Dass WM als Kürzel für Weltmeisterschaft steht, weiß jeder Sportsfreund ohne Nachzudenken. Auch EM für Europameisterschaft ist im Gehirn fest abgelegt, schwieriger wird es bei CL für Champions League und bei BMI langsam kritisch: Bundesministerium des Innern oder Body-Mass-Index? Und was bedeutet eigentlich BMX? Ganz einfach: Bicycle Motocross, wobei das X für das englische Substantiv cross („Kreuz“) und auch für das Verb to cross („durchqueren“) steht.
Diese Frage haben sich vor Monaten auch Noah Sonntag und sein Vater Rafael gestellt. „BMX, davon hatten wir als Sportart noch nie etwas gehört“, berichtet der Senior. Der Junior, der als begeisterter Radfahrer mit seinem Mountainbike regelmäßig über den Pumptrack in Gerlingen raste, fragte vor gut zwei Jahren seinen Vater, ob es denn auch größere Pumptracks in der Nähe gebe – so fand der 43-Jährige per Google Maps die Strecke in Kornwestheim und die entsprechende Homepage der Skizunft Kornwestheim, die dafür zuständig ist.
Kurze Kontaktaufnahme und schon war Noah Sonntag mittendrin im Schnupper- und Probetraining. „Ich bin da einfach gleich mitgefahren“, erzählt der Zwölfjährige, „Helm und Ausrüstung habe ich gestellt bekommen.“ Und die Trainer erkannten mit geübten Augen ziemlich schnell, dass der Schüler aus Gerlingen das gewisse Etwas besaß, auf das es im BMX-Sport ankommt – Körperbeherrschung, eine Portion Mut, Geschicklichkeit, Schnelligkeit. Schnell war klar, dass Rafael Sonntag seinen Filius regelmäßig nach Kornwestheim wird chauffieren müssen, im Sommer dreimal pro Woche zum zweistündigen Training, im Winter zweimal. „Ich nehme oft das Dirtbike von Noah mit und fahre selbst auch ein bisschen“, erzählt Rafael Sonntag.
Neupreis eines BMX-Bikes: gut 2000 Euro
Natürlich nicht so riskant wie sein Sohn, der seine Technik wie seine Ausdauer verbessert – rein in die Kurven, Springen, auf dem Hinterrad fahren. „Das ist nicht einfach, ohne in die Pedale zu treten“, erzählt Noah, „fünf Meter bekomme ich hin.“ Was die Geschichte verkompliziert: BMX-Fahrräder rollen, so schreibt es das Reglement vor, auf 20-Zoll-Reifen (etwa 50 Zentimeter), also ziemlich kleinen Reifenradien, die für gewöhnlich Kinder bis maximal zehn Jahre nutzen. Das BMX-Rennbike, das Noah Sonntag derzeit fährt, hat er gebraucht gekauft – Neupreis: 2000 Euro.
Wichtig ist nicht nur die Beherrschung des BMX-Bikes, sondern auch die Taktik, um auf den welligen und mit Steilkurven wie Sprüngen ausgestatteten Kursen die Konkurrenten links oder rechts liegen zu lassen. Etwa: Hoch in die Steilkurve einfahren, dann wie ein Greifvogel nach unten stürzen und am überraschten Gegner vorbeiziehen. „Da bekommen wir von den Trainern viele Tipps“, verrät Noah Sonntag, „und die müssen wir dann umsetzen.“
Olympiasieger Kimmann im Training
Die Trainer sind dabei nicht irgendwer. Aaron Beck von der Skizunft Kornwestheim ist ein Elitefahrer, der an Weltcup-Rennen teilnimmt, seit 2013 BMX fährt und 2018 deutscher Meister wurde. „Spaß am Fahren haben und so viel Zeit wie möglich auf der Strecke verbringen“, lautet der wichtigste Ratschlag des 19-Jährigen an den nur wenig jüngeren BMX-Nachwuchs. Abteilungsleiter Thomas Dudenhöfer hat schon Niek Kimmann nach Kornwestheim gelotst, um den schwäbischen BMX’lern ein hochkarätiges Wochenend-Seminar zu bieten. Der 27-jährige Niederländer ist ein Star der Szene, Olympiasieger 2021 in Tokio sowie Weltmeister 2015 und 2021 im Rennen, zudem Welt-Champion 2016 im Zeitfahren. „Tipps von Profis sind unendlich wertvoll“, weiß Noah Sonntag.
Erstes Mal auf dem Podium
Der Realschüler selbst kämpft noch ein paar Stufen tiefer um Siege und Plätze. Im BW-Cup, einer Rennserie aus acht Läufen quer durchs Land, belegte der junge Gerlinger in der Gesamtabrechnung 2023 Rang vier, obwohl er einige Rennen wegen einer angebrochenen Schulter verpasst hatte. Im letzten Rennen in Ingersheim feierte das BMX-Talent seinen bislang größten Coup: Platz drei, erstmals auf dem Podium. „Darüber habe ich mich riesig gefreut“, erzählt er und blickt dem Saisonstart 2024 erwartungsfroh entgegen: Der BW-Cup startet am 14. April just wieder in Ingersheim.
Mittlerweile sind Vater und Sohn Sonntag längst keine BMX-Greenhorns mehr. Was viele Stuttgarter nicht wissen, ist ihnen bekannt: Auf dem Hallschlag existiert die einzige Strecke in Deutschland (423 m lang), die dem internationalen Standard des Weltradsportverbandes UCI entspricht; zudem ist Stuttgart BMX-Olympiastützpunkt. Das macht die Stadt zum Hotspot für alle ambitionierten BMX-Piloten in Europa. Keine wirklich schlechten Voraussetzungen für Noah Sonntag.