Blick zurück: Lilian Böhringer Einsames Mannequin

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Nach etwa vier Jahren hat Lilian Atterer genug erlebt. Wenn sie nach getaner Arbeit in den vornehmen Sternehotels dieser Welt sitzt, fühlt sie sich zunehmend einsam. Die Beziehung zu ihrer Jugendliebe ist schon bald nach dem Beginn der turbulenten Zeit in die Brüche gegangen. Außerdem stört das Mannequin jetzt auch, dass es keinen Hochschulabschluss hat und daher auch keinen Beruf, mit dem es den Rest des Lebens bestreiten kann. Ihrer Tochter wird Lilian Böhringer später immer wieder sagen: „Du kannst tun, was du willst, aber: lerne einen Beruf.“ Die Tochter arbeitet heute als Zahnärztin.

Als Lilian Atterer 1972 bei einer Geburtstagsparty den Architekten Rolf Böhringer kennenlernt, wird die Globetrotterin wieder geerdet. Miss Atterer lässt sich in Waiblingen nieder, 1976 wird sie Mrs Böhringer. An der Kunstakademie macht sie einen Abschluss als Innenarchitektin und startet mit ihrem Mann eine zweite Karriere. Die Böhringers bauen Häuser, Hotels und Supermärkte in Stuttgart und Umgebung und errichten Ferienwohnanlagen in Florida. Abwechselnd lebt das Paar in Amerika und Deutschland. Wäre im damaligen Persien nicht die Revolution ausgebrochen, hätten die Böhringers im Auftrag des Schahs auch Wohnungen in Teheran gebaut. Und hätten die Libyer weniger komplizierte Gesetze, die Baumeister aus Waiblingen hätten dort ein Betonwerk in die Höhe gezogen. Zwischendurch tritt Lilian Böhringer in Talkshows und Krimis auf. In einem „Tatort“ („Rot – rot – tot“) wird sie filmreif vom eifersüchtigen Curd Jürgens als Bösewicht erdrosselt. In einer anderen Folge („Himmelblau mit Silberstreifen“) ist die Villa der Böhringers der Schauplatz eines Verbrechens. Im Untergeschoss, also da, wo sich der Salon, die Hausbar und die Kegelbahn befinden, wird der fiktive Hausherr erschlagen und ausgeraubt. Welche Rolle sie selbst spielte, weiß Lilian Böhringer nicht mehr. Sie erinnert sich nur noch daran, dass der Sohn der Haushälterin der Mörder war und Werner Schumacher den Kommissar spielte. „Ich hätte viel mehr aufschreiben sollen“, sagt die Misses, für die Highlights alltäglich waren.

Ein paar Poolrunden für die Fitness

Lilian Böhringer vergewissert sich, dass es dem Gast ganz bestimmt nichts ausmacht, wenn sie raucht. Dann steckt sie sich noch eine Zigarette an und schickt die Rauchschwaden auf die Reise durch das Wohnzimmer, in dem sich mühelos ein Kleinfamilienhaus unterbringen ließe. Lilian Böhringer ist jetzt 65. Ihre schwarze Hose liegt eng am Körper an, das schwarze ärmellose Top wird von einem breiten schwarzen Gürtel an den Bauch geschmiegt. Man kann sich vorstellen, wie die Altersgenossen im vorigen Jahr geguckt haben, als Lilian Böhringer aus ihrem silbernen 500er SL stieg und beim Klassentreffen in der alten Heimat aufschlug. Lilian Böhringer auch. „Ich dachte erst, ich bin im falschen Raum“, sagt sie. Aber letztlich sei es doch ein sehr interessantes Wiedersehen gewesen. Nicht ganz so flott halt wie die Treffen der Misses Germany im Europa-Park Rust .

Ist es aufwendig, sich so schlank und schön zu halten? Lilian Böhringer sagt, sie drehe ab und zu Runden im hauseigenen Pool. Hin und wieder lasse sie den Friseur ihre Haare blondieren. Aber sonst: kein Abo im Fitness-Studio, keine Flatrate bei der Kosmetikerin. Darf man das glauben? „Es müssen die Gene sein. Mein Vater war auch sehr schlank“, sagt Lilian Böhringer und verspeist ein Stückchen Erdbeerkuchen („selbst gekauft“).

Seit zwei Jahren ist sie Witwe. Ihr Mann starb an den Folgen eines Schlaganfalls. Lilian Böhringer hat ihn bis zum Schluss daheim gepflegt. Seither ist die Furcht vor Krankheit die einzige Angst, die sie kennt („Lieber tot als krank“). In den Monaten danach hat Lilian Böhringer die Firmen aufgelöst, über die die Geschäfte in Deutschland und Übersee liefen. Die Innenarchitektin, die bis dahin kaum eine Überweisung selbst getätigt hatte, musste sich plötzlich mit Versicherungen, Banken und Finanzämtern auseinandersetzen und durch endlose Ordnerreihen kämpfen. „Das waren schlaflose Nächte“, sagt Lilian Böhringer, die nun das Schwerste überstanden hat und zaghaft den Wunsch spürt, das Haus „wieder leben zu lassen“ und ihre „Einladungsschulden“ abzubauen. Die Frau, die so viel erreicht hat in ihrem Leben, lernt mit Mitte 60: „Wenn man will, kann man alles.“ Darauf noch einen Toast. Prost!