Lange Zeit galt der Spruch, hinter jedem erfolgreichen Mann stehe eine starke Frau. Bei Walter Gropius waren es, falls man dieser antiquierten Logik folgen will, gleich ein halbes Dutzend Frauen, die einem der größten Architekten des 20. Jahrhunderts nicht nur den Rücken freihielten, sondern ihn auch maßgeblich motivierten und inspirierten.
Gropius, der 1919 das Bauhaus gründete und als Wegbereiter der Moderne gilt, war unter anderem mit der berühmten Muse Alma Mahler liiert, war verheiratet mit der Lektorin und Gestalterin Ise Frank – und hatte eine lange andauernde leidenschaftliche Affäre mit der Stuttgarter Malerin Lily Hildebrandt.
Begnadete Netzwerkerin
Die Meisterschülerin von Adolf Hölzel ist wie Gropius beseelt von moderner Kunst und Architektur, mehr noch: Beide verbindet die Sehnsucht nach neuen, freien Lebensformen. Hildebrandt war aber nicht nur eine großartige Malerin, Grafikerin und Fotografin, sie war auch eine begnadete Netzwerkerin.
Gropius lernt über Hildebrandt einflussreiche Leute kennen, sie hilft ihm auch bei der Suche nach Finanzmitteln. Gleichzeitig verschafft sie Künstlern wie László Moholy-Nagy, zu dem sie über Gropius Kontakt hat, eine größere Bekanntheit, schließlich ist Hildebrandt mit dem Kunsthistoriker Hans Hildebrandt verheiratet, der mit seinen Publikationen zur Klassischen Moderne für Furore sorgt.
Stuttgarter Power Couple
Die 1927 entstandene Werkbundsiedlung auf dem Stuttgarter Weißenhof gilt als Meilenstein der Architekturgeschichte und wird für den Deutschen Werkbund Baden-Württemberg zum Ausgangspunkt für einen öffentlichen Diskurs sowohl über damalige als auch aktuelle Themen des menschlichen und gesellschaftlich umfassenden Denkens und Handelns.
Die Persönlichkeiten, die diese Geistesrevolution möglich machten, bleiben oft blass in der wissenschaftlichen Betrachtung zu dieser Zeit, die das Ergebnis – die Architektur, das Design – meist in den Mittelpunkt stellt. Dass die Namen des Stuttgarter Power Couples Hildebrandt und Gropius schon 1913 auf der Mitgliederliste des Deutschen Werkbunds auftauchten, war weder ein Zufall noch blieb es ohne fruchtbare Folgen.
Vom Sofakissen bis zum Städtebau setzt sich der Deutsche Werkbund seit seiner Gründung 1907 mit Werten wie Qualität, Materialgerechtigkeit, Funktionalität und Nachhaltigkeit auseinander. Große Themen, die auch heute noch brennend interessieren. Doch welche Rolle spielte dabei die Freundschaft von Walter Knoll und Mies van der Rohe, die Dreiecksbeziehung von Lily Hildebrandt, Hans Hildebrandt und Walter Gropius?
Was spielte sich in der Schiffskabine von Le Corbusier auf der Rückreise von Rio de Janeiro nach Frankreich ab, nachdem ihn Josephine Baker dort besucht hat? Wie haben die Entwürfe von Josef Frank das skandinavische Design – bis zum Ikea-Kissen beeinflusst? Und welchen Stellenwert hat die sensationelle Wiederentdeckung eines verschollen geglaubten Sessels, den Mart Stam eigens für die legendäre Ausstellung „Die Wohnung“ entworfen hatte?
All diese fein recherchierten und bebilderten Geschichten finden sich in dem neuen Band „Die Werkbundsiedlung am Weißenhof – MacherInnen des Modernen“, der beim Stuttgarter Fachverlag Av Edition in der Herausgeberschaft des Werkbunds Baden-Württemberg erschienen ist.
Ein tolles, liebevoll gestaltetes Nachschlagewerk, das vielfältige Assoziationen auslöst, der vermeintlich auserzählten Erfolgsstory rund um die Entstehung der Stuttgarter Weißenhofsiedlung neue Perspektiven hinzufügt. Dass der Liebe nicht nur zur Kunst in diesem Band eine Hauptrolle zugeschrieben wird, ist tatsächlich ungewöhnlich – und überaus sympathisch.
Info
Buch
„Die Werkbundsiedlung am Weißenhof – MacherInnen des Modernen“, hg. vom Werkbund Baden-Württemberg, Verlag Av Edition, 112 Seiten, 200 Abbildungen, 24 Euro.
Ausstellung
Der Deutsche Werkbund Baden-Württemberg ist zu Gast in der Raumgalerie, Ludwigstraße 73, 70176 Stuttgart, vorgestellt wird die hier besprochene Publikation. Buchvorstellung und Vernissage: Donnerstag, 7. September 2023, ab 19 Uhr, Ausstellung: 7. und 8. September sowie 2. bis 7. Oktober 2023. Weitere Infos unter www.derraumjournalist.net