Als CDU-Abgeordneter des Wahlkreises Zollernalb-Sigmaringen war Thomas Bareiß (48) stets unermüdlich im Einsatz. Seit bald 20 Jahren sitzt der Betriebswirt aus Balingen im Bundestag, allenfalls ein paar Tage fiel er in dieser Zeit wegen Krankheit aus. Nun aber, zu Jahresbeginn, hat er sich gleich für mehrere Wochen abgemeldet: Bis voraussichtlich Ende Februar nimmt Bareiß eine Auszeit vom Politikbetrieb. Fernab von Berlin, in einem Kloster in Israel, will er zur Ruhe kommen und neue Kraft tanken. In der Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg in Jerusalem, so hatte er es angekündigt, wolle er den Benediktiner-Mönchen „meine aktive Mitarbeit und Unterstützung im Klosteralltag anbieten“.
Bareiß folgt damit, in Absprache mit seiner Ehefrau, einer ärztlichen Empfehlung. Bei Bundestagspräsidentin Bärbel Bas hat er nach Auskunft seines Büros ordnungsgemäß eine Krankschreibung vorgelegt, alle zuständigen Stellen seien pflichtgemäß informiert. Ein Politiker ist für längere Zeit krank – das wäre eigentlich seine Privatsache. Doch der Christdemokrat hat seine Pause und deren Gründe selbst öffentlich gemacht, in einem breit gestreuten Rundbrief an Parteifreunde. Er leidet danach – kurz umschrieben – an der immer härter werdenden Politik und dem rau gewordenen gesellschaftlichen Klima. In einem für ihn nicht vorstellbaren Ausmaß sei er „zum Ziel der Verachtung, des Hasses und der Geringschätzung“ geworden. Von den dabei geschlagenen Wunden müsse er sich nun erholen.
Im Austeilen war er nie zimperlich
Ausgerechnet Bareiß klagt über Attacken und Anfeindungen – das mag verwundern. In seiner langen Karriere vom Landesvorsitzenden der Jungen Union bis zum Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium galt er nie als besonders zimperlich. Er teilte gerne kräftig aus und konnte durchaus polemisch zuspitzen; manche sahen in ihm gar einen Scharfmacher oder Haudrauf.
Umgekehrt lieferte er seinen Kritikern auch etliche Angriffsflächen. Klimaschützer hielten ihn für einen Bremser, der die Energiewende und den Ausbau der erneuerbaren Energien behinderte. Mit zwei CDU-Kollegen bilde er da ein „Bermudadreieck“, in dem sinnvolle Vorschläge verschwänden. Auch sein auffälliges Engagement für Aserbaidschan wurde intensiv ausgeleuchtet. In der Korruptionsaffäre um das autoritäre Regime blieb aber nichts an ihm hängen – im Gegensatz zu zwei einstigen Abgeordnetenkollegen, gegen die jetzt nach langen Ermittlungen Anklage erhoben wurde. Wahlkreisinteressen verstand der Balinger zudem robust zu vertreten – und nicht immer zweifelsfrei fair.
Wahlaufruf für Kretschmann junior
Im Wahlkampf 2021 führte all das zu einer ungewöhnlichen Konfrontation. Das Kampagnen-Netzwerk Campact rief dazu auf, die Wiederwahl von Bareiß mit dem „strategischen Einsatz“ der Erststimme zu verhindern; stattdessen solle man das Kreuz beim Grünen Johannes Kretschmann setzen, dem Sohn des Ministerpräsidenten. Den CDU-Mann machte das erkennbar nervös, aber am Ende siegte er in dem schwarzen Wahlkreis doch wieder relativ klar.
Diese Kampagne war es, die Bareiß nach eigenem Bekunden schwer zugesetzt hat, ebenso wie die Coronapandemie und seine drei fordernden Jahre als Staatssekretär. Beim Innehalten zum Jahreswechsel sei ihm bewusst geworden, welche Spuren diese Zeit hinterlassen habe; er sei „an die Grenzen meiner physischen Belastbarkeit“ gestoßen. Politik verlange aber uneingeschränkte „physische und mentale Stärke“. Die will er nun bewusst an einem „Ort der Stille“ zurückgewinnen, zu dem er als Vorsitzender des Freundeskreises des Klosters Beuron einen besonderen Bezug hat: Die Abtei in Jerusalem wurde einst von Mönchen aus dem Donautal gegründet.
Die Reaktionen auf den temporären Rückzug sind laut Bareiß’ Büro positiv: In persönlichen Mitteilungen erfahre er viel Verständnis für seine Situation und Anerkennung für den offenen Umgang damit.