Bürgerkrieg in Äthiopien Ein Rückschlag in Afrika

Äthiopiens Präsident Abiy Ahmed ist zum Opfer seiner Reformen geworden. Foto: dpa

Ein Musterland steigt ab: Der neue Krieg in Äthiopien kann eine Region ins Wanken bringen, meint Christoph Link.

Stuttgart - Entgegen allen Erwartungen kommt Afrika mit der Corona-Pandemie besser klar als andere. Zwar sind die wirtschaftlichen Folgen der Krise verheerend, aber die relativ niedrige Zahl an Corona-Toten – 35 000 in Vergleich zu 1,3 Millionen weltweit – können nicht allein durch statistische Fehler erklärt werden, sondern könnten auch an der jungen, widerstandsfähigen Bevölkerung liegen.

 

Dafür macht ein neuer Bürgerkrieg in Äthiopien, im letzten Jahrzehnt als Musterland für wirtschaftliche Entwicklung gepriesen, jeglichen Optimismus zunichte. Er könnte in seinem Ablauf als negatives Modell ausstrahlen auf den gesamten Kontinent sowie die Region am Horn von Afrika destabilisieren – nur wenige Flugstunden von Deutschland entfernt.

Äthiopien zeigt sein Problem beim Übergang zu einer Demokratie

Die Zentralregierung in Addis Abeba geht militärisch gegen die abtrünnige Bergprovinz Tigray vor. Erinnerungen werden wach an den Krieg von 1998 bis 2000, bekannt als „Krieg der Habenichtse“, in dem sich Äthiopien mit dem kleinen Bruderstaat Eritrea einen erbitterten Kampf um einige Quadratkilometer öden Grenzlandes um das Dorf Badme lieferte. Wie da der Goliath Äthiopien – das zweitbevölkerungsreichste Land Afrikas – gnadenlos Massen der eigenen Leute Welle um Welle ins Mündungsfeuer der Eritreer (David) schickte, hat Zeitzeugen nachhaltig erschüttert. Aber die Mengenverhältnisse sind auch heute entscheidend. Von den 112 Millionen Äthiopiern leben nur sechs Millionen in der militärisch starken Provinz Tigray, die von deren „Erzfeind“ Eritra umklammert ist. Eine erfolgreiche Sezession des Landesteils ist da unwahrscheinlicher als eine Kapitulation oder ein zäher Partisanenkampf.

Äthiopien zeigt exemplarisch das Dilemma eines über Jahrhunderte mit eiserner Faust geführten Zentralstaates und sein Problem beim Übergang zu einer Demokratie. Auf das Kaiserreich von Haile Selassie folgte eine kommunistische Terrordiktatur – gestürzt 1991 maßgeblich von einer Befreiungsfront aus dem Tigray. Diese Tigriner hatten danach drei Jahrzehnte lang faktisch in Äthiopien die Macht inne, auch sie knebelten die Opposition und unterdrückten brutal die Eigeninteressen der rund 80 Volksgruppen. 2018 kam der Reformpräsident Abiy Ahmed ins Amt, ein Oromo. Er befreite politische Gefangene, holte viele Frauen ins Kabinett und wollte ein gutes Miteinander von Christen und Muslimen. Er schloss Frieden mit Eritrea, was ihm den Friedensnobelpreis eintrug.

Abiy Ahmed ist zum Opfer seiner Reformen geworden

Abiy Ahmed hat den Druck aus dem Kessel gelassen. Aber er ist zum Opfer seiner Reformen geworden, denn mit den neuen Freiheiten stiegen die Partikularinteressen der Regionen, in blutigen Unruhen – selbst bei den Oromo – haben sie sich gezeigt. Zu befürchten ist eine Balkanisierung Äthiopiens, ein neues Libyen. Dass aber die Tigriner von den Schalthebeln der Macht entfernt worden sind, ist ein Ursprung des neuen Konflikts. Auch sie wollen mehr Autonomie.

Zwar schickte die Afrikanische Union Sondergesandte zur Vermittlung, der Rest der internationalen Gemeinschaft aber schaut der Eskalation ratlos zu, von Bemühungen des UN-Sicherheitsrates um eine diplomatische Lösung ist nichts bekannt. Ein Fehler: Der Konflikt strahlt auf den Sudan aus, der Ziel von Flüchtlingen wird, auch auf Somalia sowie Eritrea. Er könnte ein Zündfunke sein für andere Ethnien. Dass Äthiopien eine zweite Front eröffnen muss, und zwar mit Ägypten, mit dem es im Streit wegen des Nil-Staudammes liegt, ist mit der Abwahl von US-Präsident Donald Trump nicht mehr zu erwarten. Der hatte erklärt, er könne verstehen, wenn Ägyptens Luftwaffe den Damm sprenge. Äthiopien hat genug Probleme. Mit Trump, der Öl ins Feuer gießt, ist immerhin ein Problem bald verschwunden.

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