Campino über 40 Jahre Die Toten Hosen „Ich habe nie eine Quittung kontrolliert“

Wo sind all die Jahre hin? Campino blickt zurück – auf 40 Jahre Die Toten Hosen. Foto: Shotview Artists//Tereza Mundilova

Euphorie und Exzess, Krisen und Katastrophen – Campino wird bald 60, Die Toten Hosen gibt es seit 40 Jahren. Zeit für ein Bilanzgespräch: Was gab es da für eine Fehde mit den Ärzten? Wie geht es der Gesundheit? Wie schafft man es, so lange zusammenzubleiben? Hört bei Geld die Freundschaft auf? Und wie wichtig sind die Frauen?

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Campino sitzt beim Videointerview in Düsseldorf vor einem Bild des „Auf dem Kreuzzug ins Glück“-Covers. Vor vierzig Jahren haben sich Die Toten Hosen gegründet, Campino wird im Juni 60. Zeit für einen großen Rückblick.

 

Lieber Herr Campino, so hat mal ein Telefonat begonnen, als Angela Merkel bei Ihnen angerufen hat. Warum das?

Damals hat mich das Gespräch etwas ratlos zurückgelassen. Rückblickend war das von ihr wohl ein aufrichtiger, ernst gemeinter Anruf und der Versuch einer Entschuldigung, weil sie sich vielleicht denken konnte, dass wir es nicht so lustig fanden, wie das Lied „Tage wie diese“ bei der Wahlkampfparty der CDU durchgenudelt worden war.

Die Toten Hosen haben sich gegründet, als Helmut Kohl Kanzler wurde. Waren die vergangenen vier Jahrzehnte eine große Party und Erfolgsgeschichte?

Die Erinnerung verklärt vieles. Das ist vielleicht auch das Schöne, dass man sich vor allem gute Dinge merkt. Diese vierzig Jahre waren keine Dauerparty, und auch aktuell ist allgemein nicht viel Raum für Fröhlichkeit. Wir alle haben durch die Pandemie mehr als zwei Jahre hinter uns, die sehr seltsam waren, und nun hat Putin diesen wahnsinnigen Angriffskrieg gestartet, der tief verstörend ist und uns alle ohnmächtig fühlen lässt. Die Bilder aus der Ukraine machen uns fassungslos. Trotzdem brauchen wir alle auch Glücksmomente, damit wir wieder zum Atmen kommen. Ich freue mich auf den Sommer und die Konzerte, denn Die Toten Hosen waren immer auch eine Gruppe, die sich in schweren, unsicheren Zeiten positionieren konnte und dagegengehalten hat.

Wie schafft man es, als Band so lange zusammenzubleiben?

Ein Geheimnis ist sicherlich, dass man nicht weiß, wie lange diese Strecke gehen wird. Und schließlich waren und sind wir einfach ein Haufen von Freunden. Breiti war in meiner Schulklasse, Andi kannte ich aus dem Hockeyclub, Trini aus der Punkszene. Unsere Freundschaft war immer die Basis. Sie stand stets über allem.

Es ist ein Allgemeinplatz, dass bei Geld die Freundschaft aufhöre. Oder es verkrachen sich Freunde, wenn es um Frauen geht. War beides nie ein Problem?

Bei Frauen konnte man ein Veto ausrufen. Wenn einer von uns gestanden hatte, dass er eine bestimmte Person richtig gut fand, waren die anderen fair und hielten sich zurück. In Sachen Geld gab es schnell ein gutes Rezept: Wir haben einfach alles in eine Kasse geworfen und durch fünf geteilt, egal, wer sich wie einbrachte. Das hat dazu geführt, dass es in diesem Punkt nie Neid gab. Tatsächlich haben wir immer ausgewürfelt, wem welches Lied als Komponist zukommt, auch wenn nicht alle Bandmitglieder gleich musikalisch sind. Kuddel hat die meisten Songs komponiert, der durfte sich seine Lieblingsstücke aussuchen, der Rest wurde unter den anderen verteilt. Die Komponistenangaben haben deshalb bei uns oft nichts mit der Realität zu tun. Bei den Texten steht immer Frege darunter, und wenn jemand Externes mitgearbeitet hat, natürlich auch diejenige Person. Aber auch da, wo mein Name druntersteht, wird alles durch fünf geteilt. Ich glaube, das hat langfristig für viel Frieden gesorgt.

Tocotronic machen das ähnlich.

Gut so, ich könnte mir kein besseres Modell vorstellen. Ich habe es nie bereut und deshalb in meinem ganzen Leben auch keine Quittung oder Abrechnung kontrollieren müssen. Breiti und Andi kümmern sich seit dem ersten Tag um die Gruppenkasse, in vierzig Jahren habe ich ihre Kompetenz nie in Zweifel gezogen. Das ist viel Lebensqualität.

Die Toten Hosen sind vierzig, Sie werden im Juni sechzig Jahre alt. Wie ist das Verhältnis zu Ihrem Geburtstag?

Noch ist er nicht da. Ich glaube aber nicht, dass ich an dem Tag aufwache und mich deshalb anders fühlen werde. Es ist ein schleichender Prozess und ein langer Weg, aber andererseits frage ich mich auch: Wo sind all die Jahre hin? Es ist aber alles in Ordnung. Ich werde mein Alter nicht ignorieren und bin froh, dass ich es so weit geschafft habe. Ich habe weder körperlich noch mental größere Probleme. Alles andere als Dankbarkeit an diesem Tag wäre kindisch und unreif.

Haben vierzig Jahre Rockstardasein keine Spuren hinterlassen?

Doch, das haben sie durchaus. Man zahlt immer einen Preis für das, was man tut. Ich hätte vermutlich signifikant intaktere Ohren, wenn ich einen anderen Beruf ausüben würde, aber wohl auch bedeutend weniger Spaß gehabt. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist bei mir in Ordnung.

Bommerlunder, Altbier, Jägermeister, Korn – sind Trink- oder Liebeslieder die besseren Songs der Toten Hosen?

Für mich haben die Liebeslieder Priorität. Das ist immer noch das fundamentalste Thema der Menschheit. Nach einer Handvoll Songs ist das Feld „Alkohol“ abgearbeitet. Trotzdem ist es nicht unwichtig. Rausch betrifft uns alle. Jeder besorgt sich den auf seine Weise. Da finden wir unser kurzzeitiges oder eingebildetes Glück.

Hat es etwas mit Rausch zu tun, wenn Sie bei Konzerten auf sehr hohe Gerüste klettern? Wie etwa auf dem Cannstatter Wasen vor 60 000 Menschen.

Ich hoffe für uns alle, vor allem für mich, dass ich nicht mehr so blöd bin und da raufklettere. Es geht um die Begegnungen mit den Menschen, darum, den Abend miteinander zu zelebrieren und die Leute emotional zu berühren, nicht um Turnvorführungen. So etwas entsteht im Moment. Wenn das aber nur ein Programmpunkt ist, weil es vor zwanzig Jahren auch schon einer war, dann wird so etwas berechenbar und blass. Jedenfalls freuen wir uns auf die Konzerte, auch wenn wir unser Bandjubiläum sicherlich nicht so sorglos feiern können, wie wir uns das erträumt haben. Schließlich nimmt man sich selbst und die gesellschaftlichen Umstände immer mit auf die Bühne.

Zum Jubiläum haben Sie auch ein paar neue Songs aufgenommen, unter anderem „Alle sagen, dass“. Eine Abrechnung mit der Gerüchteküche. Lassen Sie uns mal klar Schiff machen: Was gab es für eine Fehde zwischen den Toten Hosen und der Band Die Ärzte?

Sagen wir es so: Es war kompliziert. Eine Geschichte, die sich über mehrere Jahre entwickelt hat. Wir hatten uns in Berlin kennengelernt, da standen damals so ein paar Jungs rum, die nannten sich Soilent Grün. Wenig später wurde aus dieser Band Die Ärzte. Erst war unser Verhältnis gut, dann gab es ein paar Vorfälle, die die Beziehung sehr frostig werden ließen. Es war absurd, und irgendwann flogen auch mal die Fäuste. Beide Bands haben sich eine Zeit lang dämlich verhalten. Nach der fünfjährigen Ärzte-Pause und der anschließenden Reunion wurden die Weichen aber wieder auf Freundschaft gestellt, auch weil die Berliner anders besetzt waren, mit einem neuen Manager und mit Rod González in der Band.

Manchmal trügt die eigene Erinnerung ja auch.

Rückblickend war es vielleicht auch gar nicht schlecht, dass man sich gegenseitig ein bisschen aufgestachelt und angespornt hat.

Farin Urlaub hat einmal gesagt, dass er „Liebeslied“ von den Hosen gut findet. Welchen Ärzte-Song hätten Sie gerne geschrieben?

„Schrei nach Liebe“ ist ein ganz wichtiger Song, der sich über Jahre gehalten hat. Das zeugt von Substanz. Ich mochte aber auch immer „Mach die Augen zu und küss mich“, ein schönes Liebeslied.

Bei all den Erfolgen, gibt es Dinge, die Sie bereuen?

Nichts zu bereuen, fände ich gefährlich bis dümmlich. Ich möchte nicht so eine Selbstzufriedenheit haben. Es sind blöde, zum Teil auch schlimme Dinge passiert.

Beim 1000. Konzert ist eine Besucherin zu Tode gedrückt worden. Wie macht man nach so einem schrecklichen Ereignis weiter?

Es stand die Frage im Raum, ob es überhaupt weitergehen würde und vor allem wie. Ob unsere Art der Musik überhaupt für Großveranstaltungen taugt oder ob sie zu wild ist für ein riesiges Publikum. Da gab es verschiedene Standpunkte innerhalb der Band.

Jeder verliert im Laufe der Zeit wichtige Menschen. Gibt einem die Band in solchen Phasen Halt?

Man stützt sich, wo man sich stützen kann, da sind wir eine Familie. Es ist für jeden in der Band aber ebenso wichtig, einen Draht nach draußen zu haben. Jeder hat seinen eigenen Freundeskreis. Aber die Band als Gerüst, als Notwendigkeit, um sich nicht zu verlieren, ist eine große Hilfe. Kuddel zum Beispiel hatte eine Zeit lang größere Probleme mit Spielsucht und Drogen. Da war es gut für ihn, Termine zu haben und ständig durch Konzertreisen gefordert zu sein. Das konnte ihn ablenken und letztendlich dazu bringen, Prioritäten zu erkennen und den falschen Weg zu beenden.

Wie wichtig sind die Frauen der Toten Hosen in den vierzig Jahren?

Auch wenn sie kaum in der Öffentlichkeit stehen, sind sie für uns immens wichtig. Die Toten Hosen sind schon immer auch sehr von Frauen geprägt worden. Natürlich waren unsere Lebenspartnerinnen unsere engsten Beraterinnen und Kritikerinnen. Sie hörten die Demos als Erstes, sie befanden, welche Klamotten untragbar waren und welche nicht. In vielen Dingen waren sie unser Kompass. Ein Beispiel wäre die Fotografin Gabo, mit der ich fünf Jahre zusammen war. Sie hat lange die Bilder und dadurch auch die Ästhetik der Band bestimmt. Wir fünf haben uns gar nicht so wahrgenommen, aber auf einmal gab es Bilder, auf denen wir attraktiv aussahen. Unsere Lebenspartnerinnen müssen unheimlich viel aushalten und mittragen, zum Beispiel, dass die Männer ständig weg sind, meistens physisch, oft aber auch einfach nur psychisch. Ich bin jeder Partnerin meiner Freunde unglaublich dankbar, dass sie diese Typen aushält. Ganz ehrlich.

Das Gemeinschaftsgrab auf dem Düsseldorfer Südfriedhof ist schon reserviert. Ist da auch Platz für die Frauen?

Ich fände das schön, aber bis jetzt hat sich noch keine dazu geäußert.

Glauben Sie an Schicksal?

Durchaus. Mir gefällt der Gedanke, dass nicht überall der pure Zufall regiert.

Zur Person

Campino (59), bürgerlich Andreas Frege, ist Sänger der Düsseldorfer Band Die Toten Hosen. Seine Mutter war Engländerin, sein Vater Deutscher. Seine Biografie „Hope Street“ (Piper-Verlag) ist vor zwei Jahren erschienen.

Die Toten Hosen veröffentlichen die Werkschau „Alles aus Liebe – 40 Jahre Die Toten Hosen“ (erscheint am 27.5. als Vier-LP-Vinyl-Box, Doppel-CD-Digipack mit 43 Songs, davon sieben neue Stücke, drei Neuaufnahmen sowie drei Remixen bereits veröffentlichter Klassiker)

Tournee Im Sommer 2022 spielt die Band anlässlich ihres Jubiläums unter dem Motto „Alles aus Liebe – 40 Jahre Die Toten Hosen“ 19 große Stadion- und Open-Air-Konzerte in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Am 16. Juli gastiert sie auf dem Cannstatter Wasen.

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