Buchtipp: Julian Barnes, „Der Mann im roten Rock“ In Dr. Pozzis Welt

Kunst, Wissenschaft, Sex: Der Arzt Samuel Pozzi – hier auf einem Porträt des amerikanischen Malers John Singer Sargent von 1888 – ist die Schlüsselfigur von Julian Barnes neuem Buch. Foto: Armand Hammer Collection

Ob die Belle Époque wirklich schön war, darüber kann man streiten. Auf jeden Fall aber hat der englische Autor Julian Barnes ihr eines seiner schönsten Bücher gewidmet: „Der Mann im roten Rock“.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Es ist schwer, was man liebt, gegen die Zeit zu verteidigen. Aus diesem Befund können Ehedramen hervorgehen, Künstlergeschichten oder Verwirrspiele über die Unzuverlässigkeit der Erinnerung. All diese Möglichkeiten hat der britische Autor Julian Barnes bisher in brillanten Romanen ausgelotet. Auch sein neues Buch kreist um die Frage, wie man etwas Vergangenes ins Leben zurückrufen kann ohne musealen Moder oder vertrocknete Schmetterlingssammelei.

 

Am Anfang steht die Begegnung mit dem Mann im roten Rock, dem Titelhelden von Barnes neuem Werk, das von allen Spielarten der Liebe, von Schönheit, Verbrechen und Leidenschaft handelt, aber doch kein Roman ist. Was dann? Am ehesten eine Bildbeschreibung. Wenn man so will, war es eine Liebe auf den ersten Blick, als der Autor ihm 2015 in der National Portrait Gallery in London unvermittelt gegenüberstand: jenem Samuel Pozzi, Arzt der feinen Pariser Gesellschaft und Genie der Freundschaft, wie ihn der amerikanische Maler John Singer Sargent 1881 ins Bild gebannt hat – „Pozzi at home“.

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Und so beginnt diese Geschichte mit dem scharlachroten Morgenmantel, den schweren Vorhängen im Hintergrund, der Freude an den Stoffbahnen, den sinnlichen Materialien. Dann rücken die Hände in den Blick, der ausdrucksvollste Teil des Porträts. Gehören diese feingliedrigen Finger einem Klaviervirtuosen? Nein, es sind die Hände eines der führenden Chirurgen und Gynäkologen seiner Zeit. Und auch die rote Kordel, deren Quasten Barnes an einen Stierpenis erinnern, hängt nicht ins Bedeutungsleere.

Dieser Mann, den die Prinzessin von Monaco einst als „ekelhaft gut aussehend“ charakterisierte, wird zur Schlüsselfigur, die dem Betrachter, der zugleich ein Leser ist, Zutritt in die Salons gewährt, in denen die Vorbilder der großen Romane der Zeit verkehren. Mit dem Grafen Montesquiou, der sowohl in Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ wie in Joris-Karl Huysmans’ „Gegen den Strich“ seine Spuren hinterlassen hat, reist Pozzi zu einer „intellektuellen und dekorativen Einkaufstour“ nach London. Er hat eine Affäre mit der Schauspielerin Sarah Bernhardt, die er als Arzt ebenso betreut wie Alfred Dreyfus, den zu Unrecht des Landesverrat angeklagten jüdischen Offizier, dessen Affäre mit der Justiz zu den politisch und moralisch abstoßendsten Ereignissen der sogenannten Belle Époque zählt.

Kult der Schönheit gegen die Hässlichkeit

Die schöne Epoche, historisch einbalsamiert als Inbegriff von verführerischer Dekadenz, reifer Kunst- und Gesellschaftsblüte, erweist sich am Rockzipfel Pozzis als eine „Periode neurotischer, ja, hysterischer nationaler Angst, gezeichnet von politischer Instabilität, Krisen und Skandalen“. Männer duellierten sich, weil sie sie sich nicht einigen konnten, wie dünn Sarah Bernhardt genau gewesen war, als sie den Hamlet spielte. Der Nationalismus gärt, der Kolonialismus expandiert, und landesweit kommt es immer wieder zu rauschhaften Ausbrüchen des Antisemitismus.

Gegen die Hässlichkeit der Zeit verschanzen sich Dichter wie Oscar Wilde hinter einem Kult der Schönheit. Der Dandy, der das allgegenwärtig Vulgäre mit der extravaganten Vervollkommnung seiner selbst bekämpft, gilt Baudelaire als der letzte Ausbruch des Heroismus in dekadenten Zeiten. Und auf dem britisch-französischen Austausch auf diesem Gebiet der Geschmackskultur liegt ein besonderes Augenmerk dieses unter dem Eindruck der historischen Selbstkastration des Brexits verfassten Buches. Politisch Verfolgte wie der Schriftsteller Emile Zola können sich auf die Insel retten, in Gegenrichtung finden Opfer der viktorianischen Sexualmoral Zuflucht in Frankreich. „Der Homosexuelle war in der Pariser Gesellschaft willkommen, die Lesbe sogar noch mehr“, schreibt Barnes.

Die berühmten Persönlichkeiten der Zeit als Stickerbildchen

Aber wie falsch, das so daherzuerzählen wie eine von unendlich vielen anderen Kulturgeschichten. Denn trotz aller Ernüchterungen und Relativierungen ist dieses Buch vor allem eine Liebeserklärung. Und es erweist sich seines Gegenstandes würdig – leicht und im schönsten Sinn flatterhaft wie der Schmetterling, der zum Emblem mancher der Hochleistungsästheten und Connaisseure wurde, die in Schokoladentafeln beigelegten Sammelbildchen gefeiert wurden wie Ähnliches heute allenfalls Fußballstars widerfährt.

Drei Serien zu je 500 Bildern brachte der Geschäftsmann Félix Potin in den ersten Jahren des letzten Jahrhunderts heraus, zusammen mit Alben, in die man sie einkleben konnte. Auch Doktor Pozzi findet sich darunter und vermutlich ein erklecklicher Teil seiner Affären.

Ein wenig gleicht dieses Buch selbst einem Album. Von Bild zu Bild lässt sich Barnes treiben, Männern mit verrückten Bärten, Frauen mit aufwendigen Hüten, verstrickt in kleine oder große Skandale, die immer wieder irgendwann dazu führen, dass der eine oder die andere eine Pistole zückt, um eine vermeintliche oder tatsächliche Kränkung zu ahnden. In den meisten Fällen ist dann Dr. Pozzi zur Stelle, mit Rat oder Skalpell, bis es ihn schließlich selbst trifft.

Lichtgestalt in dunklen Tagen

Julian Barnes zeigt den Mann im roten Rock als einen vernünftigen Menschen in einer verrückten Zeit, der Chauvinismus für eine Erscheinungsform der Ignoranz hält und „jeden neuen Tag mit Begeisterung und Neugier begrüßt und sein Leben mit Medizin, Kunst, Büchern, Reisen, Gesellschaft, Politik und so viel Sex wie nur möglich verbringt“.

Aber vielleicht ist der heimliche Protagonist gar nicht der Arzt, sondern der Autor. Anders als Dorian Gray in dem berühmten Roman Oscar Wildes, der sich wünscht, dass sein Gemälde statt seiner altert, unterschlägt Barnes nicht die alles verändernde Macht der Zeit. Man begegnet ihm als jungem Schwärmer und als gereiftem Liebhaber Frankreichs, Europa verändert sich, und England flieht in die Vergangenheit seiner Größenfantasien. Doch Dr. Pozzi mit den feingliedrigen Händen blickt aufgeräumt und gut aussehend wie eh und je einem neuen Tag entgegen.

Info

Jubiläen Dieses Jahr bietet noch verschiedene Anlässe, sich mit der Zeit, die Julian Barnes aufleben lässt, zu beschäftigen. Im Juli wird der 150. Geburtstag von Marcel Proust begangen, im Dezember der 200. von Gustave Flaubert.

Autor Julian Barnes, geboren 1946 in Leicester, hat 2011 für seinen Roman „Vom Ende einer Geschichte“ den Man Booker Prize erhalten. Unter dem Pseudonym Dan Kavanagh hat er auch Krimis geschrieben, im April erscheint bei Kampa eine Neuauflage. Barnes Eltern waren beide Französischlehrer und haben ihn mit ihrer Frankophilie angesteckt. Er ist ein Simenon-Liebhaber und greift immer wieder wie zum Beispiel in „Flauberts Papagei“ Motive aus der französischen Literatur auf.

Buch Julian Barnes: Der Mann im roten Rock. Aus dem Englischen übersetzt von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch. 304 Seiten, 24 Euro.

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