Brigitte Kunath-Scheffold hört auf „Degerloch war immer wie mein drittes Kind“

Von Tilman Baur 

Zum Jahresende verabschiedet sich Brigitte Kunath-Scheffold als Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Degerloch. Nach 19 Amtsjahren. Vor einem Jahr hatte die 66-Jährige noch mit dem Gedanken gespielt, weiterzumachen.

Im September 2000 hatte Brigitte Kunath-Scheffold das Amt als Bezirksvorsteherin angetreten. Foto: Kraufmann/Eppler
Im September 2000 hatte Brigitte Kunath-Scheffold das Amt als Bezirksvorsteherin angetreten. Foto: Kraufmann/Eppler

Degerloch - In der nicht öffentlichen Sitzung des Bezirksbeirats ließ Brigitte Kunath-Scheffold Ende März die Katze aus dem Sack: Im 20. Amtsjahr als Bezirksvorsteherin werde sie Ende des Jahres aufhören, ließ sie die teils verdutzten Mitglieder des Rates wissen. Im September des Jahres 2000 hatte sie die Aufgabe – als zweite Frau in diesem Amt in Stuttgart – angetreten. „Mein Eindruck war, dass sie überrascht waren und die Entscheidung – bei allem Verständnis dafür – auch bedauert haben“, schildert die 66-Jährige die Reaktionen.

Die Entscheidung habe sie Anfang Februar getroffen. Ein Jahr zuvor hatte sie noch mit dem Gedanken gespielt, eine Verlängerung ihrer Amtszeit um ein Jahr zu beantragen. Doch davon hat sie Abstand genommen. Warum? „Letztlich war es der Wunsch, mit all meiner Erfahrung, die ich in diesem Amt gemacht habe, eine neue Herausforderung anzugehen – und mehr Zeit mit meiner Familie und meinem Enkelkind zu verbringen.“

Degerloch sei ein „Juwel“, sagt sie

Wie genau diese Herausforderung aussehen wird? Das verrät Kunath-Scheffold nicht. Das könne sie gar nicht, so die Bezirksvorsteherin: „Noch ist alles offen.“ 20 Jahre lasse man jedenfalls nicht ohne Weiteres hinter sich. „Ich habe es mir nicht leicht gemacht, weil ich mich mit meinem Amt und meinen Aufgaben immer zu 100 Prozent identifiziert habe.“

Das „Juwel Degerloch“, wie sie sagt, zu gestalten und weiterzuentwickeln sei immer prioritär gewesen, der Bezirk und dessen Bürger seien fester Bestandteil ihres Lebens geworden, betont die gebürtige Oberschwäbin: „Für mich war Degerloch immer so etwas wie mein drittes Kind.“ Ob das Kind wohlgeraten ist? Zumindest hat sie in ihrer Amtszeit viel zu seiner Entwicklung beigetragen. Die Liste der Projekte und Themen ist lang.

Erstes Projekt war die Feuerwehr

„Meine erste Aufgabe war die Suche nach dem Standort für die Freiwillige Feuerwehr Degerloch-Hoffeld“, erinnert sich Kunath-Scheffold – am Ende verlief die Suche mit Erfolg. Als ebenso erfolgreiche Vorhaben nennt sie die Etablierung des Bezirksrathauses als offenen Ort der Begegnung mit vielen übers Jahr verteilten Veranstaltungen und die Einführung des Weihnachtswunschbaums. Auch das Kinder- und Jugendhaus Helene P., die Konzertreihe Sounds of Classics und das Pfingstferienprogramm für Kinder hat sie auf den Weg gebracht.

Besonders lagen Kunath-Scheffold kulturelle Projekte am Herzen, so zum Beispiel die Entwicklung des Künstlerhauses Adolf Hölzel und die Begleitung der Stiftung, die das Erbe des Malers bewahrt und für Besucher zugänglich macht. Amüsiert erinnert sie sich an eine geplante „Degerlocher Brunnenlesung“ mit Alt-OB Manfred Rommel, die wegen strömenden Regens ins Bürgerhaus Treffpunkt Degerloch verlegt werden musste.

Aus dem Aussichtsturm wurde nichts

Manche Pläne musste die studierte Diplom-Verwaltungswirtin aber auch wieder begraben. So schwebte ihr ein Aussichtsturm direkt an der Oberen Weinsteige in der Verlängerung der Epplestraße vor, der den Degerlochern einen Panoramablick über den Kessel ermöglichen sollte. Dieses „ernst gemeinte Spaßprojekt“ ließ Kunath-Scheffold letztlich aber auf sich beruhen, weil sich keine Mehrheit im Bezirksbeirat abzeichnete. Allein könne man in ihrem Amt aber wenig bewegen, betont sie, es brauche Menschen, die mitzögen. „Ich habe mich immer als Impulsgeberin verstanden“, so Kunath-Scheffold.

Diese Rolle will sie auch in den verbleibenden neun Monaten ausfüllen. Schließlich steht einiges an: Die weitere Gestaltung der „Neuen Mitte“ Degerlochs zum Beispiel will sie noch vorantreiben, zentral dabei der Bau eines Bürgerhauses an Stelle des Alten Wannenbades und die Einrichtung eines Bürgersaals in der Alten Scheuer. Die Unterstützung der Geschichtswerkstatt in ihrer Entwicklung in Richtung Ortsmuseum, die Erweiterung einer Tiefgarage unter dem Agnes-Kneher-Platz und der Bau einer Kita an der Großen Falterstraße stehen ebenfalls noch bevor.

Mit Ratschlägen hält sie sich zurück

„All das werde ich natürlich nicht zu Ende begleiten können“, sagt Kunath-Scheffold. Trotzdem: Mit ihrer Entscheidung, zum Jahresende aufzuhören, hat sie keine Minute gehadert. „Ich überlege immer reiflich, bis ich mich entschieden habe. Aber dann stehe ich auch dahinter“, sagt sie.

Was ihre Nachfolgerin oder ihr Nachfolger mitbringen muss? Mit Ratschlägen will sich Kunath-Scheffold zurückhalten. Schließlich bringe jeder andere Eigenschaften mit, vieles lerne man auch erst im Amt. Und dennoch: „Ich denke, dass man jemanden braucht, der gestalten, integrieren und zusammenführen kann. Es gehört sehr viel zu dieser Aufgabe.“

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