Clubs in Stuttgart Die Tanzflächen sind wieder geöffnet – So lief die erste Clubnacht

Die Tanzfläche in der Boa war gut gefüllt. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Clubs in Stuttgart dürfen seit Mittwoch wieder öffnen. Wir haben Boa und Mica in ihrer ersten Nacht seit den monatelangen Schließungen besucht – trotz des Elefanten im Raum: Krieg in Europa.

Esslingen: Sebastian Xanke (xan)

Stuttgart - „Cordula Grüüün, Cordula Grüüün, Cordula Grüüün, ich hab dich, ich hab dich, ich hab dich“, der DJ lässt die Musik aussetzen. Pinkfarbenes und rotes Licht blinkt durch weiße Rauchschwaden. Junge Erwachsene stehen schwitzend dicht an dicht, heben die Hände und grölen in die Stille: „Cordula Grüüün“. Die Musik geht weiter und resoniert in den Körpern. Wir befinden uns in der Boa, dem Stuttgarter Club-Urgestein schlechthin. Donnerstag, 23 Uhr.

 

Der Boden hat eine türkise Farbe, ist gesprenkelt mit Glitzer und bevölkert von vornehmlich weißen Sneakern. Ein Paar davon gehört Daniel: blaue Jeans, schwarzes Shirt, leichter, modischer Bart und ebenso leicht, modisch tätowierte Arme. Der 31-Jährige steht mit Freunden an einem Tisch am Rand der Tanzfläche. „Das ist so schön zu sehen“, sagt er, blickt in Richtung der Tanzenden und schiebt hinterher: „Aber es kommt einem schon noch komisch vor. Man hat so verinnerlicht, dass jeder eine Maske tragen muss und eine mögliche Gefahr ist.“

Nur wenige Clubs öffnen schnell

Die Coronapandemie hat Spuren hinterlassen. Vor allem bei den Jungen. Seit Mittwoch dürfen die Clubs in Baden-Württemberg unter besonders strengen Auflagen wieder öffnen. Die Regel: 2G plus. Im Klartext: Gäste müssen geimpft oder genesen sein und zusätzlich einen negativen Schnelltest vorzeigen. Eine Maskenpflicht gilt weder auf der Tanzfläche, noch wenn etwas getrunken wird.

Dass sie nach monatelangen Schließungen wieder öffnen dürfen, haben die Clubbetreiberinnen und Clubbetreiber Anfang der Woche erfahren. „Das ist sehr kurzfristig“, bemängelt Colyn Heinze vom Club-Kollektiv, dem Interessenverband der Club- und Live-Entertainmentszene in der Region Stuttgart. Zwar sei man für die Öffnungen dankbar, das Resultat sei aber, dass weniger als die Hälfte der Clubs in der Landeshauptstadt tatsächlich zum Wochenende schon öffnen könnten. DJs, Türsteher: Vieles müsse in den kommenden Wochen erst wieder mobilisiert und organisiert werden, sagt Heinze.

„Es wirkt so ... wunderbar“

„We are hiring“, steht am Donnerstag in der Instagram-Story vom Mica in Stuttgart. Trotzdem ist der Club einer der ersten, der wieder geöffnet hat. Woran das liegt? „Gott sei Dank haben wir unser ganzes Team noch“, sagt Chef Benjamin Rossaro. „Wir haben eigentlich nur auf den Start gewartet. Wenn wir aufmachen dürfen, machen wir auf.“ Rossaro sitzt in einem Hinterzimmer des Mica, durch die Türen dröhnt die Musik aus dem Hauptraum.

Das Durchschnittsalter hier ist deutlich jünger als in der Boa. Punkt 22 Uhr, als der Club öffnet, steht eine lange Schlange Teenager vor der Tür und vor der eigenen Mica-Teststation. Jetzt sind sie drin und tanzen Schulter an Schulter unter dem orange-weiß flackernden Licht. An der Bar sitzen Laura, Bella und Sarah – alle 18 Jahre alt, betont Laura mit gewichtigem Blick. Es folgt, was wahrscheinlich niemand so wirklich vermisst hat: Die Musik ballert, fürs Sprechen ist halbes Schreien angesagt. Die Konversation wird damit aber ohne Frage lustiger.

Alle drei waren das letzte Mal im vergangenen Sommer in einem Club. „Es ist so schön, dass es wieder aufhat. Es wirkt so … wunderbar“, sagt Bella und zeichnet mit ihren Händen einen Regenbogen – dann beginnt sie zu lachen. Unbeschwertheit. Das ist das Gefühl, das durch die Luft wabert und das hier jeder spürt.

Der Elefant im Raum

Was eigentlich Grund zur puren Freude wäre, ist an diesem Donnerstag getrübt. Noch wenige Stunden vor dem Neustart der Clubs erreichen Deutschland immer neue Meldungen zu Russlands Angriff auf die Ukraine. Wer am Abend beim Gang durch die Stuttgarter Fußgängerzone die Ohren spitzte, wusste spätestens dann, dass das auch hier die Menschen beschäftigt. Vor einem Kiosk stehen zwei ältere Männer vornübergebeugt über ein Handy. Ein einzelner Gesprächsfetzen weht der Wind im Vorbeigehen heran: „Sind das russische Panzer?“

Ein paar Minuten weiter ist eine karnevalesk gekleidete Gruppe auf dem Weg zur Boa. Augenscheinlich schon leicht angetrunken, sind die jungen Frauen und Männer gut gelaunt. Ein Paar läuft zügigen Schrittes an ihnen vorbei und raunt: „Ist nicht deren Ernst.“ Nein, zum Feiern ist nicht jedem zumute.

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Eine Absage der Veranstaltungen kam aber weder für Mica-Chef Rossaro noch für Boa-Boss Rainer Frankfurth infrage. „Das wäre zu kurzfristig gewesen“, sagt Frankfurth. Und: „Zwei Tage lang haben wir für die Öffnung geworben.“ Eine Absage sei einfach nicht möglich gewesen. „Wie lange hätten wir auch warten sollen?“, fügt Rossaro hinzu. Der Krieg ende ja nicht schon am nächsten Tag.

Was ist mit den Masken?

Vielleicht ist es auch eine willkommene Ablenkung für die Menschen, die den Tag über nur schlechte Nachrichten abbekommen haben. In den Clubräumen ist von den weltpolitischen Entwicklungen jedenfalls nichts zu spüren. Wer tanzt und mit Freunden spricht, vergisst die Sorgen dieser Welt. Das liegt, wie deutlich zu spüren ist, mit an der speziellen Maskenregelung für Clubs. Erinnerung: Masken müssen nur dann getragen werden, wenn weder getanzt noch getrunken wird. Benjamin Rossaro bringt die Situation in den Clubs diesbezüglich auf den Punkt. „Bei uns wird überall getanzt und gesoffen – auch auf dem Weg zum Klo“, sagt er und: „Das ist kein Witz. Das ist so.“

Tatsächlich sieht man sowohl in der Boa als auch im Mica kaum Masken im Gesicht. Immer wieder weist das Personal der Clubs zwar auf die Regeln hin – und das wirkt auch. Doch sobald jemand ein Getränk in der Nähe stehen hat, ist jegliche Argumentationsgrundlage dahin.

Es ist eine merkwürdige Regel, die das baden-württembergische Gesundheitsministerium auf Nachfrage wie folgt verteidigt: Die Maskenpflicht gelte nicht, „sofern das Tragen im Einzelfall aus gewichtigen Gründen nicht möglich oder unzumutbar ist“. Eine Unzumutbarkeit sei es in der Regel etwa dann, „wenn sich eine Person körperlich betätigt und aufgrund der höheren Atemfrequenz das dauerhafte Tragen während der Aktivität als unverhältnismäßige Belastung erscheint“. Die Maske auf der Tanzfläche darf damit fallen. Davon abgesehen, müsse sie aber etwa „beim Anstehen in der Schlange an der Bar oder beim Betreten und Verlassen der Einrichtung“ getragen werden, heißt es vom Ministerium.

2G+ gibt Sicherheit

So wenig praktikabel die Maskenregelung in diesem Fall ist, so viel Sicherheit bietet dagegen die 2G-plus-Bestimmung für Clubs. In der Boa steht Lisa neben Daniel (der mit den weißen Sneakern vom Anfang). Die blonde 23-Jährige ist seit zwei Jahren in keinem Club mehr gewesen. „Es war mir zu gefährlich, mich anzustecken“, sagt sie. Jetzt, da in dem Raum alle geimpft oder genesen und dazu getestet seien, fühle sie sich sicher.

Vor der Boa kontrollieren Türsteher die Vorgaben genau. Wer nur geimpft ist, aber keinen Test hat, wird unter anderem von Janni abgewiesen. Schwarze Jacke, kräftige Figur, sein schwarzes Barthaar ist durchdrungen von Weiß. Seit 30 Jahren ist er Türsteher in Stuttgart. „Manche vergessen, dass sie noch einen Test machen müssen, die schicken wir dann wieder weg“, sagt der 52-Jährige mit ruhiger, tiefer Stimme. „Aber die Leute sind entspannt.“

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Mit den Besucherzahlen sind die Chefs der beiden Clubs an diesem Abend zufrieden – am Wochenende sei das Mica sogar ausgebucht, sagt Rossaro. Einen Anfang für das neu aufflammende Clubleben in Stuttgart machte der Donnerstag. Wie lange es diesmal andauert, bleibt abzuwarten.

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