Buchbesprechung – Stille Ecken in Stuttgart Jetzt aber Ruhe!

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Die StZ-Redakteurin Adrienne Braun hat sich in ihrem neuen Buch „Stuttgarts stille Ecken“ auf die Suche gemacht nach erholsamen Oasen im Großstadtdschungel Stuttgarts vor – mehr als zwei Dutzend hat sie gefunden.

Das Kanonenhäuschen ist schon 300 Jahre alt. Heute wirkt es zwischen den vielen Villen wie aus der Zeit gefallen. Noch mehr besondere  Orte aus dem Buch „Stuttgarts stille Ecken“ gibt’s in der folgenden Bilderstrecke. Foto: Eberhard Rapp 10 Bilder
Das Kanonenhäuschen ist schon 300 Jahre alt. Heute wirkt es zwischen den vielen Villen wie aus der Zeit gefallen. Noch mehr besondere Orte aus dem Buch „Stuttgarts stille Ecken“ gibt’s in der folgenden Bilderstrecke. Foto: Eberhard Rapp

Stuttgart - Stuttgart kann einen wahnsinnig machen mit all seinem Lärm, seinem Verkehr, seinen grauen Häuserschluchten, ja, manchmal auch mit seinen geistig festbetonierten Menschen. Die StZ-Redakteurin Adrienne Braun hat sich deshalb in ihrem Buch „Stuttgarts stille Ecken“ aufgemacht, um im Großstadtdschungel die letzten Oasen der Ruhe, die letzten Refugien des Geistes und die letzten Inseln der Seligen zu finden.

Mehr als zwei Dutzend Orte, die der inneren Einkehr, der Freude oder einfach nur der gehobenen Zerstreuung dienen, hat Adrienne Braun ausfindig machen können. Dazu gehören bekannte Orte wie der Chinesische Garten an der Birkenwaldstraße oder der Hoppenlaufriedhof (für Braun „der schönste und melancholischste Ort, den Stuttgart besitzt“), aber auch Überraschungen wie der Naturerfahrungsraum an der Klüpfelstraße, die Haushaltswarenabteilung bei Tritschler – oder das RAF-Grab auf dem Dornhaldenfriedhof. Schön und still sind die Orte nicht immer, aber immer besonders, kurios oder befremdlich und immer, wenn auch teils auf verschlungenem Weg, der Beglückung dienend.

Adrienne Braun hat aber mehr als nur Tipps für kleine Fluchten geben wollen – ihre Texte sind zudem amüsante, mitunter frivole, ja auch literarische Meditationen, inspiriert durch den jeweiligen Ort. Man erfährt viel über Aura und Geschichte einer Stätte, aber auch viel über die Denkkunst der Autorin. Es sind Stilübungen des geistigen Müßiggangs. Im Text über das Lapidarium darf man zum Beispiel diese Sätze über die Skulptur der schönen Diana mit ihrem entblößtem Busen lesen: Die Brust „lädt geradezu ein hinzugreifen, die sanfte Wölbung abzutasten, an der Spitze zu ziehen. Es mag peinlich sein, dabei ertappt zu werden. Untersagt ist es aber nicht.“

Im Folgenden drucken wir das leicht gekürzte Kapitel über das mehr als 300 Jahre alte Kanonenhäuschen auf der Gänsheide, das früher der Brandverhütung diente.

Auszug aus: Zwischen feinen Villen

„Man würde sich nicht wundern, wenn plötzlich eine Hexe in der Tür stünde, ein buckliges Weib mit Raben auf der Schulter und dicker Warze auf der Nase, die einem entgegenhumpelt und schrill krächzt: „Wen haben wir denn da?“ Dann würde sie einem mit ihrem Stock auf den Hintern klopfen: „Hurtig, hurtig! Geh’ in den Wald und bring mir Holz. Oder willst du ein altes Weib erfrieren lassen?“

Dabei gibt es hier keinen finsteren Wald. Sondern nur feine Villen, gepflegte Gärten und dicke Autos. Sicherheitskameras und Alarmanlagen bewachen die Grundstücke, auf den Einfahrtstoren warnen Schilder „Vorsicht vor dem Hund“. Einen Steinwurf entfernt entstehen „individuelle Eigentumswohnungen mit Top-Ausstattung und Bestlage“. Hier ist das Geld zu Hause. Alles vom Feinsten.

Aber was um alles in der Welt hat dieses Hexenhäuschen hier verloren? Dieses windschiefe Backsteingebäude mit winzigen Fenstern und Holztür, mit einem langen, steil emporwachsenden Kamin und ulkigen Dachaufbauten? Wild wuchern Büsche und Hecken, Baumriesen tauchen das Häuschen und den Platz davor in kühlen Schatten. Wie konnte diese kleine Herberge hierher gelangen, zwischen Bürgerhäuser in vornehmem Rosé, Jugendstilvillen, neoklassizistischen Palästchen und Bauten der Stuttgarter Schule?

Falsche Frage! Denn das Kanonenhäusle war zuerst da. Es stand schon lange, bevor sich hier Stuttgarter Künstler und Kulturschaffende, Mäzene und Feingeister niederließen – Männer wie Willi Baumeister und Robert Bosch, Paul Bonatz und Max Bense. Wilhelm Wagenfeld lebte hier, der die berühmten Salz- und Pfeffer-Streuer „Max und Moritz“ erfand, auch Poldi Domberger, zu dem sogar berühmte Künstler aus dem fernen Amerika reisten, weil er die besten Siebdrucke fertigte.

Das Kanonenhäusle stand schon viel früher hier, schon zu einer Zeit, als auf der Gänsheide noch Erika und Ginster wild wuchsen und man höchstens Kühe, Schafe und Geißen traf, die sich auf den unbebauten Hügeln satt fraßen. Das Stuttgarter Leben fand drunten im Kessel statt – oben auf der Gänsheide gab es nicht mehr als frische Luft und einen gigantischen Panoramablick. Deshalb wurde 1702 genau hier das Kanonenhäusle errichtet. Falls es irgendwo brennen sollte, würde eine „eigne hin zu reitten bestellt Person“ eine der zwei Lärmkanonen abfeuern, womit die Nachbarschaft „von der obhabenden Gefahr gewahrschauet und benachrichtigt werden soll“, wie es in der Feuerordnung von 1703 festgeschrieben wurde. Telefon gab es schließlich noch nicht.

Aus Fehlern wird man klug. 1702 brannten in Esslingen 200 Häuser lichterloh ab, die Stadt lag von heute auf morgen in Schutt und Asche. Das sollte den Stuttgartern nicht auch passieren, die Kanonen sollten es richten. Aber auch wenn die Wärter ihr Bestes gaben, es kam trotzdem immer wieder zu Feuersbrünsten, die mal eben 40, 50 Häuser wegfegten.

Ein Mann bringt den Müll raus zur Tonne. Das also ist die Hexe. Nachdem das Kanonenhäusle seit 1974 leer stand, sicherte ein Verein schließlich das Überleben des Hexenhäuschens, das seither privat vermietet wird. Damit der Oberfeldwächter das Haus auch bewohnen kann, wurde 1863 ein weiteres Stockwerk obendrauf gesetzt. So hatte der Wächter Wohnzimmer und Küche zur ebenen Erde und darüber zwei weitere Räume. Die Miniaturausgabe eines Einfamilienhauses – wenn auch etwas verwinkelt und eigenwillig.

Schwer vorzustellen, dass genau hier, unter dem wild schießenden Unkraut vor 212 Millionen Jahren der Liliensternus über die Hügel hüpfte. Er reckte seinen langen Hals und fraß die Blätter von den Bäumen. Der Raubsaurier hatte kurze Vorderbeine und sehr lange Hinterfüße mit nur drei Zehen, die tiefe Spuren im lehmigen Boden hinterließen. Als der Garten der Villa Bosch angelegt wurde, fand man zahlreiche Fährten des dreizehigen Dinosauriers.

Bei dem vielen Gestrüpp rund um das Kanonenhäusle könnten sich die Saurier eine Weile die Mägen vollschlagen. Aber sie würden sich vermutlich auch bald an die Zierrosen und Hortensien in den benachbarten Gärten machen, die vornehm kupierten Buchsbäume kahl fressen und den Zierrasen zertrampeln. Das würde den Bewohnern nicht gefallen. Sie würden protestieren, wie sie es immer getan haben, wenn jemand in ihre exquisite Wohnlage eindringen wollte. Im 19. Jahrhundert wurden die ersten Sommer- und Landhäuser gebaut, irgendwann kamen Villen dazu. Damit das so bleibt und die schöne Wohnlage nicht mit Wohnblöcken und Mietskasernen für jedermann verschandelt wird, setzten die Bewohner durch, dass das Viertel amtlich als „Villenquartier“ festgeschrieben wird. Wichtig waren auch die Gasthäuser „Zum Bubenbad“ und „Zum Heidehof“, schließlich nahm man es hier oben mit der Sperrstunde nicht so streng.

Und so blieb es dabei, dass sich in den folgenden Jahrzehnten vor allem kunstsinnige und wohlhabende Bewohner ihre Villen bauten. Villa Oppenheimer, Villa Kohlhammer, Villa Libanon, Villa Kopp, Villa Scheufelen, Villa Bonatz, Kurhaus Zorn. Damals wie heute, das Kanonenhäuschen passt einfach nicht in die Gegend mit seinen gerade mal dreißig Quadratmetern Wohnfläche. Dieses kauzige, aus der Zeit gefallene Hexenhäuschen mit dem winzigen Garten, das so unspektakulär und friedlich im Schatten liegt. Vielleicht wohnt ja doch eine Hexe darin – aber wenn, dann kann es eigentlich nur eine gute sein.“

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