Christbäume im Rems-Murr-Kreis Das Nischenprodukt Miet-Tanne

In den Wochen vor Weihnachten haben die Christbaumverkäufer viel zu tun. Foto: Gottfried Stoppel
In den Wochen vor Weihnachten haben die Christbaumverkäufer viel zu tun. Foto: Gottfried Stoppel

Alle Jahre wieder: bittet die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) die Menschen, heimische Christbäume in die gute Stube zu stellen. Eine Stippvisite bei einem Erzeuger in Alfdorf.

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Alfdorf - Wie sich das wohl anfühlen würde, wenn man mal Christbaum wäre? Man wächst und gedeiht auf einer idyllisch am Waldrand gelegenen Kultur, wird gehegt und gepflegt. Und dann, nach vielen Jahren, kommen kurz vor Weihnachten Männer mit großen Sägen. Dann steht man nicht mehr auf einer Wiese, sondern zum Verkauf. Zum Beispiel bei dem Landwirt René Schwarz mitten in Alfdorf. Und dann kommt die Kundschaft, wie an diesem kalten Dezembertag, an den die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) fast in Kompaniestärke bei ihrem traditionellen Pressetermin für den Kauf von heimischen Bäumen wirbt. Der Vorsitzende der SDW-Rems-Murr, Gerhard Strobel, preist „die Bäumen der kurzen Wege“, Tannen, die nicht über viele hundert Kilometer herangekarrt werden müssten.

Oft streiten sich Ehepaare, die gemeinsam einen Baum kaufen wollen. Jeder will den schönsten Baum haben – nur: welcher ist der schönste? Männer wie René Schwarz können die tollsten vorweihnachtlichen Geschichten erzählen. Manche Kunden schnappten sich den erst besten Baum. Andere begutachteten jede einzelne Tanne und jede Fichte – und haben mitunter nach zwei Stunden immer noch keine Wahl getroffen. Die drei Wochen vor Weihnachten, sagt René Schwarz, seien die stressigsten im ganzen Jahr.

Etwa 90 Prozent sind Nordmanntannen

Der Landwirt ist vor rund zehn Jahren in das Geschäft mit Weihnachtsbäumen eingesteigen – und dieses Geschäft brummt. Mittlerweile, sagt der 36-jährige Familienvater, „vermarkten wir jährlich 1000 bis 1500 Bäume“, rund 90 Prozent davon sind Nordmanntannen, etwa zehn Prozent Fichten. Die Familie verkauft die allermeisten Bäume in Alfdorf, in Lorch-Bruck sowie auf einem Bauernhof bei Ulm. Knapp zwei Dutzend Tannen werden indes auch vermietet, erklärt Schwarz und grinst. Vermietet? Wie – bitte schön – geht das denn?

Ein großes Unternehmen aus der Region habe angefragt, ob es wohl möglich sei, für die Weihnachtsfeier des Betriebs am kommenden Freitagabend knapp zwei Dutzend Christbäume zu borgen, am nächsten Morgen seien die Tannen ausgebraucht. Schwarz wird die Bäume dann wieder abholen – und verkaufen. Ob er auch anderen Kunden seine Bäume vermiete? Klar, sagt Schwarz sinngemäß – die Tannen müssten aber vor Weihnachten zurückgebracht werden. Das kommt für die meisten Privatkunden ganz bestimmt nicht in Frage. Der Mietbaum-Service dürfte also ein Nischengeschäft bleiben.

Schafe als „Öko-Rasenmäher“

Der SDW-Mann Strobel, einst Bürgermeister der waldreichen Stadt Murrhardt, schwärmt vom Christbaumkauf vor Ort im Schwäbischen Wald. Er habe gehört, dass es mittlerweile sogar Bäume zum Aufblasen gebe: „So etwas lehnen wird ab.“ Schwarz erzählt, dass sein Betrieb größtenteils von der Schweinemast lebe. Auf dem Hof gibt es aber auch rund ein Dutzend Shropshire Schafe. Diese Schafrasse aus England sei die einzige, die Nadelbäume nicht fresse. Deshalb eigneten sich diese Tiere sehr gut als „Öko-Rasenmäher“, so Schwarz.

Nach gut einer halben Stunde haben die Mitglieder der SDW-Besuchergruppe ihre Bäumchen ausgewählt – es gab übrigens keinen Streit. Der Alfdorfer Bürgermeister Michael Segan erzählt, dass der Christbaum seiner Familie länger stehen bleibe. Dieser werde erst zu Maria Lichtmess entsorgt, am 2. Februar. Wenn man tatsächlich mal Christbaum sein dürfte, dann vielleicht jener in der guten Stube der Segans.




Unsere Empfehlung für Sie