Wien - Man hört und stutzt. Was ist das? Sinfonische Spätromantik, ein bisschen Bruckner in den Bläsersätzen, eine Wagner-Anmutung, ein Hauch von Dvorák. Diese Musik hat eine sehr eigene Farbe, sehr eigene Energie und ein klares Konzept. Es ist eine Sinfonie – und beim dritten Satz wird die kompositorische Handschrift noch eigener: Er klingt nach Jazz, nach dem Amerika von John Gershwin und von Leonard Bernsteins „West Side Story“. „Juba“ ist der Satz betitelt – und verweist so auf das Material, das ihm zugrunde liegt, einen sehr rhythmischen Tanz, den westafrikanische Sklaven in den USA entwickelten. Ein Hinweis auf den Komponisten.
Tatsächlich handelt es sich hier um die dritte Sinfonie einer amerikanischen Komponistin mit afroamerikanischen Wurzeln: Florence Beatrice Price, geboren 1887 in Little Rock, Arkansas, gestorben 1953 in Chicago. Bekannt wurde Price 1933, als das Chicago Symphony Orchestra bei der Weltausstellung in Chicago ihre erste Sinfonie aufführte. Seither gilt sie als erste komponierende Afroamerikanerin. Gelebt aber hat sie vor allem von dem, was sie als Stummfilm-Organistin, Arrangeurin und Klavierlehrerin verdiente; außerdem hat sie unter einem Pseudonym Popsongs veröffentlicht.
Als weißer Mann hätte Price allein vom Komponieren leben können
Daneben entstand allerdings ein umfangreiches musikalisches Werk. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass Price als weißer Mann allein vom Komponieren hätte leben können, und es ist deshalb kein Zufall, dass sie ausgerechnet in einer Zeit wiederentdeckt wird, in der sich der weiße Mann gerne mal um Wiedergutmachung bemüht.
Das ORF-Radio-Symphonieorchester Wien hat unter John Jeters Leitung neben der dritten Sinfonie auch zwei sinfonische Dichtungen eingespielt: „The Mississippi River“ und „Ethiopia’s Shadow in America“. In beiden Werken verarbeitet Florence Price Spirituals. Die Komponistin auf die Verarbeitung von Folklore zu reduzieren, griffe allerdings viel zu kurz. Das Schaffen von Florence Price wäre es wert, auch in Europa den zementierten Werkkanon von Orchesterkonzerten mit einem Hauch von Frischluft zu beleben.
Florence Beatrice Price: 3. Sinfonie c-Moll, The Mississippi River, Ethiopia’s Shadow in America. ORF-Radio-Symphonieorchester Wien, John Jeter. Naxos