Clubs öffnen unter Corona-Bedingungen Erst Zögern, dann Jubelschreie im Ravensburger Club

Dutzende Menschen warten vor dem Club Kantine, um nach einem Corona-Test in den Club zu dürfen Foto: dpa/Felix Kästle 6 Bilder
Dutzende Menschen warten vor dem Club Kantine, um nach einem Corona-Test in den Club zu dürfen Foto: dpa/Felix Kästle

Nach 15 Monaten Corona-Pause dürfen Hunderte Menschen in zwei Ravensburger Clubs erstmals wieder frei tanzen. Für einige Gäste ist die neue Normalität gewöhnungsbedürftig. Das nächtliche Modellprojekt soll bei weiteren Club-Öffnungen helfen.

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Ravensburg - Es ist 23.15 Uhr, der DJ im Ravensburger Club „Kantine“ schiebt die Lautstärkeregler nach oben - und die Menge drängt mit Jubelschreien auf die Tanzfläche. Mehr als eine Stunde hat es gedauert, bis ein Großteil der Besucher in diesem Moment wagt, was im Land monatelang verboten war: Tanzen ohne Abstand und ohne Maske. Doch am Freitagabend ist das ausdrücklich erlaubt - die „Kantine“ ist Teil eines von der Landesregierung genehmigten Modellprojekts zur Öffnung von Clubs im Südwesten.

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„Man weiß gar nicht, wie man sich da am besten verhalten soll - nach eineinhalb Jahren“, sagt Besucherin Jasmine. So wie ihr scheint es zunächst auch vielen anderen Club-Gästen zu gehen: Die meisten versammeln sich am Freitagabend erst einmal um die Stehtische im Außenbereich der Diskothek statt auf der Tanzfläche.

Die Wiedersehensfreude ist groß

Club-Betreiber René Minner überrascht das nicht. „Ich glaube schon, dass die Leute ein bisschen zögern, da muss man sich rantesten“, sagt der 38-Jährige. „Diese japanische Distanz ist inzwischen ziemlich eingeimpft.“ Doch das Interesse am Feiern ist groß: Alle 450 Tickets für den Auftakt am Freitagabend in der „Kantine“ sind verkauft. Auch beim Ravensburger Rave-Club „Douala“, ebenfalls Teil des Modellprojekts, sind alle 250 Online-Karten vergriffen.

„Wir haben gar nicht geschaut, welche Musik läuft“, sagt Besucherin Silvia Pleghar. Das sei egal gewesen, Hauptsache man könne mal wieder feiern. „Viele Leute trifft man nur beim Weggehen, das hat die ganzen Monate gefehlt“, sagt die 22-Jährige. Auch neue Leute im Club kennenzulernen habe sie vermisst. Die Wiedersehensfreude ist auch bei anderen Gästen groß: Umarmungen, Küsschen und kleine Tänze gehören zu den Begrüßungsritualen im Eingangsbereich.

Gäste müssen sich nach dem Besuch testen lassen

Wie lang das Experiment in Ravensburg laufen darf, hängt vor allem davon ab, wie viele der Gäste sich an die Pflicht zum Nachtest halten. Die Quote müsse bei mindestens 80 Prozent liegen, sagt Club-Betreiber Minner. Sonst werde das bis 24. Juli angesetzte Modellprojekt vorzeitig abgebrochen: „Das macht mir am meisten Sorgen.“ Als zusätzlichen Anreiz müssen die Gäste deshalb ein „Testpfand“ von 30 Euro auf den Eintrittspreis drauflegen, das Geld bekommen sie nur bei einem Nachtest zurück. Die Auswertung des Infektionsgeschehens liegt dann beim Gesundheitsamt in Ravensburg.

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Beim Modellprojekt sollen aber auch andere Erkenntnisse gewonnen werden. Die Hochschule Ravensburg-Weingarten befragt die Gäste online unter anderem dazu, wie sicher sie sich mit den Vorsichtsmaßnahmen fühlten und wie überzeugt sie von dieser Art von Cluböffnung sind. Eine Privatfirma werde zudem messen, wie sich Aerosole beim abstandslosen Feiern in Clubs verteilen, sagt „Kantine“-Betreiber Minner. „Die Firma hat aber gesagt, sie schafft es dieses Wochenende noch nicht.“

Cluböffnungen werden wissenschaftlich begleitet

Das gleiche Unternehmen soll auch am Sonntag bei einer Open-Air-Feier in Mannheim die Verbreitung von Aerosolen messen - ebenfalls als Teil eines vom Land genehmigten Modellprojekts. Die mit 500 Tickets ausverkaufte Veranstaltung im „Hafen49“ findet allerdings nur bei geeignetem Wetter statt.

Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung der Modellprojekte in Ravensburg und Mannheim könnten dem Sozialministeriums zufolge Grundlage für weitere Erleichterungen in der Clubszene sein - „sofern die Ergebnisse vielversprechend und weitere Öffnungen verantwortbar sind“. Konkrete Zielvorgaben gab es dabei zunächst nicht.

Am Freitagabend steht in der „Kantine“ jedoch erst einmal etwas anderes im Mittelpunkt: Tanzen ohne Einschränkungen. Wie groß die Sehnsucht danach ist, zeigt die Schlange junger Besucher am Eingang, die kurz vor Mitternacht einmal um den Parkplatz vor der „Kantine“ reicht. Zeit zum Feiern bleibt da aber noch genug. Schluss sei erst um 5 Uhr morgens, sagt René Minner.

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