Buchtipp: Lena Gorelik, „Wer wir sind“ Von Petersburg nach Ludwigsburg

Liebe in Worte gelegt: die Autorin Lena Gorelik Foto: imago/Jakob Hoff/imago stock&people

Die Schriftstellerin Lena Gorelik erzählt in ihrem Roman „Wer wir sind“ die Geschichte ihrer Familie.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Die deutschsprachige Literatur erfährt zurzeit ihre stärksten Impulse von Autorinnen und Autoren, die Dinge erlebt haben wie die, von denen Lena Gorelik in ihrem neuen Roman „Wer wir sind“ erzählt. Es sind Geschichten, die vom Verlust der Kindheit handeln, von der Vertreibung aus der vertrauten Umgebung der Sprache und der Beschämung, sich beispielsweise plötzlich in einem Wohnheim am Rand einer südwestdeutschen Stadt wiederzufinden, beraubt von allem, was das Leben bis dahin bestimmt hat – und sei es nur die weiche Schnauze eines geliebten Hundes.

 

Von einem Tag auf den anderen wird das Selbstverständliche unverständlich. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem das Ähnliche und Vergleichbare all dieser Schicksale umschlägt in das Unverwechselbare und Eigene, das in der Literatur jenes Obdach findet, welches das Leben verwehrt. Hier wird das existenzielle Leiden, Gemeinplätze nicht unbeschwert bewohnen zu dürfen, zur ästhetischen Berufung – und das Abweichende zur schönen, selbstbewussten Gebärde gegen die Plattitüden der Gewöhnlichkeit.

Seltsames Deutsch der Nachrichtensprecher

Im Mai 1992 steigt die Familie Gorelik in den Nachtzug von Petersburg nach Deutschland. Seit Kurzem haben Juden die Möglichkeit, dem im Chaos des auseinanderbrechenden Imperiums gärenden Antisemitismus nach Deutschland zu entkommen. Der Vater hat im Schulatlas seiner Tochter recherchiert: „In Baden-Württemberg wird Wein angebaut, da kann es so schlecht nicht sein.“ Und so landen die Goreliks in der Baracke einer Flüchtlingsunterkunft in Ludwigsburg, im Gepäck ein gelber Aktenkoffer mit Diplomen.

Der Vater schreibt Bewerbung um Bewerbung, ohne jemals zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, die Mutter, zuvor als Ingenieurin in leitender Funktion, verdingt sich als „Perle“ in einem schwäbischen Haushalt, die Oma vermisst die Gräber ihrer Angehörigen – und die elfjährige Lena saugt die neue Sprache mit den Ohren auf, bis ihr auffällt, dass die Nachrichtensprecher im Fernsehen so ein seltsames Deutsch sprechen, weil es anders klingt als das Schwäbisch ihrer Umgebung.

Aus diesem sprachlichen Unterscheidungsvermögen erwächst eine Schriftstellerin, die im schlimmsten Fall für ihre Eltern Bücher schreibt, in denen sie selbst vorkommen, und die nach mehreren erfolgreichen Romanen nun davon erzählt, wie das familiäre Gefüge auf dem Weg von Russland über Deutschland in ein selbstbestimmtes Leben zerbricht. Die damit verbundene Indiskretion jedoch wird aufgewogen von der Zärtlichkeit und Pietät, mit der die Tochter die biografischen Bruchstücke sammelt und zusammensetzt.

Indiskretion und Pietät

Die kleinste Einheit sind dabei die Buchstaben, die in ihrer kyrillischen und lateinischen Form die Nuancen ausloten, in denen das Imaginäre eines Lebens zwischen den Welten seine Farbe und Sehnsuchtstiefe gewinnt: „Babulja. Die Koseform von Großmutter. Oma ist als Rufname ein Dreck dagegen.“ Aus Wörtern, Namen entstehen Geschichten jüdischen Lebens in den letzten Tagen der Sowjetunion oder einer Jugend in Deutschland, die zu den üblichen Leiden der Pubertät mit einer spezifischen Form der Herkunftsscham zu kämpfen hat. Es sind Geschichten, in denen sich das schwäbische „gell“ mit Sätzen verbindet, denen man abnimmt, dass nichts von ihnen im Russischen übertrieben klingen würde: „Es ist einfach die Liebe in Worte gelegt.“

Die Frage, wer wir sind, lässt sich nicht in Formen der Zugehörigkeit beantworten, sondern nur als Zusammenspiel von Wörtern, Erinnerungen, Hoffnungen, Enttäuschungen und Lügen. In dieser Einsicht besteht das große Geschenk, das Autorinnen wie Lena Gorelik der Literatur unserer Zeit bereiten.

► Lena Gorelik: Wer wir sind. Roman. Rowohlt Berlin. 320 Seiten, 22 Euro.

Am Dienstag, 13. Juli, um 19.30 Uhr liest Lena Gorelik im Literaturhaus Stuttgart.

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