Buchtipp: David Grossman „Was Nina wusste“ Zerstörerische Liebe

Zellenwand  auf der ex-jugoslawischen Gefängnisinsel Goli Otok, dem Schauplatz von David Grossmans neuem Roman Foto: imago images/Pixsell/Boris Scitar/Vecernji list/PIXSE via www.imago-images.de
Zellenwand auf der ex-jugoslawischen Gefängnisinsel Goli Otok, dem Schauplatz von David Grossmans neuem Roman Foto: imago images/Pixsell/Boris Scitar/Vecernji list/PIXSE via www.imago-images.de

David Grossman exorziert den Dämon der Vergangenheit. Sein Roman „Was Nina wusste“ erzählt von Liebe und Verrat und ist ein intensives Lehrstück literarischer Traumatherapie. An diesem Montag stellt er sein Buch per Livestream im Literaturhaus Stuttgart vor.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - In dieser Familie tobt ein Dämon. Es ist der Dämon der Vergangenheit. Die einzige Chance, ihn auszutreiben, besteht im Erzählen. Deshalb geht es in dem neuen Roman des israelischen Autors und Friedenspreisträgers David Grossman nicht nur um das, was geschehen ist, sondern auch darum, wie es sich zur Geschichte fügt. Und das ist in jedem Sinn großes Kino. „Was Nina wusste“ erzählt einerseits, wie ein Film gedreht wird, andererseits von einer Reise in die Vergangenheit, um dort Dinge zu korrigieren, die über Generationen hinweg das Seelenleben aller Beteiligten umdüstert haben.

Warum hat die mittlerweile neunzigjährige Vera, die in den fünfziger Jahren eines Tages in einem israelischen Kibbuz aufgekreuzt ist, zu ihrer Tochter Nina so ein spezielles Verhältnis? Was hat Nina als Kind erlebt, dass sie ihrerseits ihre dreijährige Tochter Gili und den bedingungslos zu ihr haltenden Mann Raffael verlässt, um sich in nymphomanischer Selbstzerstörung rastlos herumzutreiben, bis sie am Kältepol der Welt strandet? Und warum hat Gili so eine tiefe Narbe an den Venen ihres Handgelenks und panische Angst vor einer Schwangerschaft?

Existenzielle Gedächtniskunst

Die Antwort auf all diese Fragen führt auf die trostlose Gefängnisinsel Goli Otok in der Adria, auf der man unter dem jugoslawischen Staatschef Tito Regimegegner interniert und zu Tode gequält hat. Hier wurde Vera als junge Frau und überzeugte Sozialistin festgehalten, weil sie sich weigerte, ihren Mann, der vom jugoslawischen Geheimdienst in den Tod getrieben wurde, posthum zu verraten. Hier, auf diesem steinigen Atoll, zieht sich die Geschichte der vom Leben und der Liebe Versehrten zusammen, hier sitzt der Drache, dessen Gifthauch ihr Dasein vergiftet hat, und hütet die Erinnerung.

An Veras neunzigstem Geburtstag verkündet Nina, dass ihr eine Alzheimer-Diagnose gestellt worden sei. Bevor sie im Nichts der Amnesie verlöscht, wünscht sie sich von ihrem Mann Raffael, einem Dokumentarfilmer, und seinem „Skriptgirl“ Gili, der gemeinsamen Tochter, einen Film, der festhält, wie ihre Mutter Vera einmal die ganze Geschichte erzählt. Der Bericht von den Dreharbeiten, aufgezeichnet von Gili, ist dieser Roman.

Und so fliegen die unglücklichen vier ins ehemalige Jugoslawien, um auf dem verdammten Eiland in einer Art existenziellen Gedächtniskunst „rückwirkend ein bisschen was zu reparieren“: Raffael, dessen Ding auf der Welt ist, „einen Menschen zu lieben, der nicht leicht zu lieben ist“; Gili, die den Augenblick verflucht, in dem der Grund für die obsessive Beziehung ihrer Eltern gelegt wurde; Nina, die aus dem Himmel ihrer Kindheit in die Hölle vertrieben wurde; und Vera, die auf Goli Otok Unvorstellbares erlebt hat und aus deren unbedingter Liebe und Treue das ganze Drama aus Verrat, Verletzung und Selbstzerstörung erst entstanden ist.

Emotionale Breitwandeinstellungen

Dem Film entlehnt sind nicht nur Verfahren wie Rückblenden, scharfe Schnitte, die ausgefeilte Dialogregie. Filmisch sind auch die emotionalen Breitwandeinstellungen, die eindrücklichen Szenerien, vor allem aber die frappierende Gegenwärtigkeit der Personen, die sich einprägen, als wäre man ihnen leibhaftig begegnet.

Dass Grossman auf reale Vorbilder zurückgreift, schmälert diese Kunst nicht. Veras Geschichte liegt die der Partisanin Eva Panic-Nahir zugrunde. Bereits der Schriftsteller Danilo Kis hat auf die standhafte Jüdin aufmerksam gemacht. Erst über sie erfuhr die Öffentlichkeit von der Existenz von „Titos Gulags“, schreibt Grossman, der mit ihr befreundet war, im Nachwort. Aber er begnügt sich nicht mit dem Geschehenen. Die Tatsachen überblendet er mit einem feinen Netz symbolischer Bezüge. „Was Nina wusste“ ist ein intensives Lehrstück literarischer Traumabewältigung. Gegen den Bann der Geschichte hilft nur, sie zu erzählen.

David Grossman: Was Nina wusste. Roman. Übersetzt aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Hanser Verlag. 352 Seiten, 25 Euro.

Termin

An diesem Montag stellt David Grossman per Livestream seinen Roman im Literaturhaus Stuttgart vor. Karten für die virtuelle Lesung unter www.literaturhaus-stuttgart.de




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