Carl Laemmle gilt als Gründer Hollywoods. Der Filmpionier wurde in seiner schwäbischen Heimat zunächst gefeiert, verunglimpft und vergessen.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Los Angeles - Noch lebt ein Mensch, der aus eigener Anschauung erzählen kann, was diesen Mann ausgemacht hat. Carla Laemmle, die Nichte von Carl Laemmle, wohnt in einem hübschen Häuschen in West Hollywood. Sie ist inzwischen 101 Jahre alt, was man ihr jedoch nicht anmerkt. Aus ihrem lippenstiftroten Mund sprudeln farbige Erinnerungen. Sie sagt, ihr Onkel habe zwar wie ein Zwerg ausgesehen, gleichwohl wie ein Riese gewirkt: "Er war ein entzückender kleiner Kerl mit einem Bäuchlein. Aber alle hatten Respekt vor ihm und verehrten ihn."

Wie jede gute Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte spielt auch diese in Amerika. Am 28.Januar 1884 bricht der 17-jährige Carl Laemmle von Bremerhaven aus ins gelobte Land auf, 16 Tage später legt das Segeldampfschiff Neckar in New York an. Laemmle, zehntes Kind eines Grundstückshändlers, hat in seiner Heimatstadt Laupheim die Lateinschule besucht und in Ichenhausen eine Lehre als Kaufmann gemacht. Jetzt sucht er das große Abenteuer. "Schon in Laupheim las er eine Menge über Indianer, Cowboys, Reiter im Wilden Westen und Buffalo Bill", schreibt Jahrzehnte später sein Sohn Julius.

Rund um Chicago schlägt sich Carl Laemmle zunächst mit Gelegenheitsjobs durch, ist mal Erntehelfer, mal Laufbursche, mal Zeitungsausträger. Zu bescheidenem Wohlstand kommt er erst, als er eine Stelle als Buchhalter bei Continental Clothing in Oshkosh (Wisconsin) erhält, sich indem Textilunternehmen zum Geschäftsführer hocharbeitet und die Nichte des Inhabers heiratet. Laemmle steuert auf die vierzig zu, als er beschließt, sich selbstständig zu machen.

Seit einem Vierteljahrhundert befasst sich Udo Bayer intensiv mit dem Leben von Carl Laemmle. Bayer reiste in die USA, besuchte Museen, durchforstete Archive und freundete sich schließlich mit Carla Laemmle an, der Nichte seines Forschungsgegenstands. "Noch heute telefonieren wir jeden Freitagabend", erzählt er. So erfährt Udo Bayer alles, was man über Carl Laemmle erfahren kann.

1994 sorgt der Studiendirektor dafür, dass seine Lehranstalt auf den Namen Carl-Laemmle-Gymnasium getauft wird. Das ist kein leichtes Unterfangen, denn nicht jeder in dem 20000-Einwohner-Städtchen Laupheim ist davon begeistert, dass eine Schule nach jenem Juden benannt wird, der einst das Popcornkino erfand. Auf der einen Seite stehen Bildungsbürger, die über den amerikanischen Film prinzipiell die Nase rümpfen. Und auf der anderen Seite, so Bayer, "die Nachkommen von Hitlers kleinen Profiteuren". Und zwischen den Stühlen: Dr. Udo Bayer.

Aus einer Hühnerfarm wird ein Filmstudio

Am Ende überwindet der unbeugsame Gelehrte alle Widerstände, auch weil der Vorsitzende der CDU-Gemeinderatsfraktion ein ehemaliger Schüler von ihm ist. Hilfreich ist zudem, dass Bayer mit wissenschaftlicher Akribie nachweisen kann, dass Carl Laemmle a.) der bedeutendste Mann ist, der jemals in Laupheim das Licht der Welt erblickte, und b.) fast bis zum Ende seiner Tage seiner Heimat aufs Innigste verbunden war.

Im Januar 1906 kauft sich der schwäbische Auswanderer Laemmle an der Milwaukee Avenue in Chicago das White Front Theatre, ein Nickelodeon. Zum Eintrittspreis von fünf Cent, einem Nickel, können die Besucher von früh bis spät Kurzfilme anschauen. Das Business boomt, und Laemmle expandiert; innerhalb kürzester Zeit gehören ihm 50 Kinos. 1907 gründet er einen Filmverleih, der schnell der größte Nordamerikas ist, und zwei Jahre später die Independent Motion Picture Company, eine Produktionsgesellschaft. Sein erstes Zelluloidwerk heißt "Hiawatha". Die Innenaufnahmen zu dem Indianerepos entstehen in einem ehemaligen Warenhaus in New York, die Außenaufnahmen im Hinterland von New Jersey.

Filmstudio statt Hühnerfarm

Sein Geschäftssinn bewegt Laemmle zu dem filmhistorischen Schritt, die Produktion von der Ost- an die Westküste zu verlegen. In Kalifornien sind die Gewerkschaften deutlich schwächer (bedeutet: niedrige Löhne), und das Wetter ist deutlich stabiler (bedeutet: weniger Drehtage).

In einer ausgestorbenen Gegend bei Los Angeles, heute als Hollywood bekannt, kauft Laemmle eine 170 Hektar große Hühnerfarm und errichtet auf dem öden Provinzboden ein modernes Filmstudio: Universal City. Zur feierlichen Eröffnung im März 1915 lässt er in einem Sonderzug eine Geld- und Glamourgesellschaft ankarren. Während der spektakulären Show kreist ein Flugzeug über dem Gelände. Es stürzt ab, der Pilot stirbt, aber Laemmle prostet fröhlich seinen Gästen zu. In den folgenden Jahren stellt Universal Filme wie am Fließband her. In Tausenden Vorspännen wird ein amerikanischer Selfmademan mit schwäbischen Wurzeln als Produzent genannt: "Carl Laemmle presents ..."

Oben auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim ruhen seine Eltern. Unten im Flecken leben Verwandte und Jugendfreunde, die Carl Laemmle bei seinen alljährlichen Besuchen in die koschere Gaststätte Ochsen einlädt. "Er liebte Deutschland, er liebte Laupheim, und er liebte die Menschen dort", erzählt Carla Laemmle. "Er konnte es immer kaum erwarten, wieder in seine Heimatstadt zu kommen."

Die Stimmung kippt 1930

Zunächst beruht die Zuneigung auf Gegenseitigkeit. Laupheims Honoratioren hofieren den weltberühmten und steinreichen Sohn der Stadt. Laemmle richtet eine Armenstiftung ein, deren Erträge laut Satzung "ohne Ansehen der Konfession" an Mittellose im Ort verteilt werden. Er steuert die Hälfte des Geldes für den Bau einer Turnhalle in der Bühler Straße bei und spendiert dem Schulhaus ein Bad. Laemmle wird als Wohltäter gefeiert, man benennt eine Straße nach ihm und ernennt ihn zum Ehrenbürger. Bei seinem Besuch im August 1926 titelt der "Laupheimer Verkünder": "Onkel Carl herzlich willkommen!" Noch drei Jahre später schwärmt das Lokalblatt, "wie sehr Laupheim durch unseren Landsmann Lämmle bekannt geworden ist".

Die Stimmung kippt, als Laemmle 1930 Erich Maria Remarques Bestsellerroman "Im Westen nichts Neues" verfilmt, der realistisch die Kriegserlebnisse junger deutscher Soldaten im Ersten Weltkrieg schildert. Der Produzent Laemmle erhält am 5.November 1930 im Ambassador Hotel in Los Angeles den Oscar in der Kategorie "Bester Film" überreicht. 36 Tage später wird "Im Westen nichts Neues" in Deutschland verboten. Der "Völkische Beobachter" hetzt gegen den "Filmjuden Laemmle". Und in Laupheim beantragt ein Stadtrat, bei Anfragen an die Verwaltung mitzuteilen, dass Laemmle nicht Ehrenbürger sei. Das Gremium ist einstimmig dafür. Die Lämmle-Straße wird umbenannt, weil, so der Schultheiß, "die politische Entwicklung der letzten Monate dies notwendig erscheinen lässt". Carl Laemmle ist tief gekränkt: "Ich habe alles für meine kleine Stadt getan, und jetzt gibt es keine ,Lämmle-Straße' mehr."

Wirtschaftskrise zwingt zum Verkauf

1967, zu seinem hundertsten Geburtstag, erinnert sich in Laupheim niemand an den Filmmogul. Erst als die Stadt, die einst die größte jüdische Gemeinde Württembergs beherbergte, in den 80er Jahren beginnt, ernsthaft ihre jüngere Vergangenheit aufzuarbeiten, wird auch Laemmles Bedeutung erkannt. Heute trägt nicht nur das örtliche Gymnasium, sondern auch ein Weg im Neubaugebiet und ein Brunnen in der Rabenstraße seinen Namen. Am Geburtshaus in der Radstraße9 hat der Verkehrs- und Verschönerungsverein eine Gedenktafel angebracht. Und im Museum zur Geschichte von Christen und Juden in Laupheim gibt es seit elf Jahren einen eigenen Laemmle-Trakt. Im hinteren Teil der Ausstellung ist ein kleines Kino untergebracht, die Besucher können zwischen zwei Vorführungen wählen: einer Dokumentation über die Universal-Studios und einem Urlaubsfilm, den Laemmle im Sommer 1924 zum eigenen Vergnügen drehen ließ. Man sieht, wie der 1,55-Meter-Mann seinem um einen Kopf größeren Sohn Julius stolz die Sehenswürdigkeiten seiner Heimatstadt zeigt.

Als Julius 1928 bei Universal einsteigt, stellt er sich dem Personal als "Carl Laemmle junior" vor. Der Juniorchef, ein Fan von Gruselgeschichten, produziert einige Kassenschlager: "Dracula" (mit Bela Lugosi), "Die Mumie", "Frankenstein" sowie die Fortsetzung "Frankensteins Braut" (jeweils mit Boris Karloff in der Hauptrolle). Doch die Weltwirtschaftskrise und die wachsende Konkurrenz durch Studios wie Paramount und Metro-Goldwyn-Mayer zwingen Carl Laemmle 1936, sein Imperium für viele Millionen Dollar zu verkaufen.

Als Gründer von Hollywood, als Traumfabrikant mit Marktinstinkt ist Carl Laemmle in die Filmgeschichte eingegangen. Laemmle war maßgeblich beteiligt, als eine neue Kunstform kreiert wurde, der Spielfilm. Er erkannte, dass man die Massen für diese Kunst begeistern kann. Dennoch: seine größte Tat war keine unternehmerische, sondern eine humanitäre.

Von 1936 an stellt Carl Laemmle Bürgschaftserklärungen aus. Mehreren Hundert jüdischen Familien aus Laupheim, Nürnberg, Berlin und zig anderen Städten ermöglichen seine sogenannten Affidavits die Immigration in die USA. In einem Brief an den amerikanischen Konsul in Stuttgart schreibt Laemmle: "Sie können sicher sein, dass, wenn ich ein Affidavit ausstelle, ich es in voller Kenntnis meiner Verantwortung tue und mein ganzes Herz und meine Seele damit verbunden sind. Ich brauche Ihnen nichts von den Leiden erzählen, die deutsche Juden in diesen Zeiten durchmachen, und ich fühle, dass jeder einzelne Jude, der finanziell in der Lage ist, diesen in übler Weise Bedürftigen zu helfen, dies unerschütterlich tun sollte."

Carl Laemmle bleibt die unmittelbare Erfahrung des Holocaust erspart. Er stirbt im September 1939, am 24. Tag des Zweiten Weltkrieges, in Beverly Hills.

Programmtipp: Der Fernsehsender Arte zeigt morgen um 20 Uhr die Dokumentation "100 Jahre Hollywood - Die Carl-Laemmle-Story".