ExklusivBürgerbewegung gegen Nazis Stuttgart setzt ein Zeichen für die Menschenrechte

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„Ich hätte nicht gedacht, dass es noch einmal notwendig werden könnte, sogar in Europa die Menschenrechte zu verteidigen“, sagt Michael Kienzle von der Stiftung Geißstraße. Er handelt und zeigt damit, dass es nicht überall dunkel ist in Deutschland.

Kämpfen für die Menschenrechte: Tanja Breitenbücher und Michael Kienzle von der Stiftung Geißstraße. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Kämpfen für die Menschenrechte: Tanja Breitenbücher und Michael Kienzle von der Stiftung Geißstraße. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Oft lassen sich gerade große Schriften auf kleinem Format zusammenfassen. Nur 48 Seiten umfasst das Standardwerk der Vereinten Nationen, das die deutsche Sektion von Amnesty International in diesem Jahr handlich auf DIN A7 nachdrucken ließ – in zwei Sprachen (Deutsch und Englisch) und mit einem Vorwort versehen, das perfekt passt zu einer der größten bürgerschaftlichen Initiativen, die Stuttgart in den letzten Jahren erlebt hat. „Wo beginnen die universellen Menschenrechte?“, fragt Eleanor Roosevelt, Menschenrechtsaktivistin und Ehefrau des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, in dem Text, den Amnesty zur Einleitung gewählt hat. Die Antwort: „An den kleinen Orten, nahe dem eigenen Zuhause. So nah und so klein, dass diese Orte auf keiner Weltkarte zu sehen sind. Die Nachbarschaft, in der wir leben, die Schule oder Universität, die wir besuchen, die Fabrik, der Bauernhof oder das Büro, in dem wir arbeiten. Das sind die Orte, wo jeder Mann, jede Frau und jedes Kind gleiche Rechte, gleiche Chancen und gleiche Würde ohne Diskriminierung sucht. Wenn diese Rechte hier nicht gelten, gelten sie nirgendwo.“

Am 10. Dezember 2018 jährt sich jener Tag zum 70. Mal, da die Generalversammlung der Vereinten Nationen die von Eleanor Roosevelt mitverfasste Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet hat. Mehr als 160 Vereine, Initiativen und Institutionen aus Stuttgart wollen den runden Geburtstag des historischen Dokuments feiern. Die Bürgerbewegung firmiert unter dem Namen: „Vielfalt: 0711 für Menschenrechte“. „Das ist, gemessen am Pluralismus der Veranstaltungen und Organisationen, einzigartig in ganz Deutschland“, sagt Tanja Breitenbücher. Sie muss es wissen: Die Historikerin und Germanistin arbeitet für die Stiftung Geißstraße und koordiniert mit ihrer Kollegin Claudia Barth die verschiedenen Aktivitäten. Weil sie kaum noch weiß, wo sie zuerst anfangen soll, hat sie in dieser Woche sogar ihren Urlaub unterbrochen.

Eiserne Ration an geistiger Nahrung für die Menschheit

„Der Erfolg hat uns echt geplättet. Wir kriegen solche Massen an Mails, dass wir kaum hinterherkommen“, sagt auch Michael Kienzle. Die nächste Sitzung der beteiligten Organisationen ist auf kommenden Montag, 3. September, terminiert. Kienzle wird selbstverständlich dabei sein; der langjährige Grünen-Stadtrat ist nicht nur geschäftsführender Vorstand der Stiftung Geißstraße, sondern neben Peter Grohmann von den Anstiftern auch einer der Köpfe der Stuttgarter Menschenrechtsaktion.

„Die UN-Charta ist die eiserne Ration an geistiger Nahrung für die Menschheit“, sagt Kienzle mit bewusst gewähltem Pathos. 73 Jahre alt ist er mittlerweile, „aber ich hätte nicht gedacht, dass es noch einmal notwendig werden könnte, sogar in Europa die Menschenrechte zu verteidigen“. Doch egal, wohin sein Blick schweift in diesen Tagen – nach Ankara, Moskau, Warschau, Budapest, Dresden oder Chemnitz: „Überall werden Grundrechte wie die Pressefreiheit infrage gestellt. Daran merkt man, dass der Motor des Rechtsstaats zu stottern beginnt.“ Deswegen sei es „umso wichtiger, dass wir aus der Mitte der Gesellschaft heraus agieren und positiven Radau machen“, meint Kienzle. Und: „Unsere Aktion zeigt, dass die Zivilgesellschaft funktioniert.“ Tatsächlich steigt in Stuttgart die Zahl der Organisationen, die für die Menschenrechte eintreten, anscheinend unaufhörlich. Das Deutsch-Türkische Forum wird sich ebenso einbringen wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die Caritas, das Alte Schauspielhaus, der Gesamtpersonalrat und das Kulturamt der Stadt, das Jugendhaus Mitte, die IG Christopher Street Day, das Linden-Museum, Pax Christi, die Merz-Akademie, der Verein Frauen helfen Frauen, das Theaterhaus oder der Württembergische Kunstverein. „Und fast täglich kommen neue Partner hinzu“, sagt Tanja Breitenbücher. Geplant waren 30 Aktionen an 30 Tagen – für jeden Artikel der Menschrechtscharta eine. Doch längst ist die Sache größer geworden. „Ganz ehrlich“, sagt Tanja Breitenbücher, „ich weiß nicht, wie viele Einzelveranstaltungen im Moment auf unserer Plattform stehen, aber ich weiß: Es sind viele.“

Alle evangelischen Kirchengemeinden sollen teilnehmen

Das liegt auch an Leuten wie Monika Renninger. Die Pfarrerin leitet das Evangelische Bildungszentrum Hospitalhof und hat im Herbst nicht nur zehn bis zwölf Aktionen im eigenen Haus vorgesehen, sondern auch den gesamten Kirchenkreis mit ihrer Begeisterung für die Menschenrechtsaktion angesteckt. „Es wird in praktisch allen Gemeinden Veranstaltungen geben“, sagt die Theologin. Das Spektrum reicht von einer Modenschau, bei der Schülerinnen des katholischen Mädchengymnasiums St. Agnes Kleider des fairen Stuttgarter Modelabels eyd tragen, bis zum Besuch der im April 2018 gewählten EU-Menschenrechtskommissarin Dunja Mijatovic aus Bosnien-Herzegowina. „Wir behandeln auf möglichst kreative und fundierte Art diese grundchristlichen Themen, die jeden angehen“, sagt Monika Renninger. Dass ausgerechnet Stuttgart ein so guter Nährboden für eine breit gefächerte Demonstration für die Menschenrechte ist, hält sie für keinen Zufall: „Wir haben gelernt, mit Herz, Kopf und den Händen für die Menschenrechte einzutreten. Stuttgart ist seit jeher eine liberale Stadt, Stuttgart ist seit jeher eine Bürgerstadt, und Stuttgart ist längst auch eine multikulturelle Stadt.“

In der liberalen Tradition von Manfred Rommel

Das sieht auch Michael Kienzle so. „Diese Tradition geht unter anderem auf Manfred Rommel zurück. Er hat in Stuttgart die empathische Einstellung zu den Menschen salonfähig gemacht“, sagt der Ur-Grüne, der sich in seinen jungen Jahren als Stadtrat oft an dem Alt-OB gerieben hat, ihm aber vor allem wegen seiner Menschlichkeit stets mit Respekt begegnet ist. Diese Haltung zu bewahren und zu verbreiten, sei das Gebot der Stunde: „Die Menschenrechte sind nicht gottgegeben, sondern nach fürchterlichen Erfahrungen von Menschen für Menschen gemacht. Die Alternative zu internationalen Verträgen ist Krieg, die Alternative zum Grundgesetz ist Bürgerkrieg.“

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