Böblinger Beiträge zur Geschichte Ein Bild von einem Bürgermeister

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Der Kulturamtsleiter Peter Conzelmann hat eine kleine Biografie über Georg Kraut verfasst.

Georg Kraut (links) und sein Biograf Peter Conzelmann Foto: factum/Granville
Georg Kraut (links) und sein Biograf Peter Conzelmann Foto: factum/Granville

Böblingen - Ein Gemälde hat Georg Kraut wieder ins Böblinger Bewusstsein gerückt. Von 1919 bis 1937 war er der Bürgermeister der Stadt. Doch von ihm und seiner Amtszeit ist nur wenig überliefert: „Er ist auf eine merkwürdige Art unsichtbar“, sagt Peter Conzelmann. Umso überraschender war für den Kulturamtsleiter die Entdeckung eines Porträts von dem Böblinger Maler Fritz Steisslinger, das im vergangenen Jahr aus der Versenkung aufgetaucht war. Es zeigt Georg Kraut – lächelnd, obwohl er wenig später von den Nationalsozialisten aus dem Amt gejagt wurde. Für Peter Conzelmann war es der Auslöser, sich an einer biografischen Skizze zu versuchen. Sie ist jetzt in der Reihe „Beiträge zur Böblinger Geschichte“ erschienen.

Seine größte Leistung: der Landesflughafen

„Er war ein fleißiger Arbeiter in schwierigen Zeiten“, sagt der Kulturamtsleiter über sein Forschungsobjekt. Georg Krauts größte Leistung war es wohl, den Landesflughafen nach Böblingen gebracht zu haben. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs herrschte in der Stadt große Not, er initiierte auch Geldsammlungen für die Armen und ließ städtisches Notgeld drucken. Als Sohn eines Gerbers kam Georg Kraut 1877 in Künzelsau auf die Welt. Statt dieses Handwerk zu lernen, ging er jedoch bei der dortigen Stadtverwaltung in die Lehre. Er legte die Prüfung für den Verwaltungsdienst ab, wechselte zum Oberamt, dem heutigen Landratsamt, und wurde von dort im Jahr 1905 an die Böblinger Behörde versetzt. Nur ein Jahr später wurde er Ratsschreiber im Rathaus – und 13 Jahre darauf zum Stadtschultheiß gewählt.

Weil das Stadtarchiv im Zweiten Weltkrieg von Bomben getroffen wurde, sind viele Akten aus seiner Amtszeit vernichtet. Peter Conzelmann stützte sich auf eine Personalakte des Oberamts, auf die Entnazifizierungsakten – und auf Berichte, die der Schultheiß an seinen wieder demokratisch gewählten Nachfolger Wolfgang Brumme schrieb. Das Gemälde war noch eine Auftragsarbeit der Stadtverwaltung. Doch als Fritz Steisslinger das fertige Werk an den Bürgermeister schicken wollte, bekam er keine Antwort mehr. Im Alter von 60 Jahren hatte Georg Kraut – offiziell aus gesundheitlichen Gründen – darum gebeten, aus dem Amt entlassen zu werden. Der Bürgermeister war nicht in die NSDAP eingetreten, weshalb es mit deren Vertretern ständig zu Streitereien und Diffamierungen im Gemeinderat kam. Nach 1937 zog er sich komplett ins Privatleben und ein Haus in Konstanz zurück. Hinterlassenschaften gibt es ansonsten keine, Georg Kraut starb 1955, seine Frau Matilde drei Jahre später. Das Paar hatte keine Kinder.

Das Thema hat gereizt

Rund drei Monate war Peter Conzelmann mit dem Büchlein beschäftigt, 50 Seiten waren angepeilt, 70 sind es geworden. Es ist im Buchhandel erhältlich. Als Historiker habe er schon lange einen Beitrag zur Stadtgeschichte leisten wollen, erklärt der 59-Jährige. „Und dieses Thema hat mich gereizt – auch weil es dazu nicht viel Material gab.“ Eine Frage hat er mit seinen Recherchen allerdings nicht beantworten können: Warum nur lächelt Georg Kraut auf dem Gemälde?