CO2-Zertifikate Was ein indischer Damm mit Bietigheimer Erdgas zu tun hat
Gasversorger wie die Stadtwerke Bietigheim-Bissingen werben mit „klimaneutralem“ Erdgas und einem Wasserkraftwerk in Nordindien. Wer profitiert davon wirklich?
Gasversorger wie die Stadtwerke Bietigheim-Bissingen werben mit „klimaneutralem“ Erdgas und einem Wasserkraftwerk in Nordindien. Wer profitiert davon wirklich?
Wer trotz enormen Erdgasverbrauchs als „verantwortungsbewusstes Unternehmen einen wertvollen Beitrag zum Klimaschutz leisten“ möchte, muss laut den Stadtwerken Bietigheim-Bissingen nur in den für Unternehmen zugeschnittenen Tarif „Eco Cleangas“ wechseln. So schreibt es der Energieversorger auf seiner Website – einschließlich „Tüv“- und „Öko Plus“-Label.
„Klimaneutral“ soll das hier verbrannte Erdgas sein, weil ein Wasserkraftwerk in Nordindien Emissionen einspart. Dieses Muster nennt sich CO2 -Kompensation, es steckt hinter den meisten Klimalabels. Über den Anbieter des „Öko Plus“-Labels beziehen die Stadtwerke Bietigheim-Bissingen Klimaschutzzertifikate aus Indien – als Ausgleich für die Verschmutzung, die durch das Verbrennen des Gases entsteht, im Schnitt für rund 370 Tonnen CO2 pro Jahr. Die mittlerweile geschlossene Erdgastankstelle der Bietigheimer Stadtwerke wurde so „klimaneutral gestellt“, wie es im Fachjargon heißt.
Recherchen unserer Zeitung mit „Correctiv Lokal“ legen allerdings den Verdacht nahe, dass es sich dabei um leere Versprechungen handeln könnte – so wie bei 115 weiteren Gasversorgern. An diesem Dienstag werden die Ergebnisse bundesweit veröffentlicht, parallel dazu verschickt die Deutsche Umwelthilfe eine erste Welle von Abmahnungen gegen die Werbung mit „klimaneutralem“ Gas. Kritiker bemängeln, dass solche Projekte mehr Klimaschutz versprechen, als sie tatsächlich halten könnten.
Die Stadtwerke Bietigheim-Bissingen verweisen auf das Wasserkraftwerk „Malana“ im nordindischen Bundesstaat Himachal Pradesh wie auch das Überlinger Stadtwerk am See und gut zwei Dutzend andere Versorger. Hiesige CO2-Emissionen kann das indische Kraftwerk nur dann glaubhaft ausgleichen, wenn es in Indien welche einspart. Das bezweifeln Kritiker. Die Betreiberfirma – ein Joint Venture der norwegischen Statkraft und der indischen Bhilwara Energy – schreibt im Zertifikateregister Verra, dass ohne ihr Wasserkraftwerk die in Indien benötigte Energie aus Kohlekraftwerken kommen würde. Wegen finanzieller Risiken hätte es nur mit zusätzlichen Einnahmen aus dem Verkauf der Klimaschutzzertifikate für Hunderttausende Tonnen CO2-Emissionen gebaut werden können – das ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass das auf diese Weise „eingesparte“ CO2 als Zertifikat etwa nach Deutschland verkauft werden darf.
Er halte diese „Zusätzlichkeit“ für „äußerst unwahrscheinlich“, sagt Umweltökonom Benedict Probst vom Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb. Was in den öffentlich einsehbaren Unterlagen stehe, sei „selbst für diese Art von Projekt sehr dünn“. Er hält es nicht für glaubwürdig, dass das Kraftwerk nur wegen der erwarteten Einnahmen aus dem Verkauf der Klimaschutzzertifikate gebaut wurde.
Die Betreiberfirma spricht von 70 Millionen Dollar Kosten für das 2001 eingeweihte Kraftwerk. Mit den Zertifikaten „verdient sie in zehn Jahren nicht mehr als einige Millionen Dollar“, sagt Probst. Zumal diese Einnahmen wegen schwankender Preise für die Zertifikate „bei der Finanzierungsentscheidung nicht berücksichtigt werden“.
Die Betreiberfirmen antworteten nicht auf die Anfrage, wie sich die Einnahmen aus dem Kraftwerk zusammensetzen und ob der Verkauf von Klimaschutzzertifikaten für die Wirtschaftlichkeit des Projekts entscheidend ist. Dennoch steht Aussage gegen Aussage.
Hiesige Verbraucher bekommen solche Details oft nicht mit, sondern sehen eher Labels wie „Öko Plus“, das der Zertifikatehändler Bischoff & Ditze vergibt. Die Zertifikate „sollen lediglich die letzten, nicht zu vermeidenden Emissionen kompensieren“, sagt deren Geschäftsführerin Julia Pösl. Im Fall der Gasversorger entstehen diese „letzten“ Emissionen beim Verbrennen des Hauptprodukts Gas. Umso wertvoller erscheinen daher das mitgekaufte Logo der Prüfer vom Tüv und die Werbebroschüre. Sie schwärmt vom „innovativen Design“ des Wasserkraftwerks Malana; zudem diene es der „Schaffung und Erhaltung einer sicheren und sauberen Umwelt“.
In Indien gibt es Menschen, die das anders sehen. Die Anlage besteht aus einem kleinen Staudamm. Das Wasser schießt durch ein in den Berg gegrabenes Rohr ins Tal. Damm und Rohr leckten mehrmals, das Wasser strömte unkontrolliert bergab. Die Zeitung „Divya Himachal“ berichtete 2003, die Dorfbewohner fühlten sich von den Betreibern „extrem betrogen“. Zudem wurde die Firma beschuldigt, 1400 Bäume illegal für das Projekt gefällt zu haben. Der Damm hat dem Malana-Fluss Wasser abgegraben, auf etwa fünf Kilometern wurde ins Ökosystem eingegriffen.
„Solche Wasserkraftwerke haben keinen Wert für die örtliche Bevölkerung und belasten das Ökosystem“, sagt der indische Klimajournalist Jitendra Choubey. Auch Umweltschützer und Wasserexperte Himanshu Thakkar ist skeptisch: „Von dem Wasserkraftwerk profitieren private Firmen auf Kosten der Menschen und Umwelt. Solche Projekte gibt es nicht wegen ihres angeblichen Beitrags zum Klimaschutz.“
Die Stadtwerke Bietigheim-Bissingen bezeichnen das Kraftwerk auf Anfrage als „hochwertiges Klimaschutzprojekt“, das „konkret die Lebensqualität der überwiegend in Armut lebenden Bevölkerung vor Ort verbessert“. Tatsächlich wurde unter anderem eine Schule gebaut. Die 350 Gigawattstunden Strom, die das Wasserkraftwerk Malana pro Jahr erzeugt, helfen, Indiens Energiehunger zu stillen. Ob sie den Kunden der Stadtwerke helfen, ihre Klimabilanz wirklich zu verbessern?
Vor einer Abmahnung hat der Versorger keine Angst. „Wir sind überzeugt, dass die Maßnahmen für den Klimaschutz einen wirksamen Beitrag leisten.“ Man wolle diese Woche sogar ein weiteres Projekt bekannt geben.
Kompensation
Die Werbung mit „klimaneutralem“ Gas in Deutschland basiert oft auf Projekten, die andernorts gestartet wurden, um CO2 einzusparen. Die so verrechneten Emissionen werden in öffentlichen Datenbanken eingetragen. Dort hat das Lokaljournalismusnetzwerk Correctiv.Lokal mit Wissenschaftlern die Aktivitäten von rund 150 deutschen Gasversorgern untersucht. Bei 115 davon haben die Projekte „mit sehr großer Wahrscheinlichkeit kein oder weniger CO2 reduziert oder gespeichert als von den Projektentwicklern berechnet“, so das Netzwerk.
Kooperation
Diese Recherche ist Teil einer Kooperation mit Correctiv.Lokal. Das Netzwerk recherchiert zu verschiedenen Themen, darunter in einem Schwerpunkt über die Klimakrise. Weitere Infos unter correctiv.org/klima