ihrer Diözese noch kein Gutachten?

Wir haben bereits am Anfang meiner Amtszeit begonnen, die bekannt werdenden Fälle sexuellen Missbrauchs zu bearbeiten, Täter zu bestrafen, Opfer ernst zu nehmen, sie finanziell zu entschädigen und zu unterstützen. Bereits 2002 haben wir eine Kommission zum sexuellen Missbrauch gegründet, die weisungsunabhängig arbeitet. Dieser Kommission wurde sofort gemeldet, wenn sich jemand als Opfer betrachtete. Ab 2010 gab es dann ein Entschädigungsprogramm. Hätten alle Diözesen so gehandelt, wäre die heutige Dramatik so gar nicht entstanden.

Hat Sie erschreckt, was in München nun an Erkenntnissen zutage getreten ist?

Mich hat das entsetzt. Entsprechende Worte nutzen sich durch Wiederholung ab. Aber ich bin darüber empört. Und ich schäme mich, dass in München Erzbischöfe an Vertuschung beteiligt waren und Opfern keine Empathie entgegengebracht haben. Das ist einfach furchtbar. Die Antwort des emeritierten Papstes Benedikt hat viel Häme, Enttäuschung und Verärgerung hervorgerufen.

Gibt es denn irgendwann auch ein Gutachten der Diözese?

Wir haben Ende 2021 eine unabhängige Aufarbeitungskommission eingerichtet. Sie kann alle Akten bis ins Jahr 1947 zurück einsehen und wird jährlich Berichte verfassen.

Die Sexualmoral der Kirche und der Zölibat könnten auch Grund für den Missbrauch sein. Braucht es Änderungen?

In der Priesterausbildung ist die Sexualität kontinuierliches Thema. Dass die Ehelosigkeit der Priester zu Kindesmissbrauch führt, ist nicht richtig. Etwa 1,5 Prozent der Priester sind zu Tätern geworden. Das ist beklagenswert und sind zu viele, kein Zweifel. Aber dass jeder zweite Priester Kinder und Minderjährige missbrauche, entspricht nicht den Tatsachen.

Verteidigen Sie den Zölibat weiterhin?

Ich halte die Ehelosigkeit der Priester für sehr wertvoll und deshalb die Verpflichtung zum Zölibat bis heute hoch. Die Lebensform der Ehelosigkeit ermöglicht es, sich mit ganzer Kraft für die Verkündigung des Evangeliums und für die Menschen – die Armen, die Schwachen, die Kranken – einzusetzen. Damit folgen ehelos Lebende dem Beispiel Jesu von Nazareth. Ich werde mich in der Synodalversammlung nicht für die Abschaffung des Zölibats einsetzen. Eine Zweidrittelmehrheit der Bischöfe dafür halte ich für nicht sehr wahrscheinlich.

Dann sind auch Frauen als Priesterin für Sie offenbar nicht denkbar?

Ich setze mich dafür ein, dass wir das Diakonat der Frau einführen und zugleich das Verhältnis von Priestern und Diakoninnen so neu fassen, dass die Diakonin, der Diakon nicht dem Priester untergeordnet ist.

Macht Rom da mit?

Wenn die Synodalversammlung mit Zweidrittelmehrheit einschließlich der Bischöfe diese Erwartung ausspricht, werden wir ja sehen.

Der frühere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, meinte, das könne man auch hier entscheiden.

So ohne Weiteres halte ich das nicht für möglich. Ich will keine deutsche Sonderkirche. Hier geht es um eine zentrale Frage, die man nicht in verschiedenen Ländern der Weltkirche mal so oder mal so regeln kann. Die Frage der Priesterin hat Papst Johannes Paul II. abschlägig entschieden. Die Frage nach dem Amt der Diakonin ist aber noch offen.

Nun hat die Aktion „Out in Church“ beklagt, dass Mitarbeitende in der Kirche wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden.

In unserer Diözese hat es in den letzten 20 Jahren meines Wissens niemanden gegeben, dem deswegen gekündigt wurde. Wir arbeiten jetzt intensiv an der Neufassung des kirchlichen Arbeitsrechtes. Diskriminierung soll auch auf dem Papier ausgeschlossen sein. Auch die katholischen Christen und die Kirchengemeinden müssen sich hier in Richtung von mehr Akzeptanz bewegen.

In Stuttgart werden seit Langem homosexuelle Paare gesegnet. Haben Sie die Priester deshalb zur Rede gestellt?

Ich weiß explizit von keinen Segnungen homosexueller Paare. In einem Fall habe ich dem Pfarrer, der angefragt war, in einem Brief mitgeteilt, dass dies nicht möglich ist. Im Zusammenhang des Synodalen Weges müssen wir einen Weg finden, der homosexuelle Paare nicht diskriminiert, und ein Zeichen finden, das deutlich macht, dass Gottes Liebe auch diesen Menschen gilt und unsere Kirche sie annimmt.

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