CES in Las Vegas Völlig neue Perspektiven in der Medizin

Von Eva Wolfangel 

Die neuen Technologien, die auf der Consumer Electronics Show vorgestellt werden, liefern jede Menge Daten, die etwas über den Gesundheitszustand ihrer Nutzer aussagen. Dadurch sei auch eine gezieltere Prävention möglich, sagen Experten.

Dieses System sammelt  Daten und übermittelt sie: Augmented-Reality-Brillen sollen künftig  bessere Ferndiagnosen ermöglichen. Foto: nomadeec
Dieses System sammelt Daten und übermittelt sie: Augmented-Reality-Brillen sollen künftig bessere Ferndiagnosen ermöglichen. Foto: nomadeec

Las Vegas - Die smarte Matratze vermeldet am Morgen einen unruhigen Schlaf, die Emotionserkennung des Smartphones schickt ein aufmunterndes Smiley und rät: „Gehen Sie eine Runde um den Block. Sie haben sich in den vergangenen 14 Tagen weniger bewegt als 87 Prozent ihrer Altersgenossen in deutschen Großstädten. Das korreliert hoch mit Depressionen.“ Beim Verlassen des Hauses meldet die Smartwatch: „Ihr Blutdruck ist ungewöhnlich hoch, Ihr Arzt ist informiert“ – und schon klingelt das Handy und das vertraute Gesicht des Arztes erscheint auf dem Display. „Die Sensoren Ihres Autos melden mir, dass Sie verstärkt unaufmerksam und müde sind, und Ihre smarte Toilette hat mir bedenkliche Urindaten übermittelt. Wir müssen reden.“ Ist das die Gesundheitsversorgung der Zukunft?Vier Tage lang werden auf Consumer Electronics Show (CES), die an diesem Freitag endet, unzählige Technologien vorgestellt, die entweder das Haus vernetzen oder Fahrzeuge oder Menschen untereinander – von der Virtual-Reality-Brille über das autonome Auto bis zu Fitness-Armbändern. Und während die meisten Messebesucher nur die jeweilige Funktion dieser Innovationen interessiert, verweisen Experten in Las Vegas auf einen spannenden Nebenaspekt: All die Daten, die solche Geräte sammeln, transportieren Informationen über den Gesundheitszustand ihrer Nutzer. Das werde das Gesundheitssystem revolutionieren, sagt Brooke Basinger von Verily (vormals Google Lifesciences), Forschungstochter des Alphabet-Konzerns: „Mit diesen Informationen können wir viel bessere Entscheidungen treffen, als wir es heute tun.“

Experten sprechen von einer Revolution im Gesundheitssystem

Das sei auch für die Versicherungen interessant, betont Paul Sterling von United Healthcare, schließlich könnten die Ausgaben sinken: „Wenn man Patienten einen Basiseinblick in ihre Gesundheit gibt, beschäftigen sie sich mehr damit und können negative Gewohnheiten ändern.“ Das bestätigt David Rhew von Samsung Electronic America: In einer Studie gemeinsam mit Wissenschaftlern habe das Unternehmen ein Rehabilitationsprogramm von Patienten nach einem Herzanfall begleitet. Diese mussten über sechs Wochen drei Mal in der Woche je eine Stunde lang bestimmte Übungen machen – für sich alleine zu Hause. „Lediglich 40 Prozent haben das durchgehalten“, sagt er.

Es gibt noch viele Hürden

Bekamen sie allerdings eine Smartwatch, auf der die Übungen angeleitet und die Effekte erklärt wurden, hielten 80 Prozent durch. Wie relevant diese Zahl ist, sei ihm erst klar geworden, als ihm ein Kardiologe Folgendes anvertraute: Pro vier Patienten, die zusätzlich durchhalten, werde ein Leben gerettet. Rhews Schluss: „Technologie ist ein Ermöglicher.“

Letztlich könne die Einstellung zur Gesundheit geändert werden: „Menschen gehen nicht gerne zum Arzt“, sagt der Arzt Ian Tong vom Telemedizin-Anbieter Doctor on Demand, „immer ist anderes wichtiger.“ Wer seine eigene Gesundheit besser einschätzt, sei vielleicht offener dafür, präventiv aktiv zu werden. Die datenbasierte Herangehensweise verändert auch die Perspektive der Mediziner, ergänzt Rhew: „Wir schauen dann nicht mehr, was passiert ist, sondern was passieren wird.“

Freilich sind bis dahin noch Hürden zu meistern – angefangen von der, die Patienten der Zukunft davon zu überzeugen, ihre persönlichsten Daten einer App anzuvertrauen, über die Sicherheit der Daten vor Hackerangriffen bis hin zu ihrer seriösen Auswertung. Nicht zuletzt wird häufig eines übersehen: Daten alleine stellen noch lange keine Erkenntnis dar, ihre Auswertung ist aufwendig. „Aktuell werden nicht einmal ein Prozent aller Daten ausgewertet“, sagt David Rhew. Doch die Hoffnung ist groß, wegen der Fortschritte in der künstlichen Intelligenz, bald neue Zusammenhänge zu erkennen, die erst durch den massenhaften Abgleich von Gesundheitsdaten deutlich werden.

Nicht alle Geräte sind bereits technisch ausgereift

Auch die kulturelle Hürde ist eine Herausforderung: Das abstrakte Argument, dass solche Technologien das Wissen vieler Ärzte zusammenführen, das müsse erst einmal vermittelt werden. „Ich finde das alles gut und richtig, aber wenn es mir schlecht geht, dann will ich den besten Arzt meiner Klinik an meiner Seite“, sagt Brian Cooley vom Technikmagazin „CNET“, „man wird da schnell ganz schön konservativ.“ Das Verhältnis Arzt-Patient sei auch weiterhin zentral, sagt Ian Tong und warnt davor, persönliche Arztgespräche ersetzen zu wollen. Er trifft seine Patienten mittels Videokonferenz, was der Beziehung keinen Abbruch tue. „Die Technologie öffnet hier ein Fenster: Ich kann in die Wohnung der Patienten schauen.“ Mit den Daten von smarten Uhren sei er in Zukunft zudem besser informiert über deren Alltag als ein Arzt, der seine Patienten nur einmal im Quartal in der Praxis empfängt und sich mündlich berichten lässt, wie es ihnen geht. Allerdings sind noch nicht alle Geräte technisch ausgereift. So liefern die meisten tragbaren Pulsmessgeräte noch recht ungenaue Werte. „Natürlich brauche ich gute Daten, um Entscheidungen zu treffen“, sagt Rhew. Doch dann erzählt er, wie bei einer Flugreise ein Mitreisender kollabierte. Der Patient habe so unglücklich am Boden gelegen, dass er den Puls nicht richtig fühlen konnte. Also legte Rhew ihm seine Smartwatch an und gab dem Piloten angesichts eines regelmäßigen Pulses um die 70 Entwarnung: Der Flieger musste nicht notlanden. „Manchmal reicht auch die ungefähre Info: Der Puls war regelmäßig und nicht unter 40 oder über 130“, sagt er.

Nur der Einsatz einer smarten Toilette ist hoch umstritten. „Es wäre natürlich toll, diese Daten zu haben“, sagt der Arzt Ian Tong, „Urindaten liefern viele wertvolle Informationen, und auch die Frequenz ist ein wichtiger Indikator.“ Auch Rhew von Samsung stimmt zu: „Wir haben in der Tat schon darüber nachgedacht.“ Doch noch hat Samsung keine smarte Toilette entwickelt. Eri Gentry vom Institute of the Future aus Palo Alto weiß warum: „Wir haben Nutzern von dieser tollen Idee berichtet“, sagt sie mit ironischem Unterton, „doch niemand wollte sie auch nur ausprobieren.“ Zu Recht, findet sie: „Das ist maximale Überwachung.“ Die Medizintechnik wird wohl damit leben müssen, dass auch in Zukunft wertvolle Daten in die Kanalisation gespült werden.