Budgetlimit in der Formel 1 Der neue Sozialismus in der Formel 1

Ferrari hat nur noch rund die Hälfte seines Saisonetats zur Verfügung – die Gehälter der Fahrer Charles Leclerc (li.) und Carlos Sainz fallen aber nicht unter das Budgetlimit. Foto: AFP/HANDOUT 11 Bilder
Ferrari hat nur noch rund die Hälfte seines Saisonetats zur Verfügung – die Gehälter der Fahrer Charles Leclerc (li.) und Carlos Sainz fallen aber nicht unter das Budgetlimit. Foto: AFP/HANDOUT

In der Königsklasse gilt von dieser Saison an ein Budgetlimit – das stellt die begüterten Teams Mercedes, Red Bull und Ferrari vor besondere Probleme. Damit soll die Chancengleichheit verbessert werden.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Stuttgart - An der Formel 1 hätten Karl Marx und Friedrich Engels kaum Vergnügen gefunden, geschweige denn lobende Worte für die Serie. Bestimmt hätten die Väter des Sozialismus und Kommunismus den Rennzirkus aufs Schärfste verurteilt. Die Formel 1 ist zwar Sport, in ihrer Struktur aber Kapitalismus pur. Wer sich die teuersten Produktionsmittel, also die modernsten Werke und klügsten Ingenieure, leisten kann, fährt vorneweg, gewinnt, kassiert Prämien und wird noch reicher und noch überlegener – das PS-Proletariat kann nichts dagegen tun. Es ist bloß die nötige Staffage im globalen Geschäft, denn die Kapitalisten brauchen Gegner, die sie schlagen können.

Nun ist der Automobil-Weltverband (Fia) weit davon entfernt, eine marxistische Organisation zu sein, dennoch hat die Riege um Präsident Jean Todt den Weg zu mehr Gleichheit in der Branche bereitet. Von dieser Saison an, die am Sonntag in Bahrain beginnt, gilt ein Budgetlimit, das haben Fia sowie Rennställe nach kontroversen Diskussionen vergangenes Jahr beschlossen. Die Geldbremse soll die Chancengleichheit der Teams herbeiführen, die weniger Begüterten näher an die wesentlich Begüterten heranführen. Eine Art Formel-1-Sozialismus.

Obergrenze liegt bei 132 Millionen Euro

132 Millionen Euro sind die Obergrenze in dieser Saison, von 2022 an liegt der Kostendeckel bei noch 117,5 Millionen Euro, ab 2023 gelten 113 Millionen Euro. Das ist spürbar für die drei Teams, die in der Rangliste des Geldausgebens bisher ganz vorn lagen. Mercedes, Ferrari und Red Bull investierten pro Jahr an die 400 Millionen Euro plus x – nun sollen sie also mit nur gut einem Drittel über die Runden kommen? Nun, die Rechnung stimmt nicht ganz, denn nicht sämtliche Ausgaben fallen in diese Budgetsumme. Ausgenommen sind, das ist in einem dreiseitigen Schriftstück festgehalten, die Fahrergehälter, die Saläre der drei bestbezahlten Angestellten, Bonuszuwendungen, Marketing- und Reiseausgaben, Motorenlieferverträge sowie die Kosten für nicht der Formel 1 zuordenbare Aktivitäten. „Wenn man die Gehälter der Fahrer, der drei teuersten Angestellten und des Marketings mit einrechnet, ist man vielleicht insgesamt bei einem Etat von 230 bis 240 Millionen“, rechnete Mercedes-Teamchef Toto Wolff vor. Was dennoch in etwa einer Halbierung der Ausgaben entspricht.

„Es ist eine unheimlich schwierige Aufgabe“, stöhnte Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko. Der Steirer sieht darin einen Spagat, der schwierig auszubalancieren sein wird – vor allem mit Blick auf 2022, wenn eine große Reglementänderung die Teams zwingt, neue Autos zu bauen. „Wir müssen die größte Reglementänderung der letzten zehn, 15 Jahre mit weniger Budget durchführen“, betonte der 77 Jahre alte Österreicher. Red Bull müsse ein wettbewerbsfähiges Auto für 2022 entwickeln und ein Topauto für 2021 an den Start bringen. Gleiches gilt für Mercedes und Ferrari. Einfach weniger Geld ausgeben, das ist leichter festgelegt als umgesetzt. „Wir mussten die Struktur des Teams verändern, die Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten, wir mussten Prozesse optimieren und effizienter werden“, sagte Mercedes-Mann Wolff.

Die Formel 1 erfindet den Sozialismus

Der Weltmeister musste bewerten, wie viel jedes Bauteil am Auto kostet, um dann summieren zu können, wie viel Geld der Bau des Silberpfeils verschlingt. „Je effizienter wir arbeiten, desto mehr Performance-Gewinne sehen wir auf der Rennstrecke“, prognostizierte der Österreicher. Mercedes will versuchen, die Entwicklungsgeschwindigkeit des Autos aufrechtzuerhalten, jedoch werden Updates in größere Entwicklungsschritte zusammengefasst – damit nicht vor Saisonende das Geld knapp wird, weil der Kostendeckel droht. Wird damit die Formel 1 zur sozialistischen Rennserie, in der jeder die gleichen Voraussetzungen und Chancen besitzt?

Kaum. McLaren, Aston Martin und Renault müssen längst nicht so abspecken, sie gaben bisher zwischen 150 und 200 Millionen Euro aus, und die Teams Haas, Williams, Alpha Tauri sowie Alfa Romeo operieren laut Schätzungen mit Jahresetats, die sich um die 132 Millionen Euro bewegen. Für sie ändert sich kaum etwas, weil aus den bisherigen Budgets ja Posten herausgerechnet werden dürfen. Die freie Lücke dürfte aber kaum mit neuem Geld aufgefüllt werden, weil Sponsoren in der Pandemie zurückhaltend geworden sind. Die Topteams profitieren noch von ihrem Vorsprung. Die Nivellierung des Feldes „wird mit der Kostenobergrenze bestimmt besser“, glaubt Ex-Formel-1-Pilot Christian Klien, „aber das geht nicht von heute auf morgen. Die großen Teams haben den Vorteil noch ein, zwei Jahre.“

Erst danach machen sich die Auswirkungen des Kostendeckels wohl auf der Strecke bemerkbar. „Wir sind noch nicht gleich, aber gleicher“, umriss Andrew Green, der Cheftechniker von Aston Martin, die Maßnahme. Fia-Präsident Jean Todt pries den neuen Weg der Chancengleichheit schon nach dem Beschluss: „Das ist eine große Veränderung, zum ersten Mal haben wir technische, sportliche und wirtschaftliche Aspekte gleichzeitig. Das ist eine großartige Leistung.“ Auch hier hätten Marx und Engels wohl widersprochen. Eine kommunistische Revolution im Motorsport geht anders.

Unsere Empfehlung für Sie