Krimikolumne

Cormac McCarthy: „Ein Kind Gottes“ Trauerfeier mit Chickenshit-Blues

Ein Glück für den deutschen Buchmarkt: Rowohlt setzt die Cormac-McCarthy-Ära fort. Foto: dpa
Ein Glück für den deutschen Buchmarkt: Rowohlt setzt die Cormac-McCarthy-Ära fort. Foto: dpa

Der 1933 geborene Autor Cormac McCarthy ist längst ein Klassiker. Aber schon mit Ende 30 hat er den großen, zurückgelehnten, drastischen Ton beherrscht, der den Amerikaner weit über viele seiner Kollegen heraushebt – nachzulesen im „Kind Gottes“, jetzt endlich auf Deutsch erschienen.

Lokales: Hans Jörg Wangner (hwe)

Stuttgart - Der Kerl ist ein Monster. Ein asoziales, nekrophiles, mörderisches Monster. Ein Hinterwäldler der übelsten Sorte, für den das Gewehr in der Hand so selbstverständlich ist wie für den Vorderwäldler die Armbanduhr am Handgelenk. Und dennoch gelingt Cormac McCarthy in seinem kurzen Roman „Ein Kind Gottes“ mit diesem Geschöpf ein erstaunliches Kunststück: Sein Lester Ballard ist alles andere als eine unsympathische Figur. Sondern ein tragischer Held, mit dessen Schicksal man mitfiebert.

Das Buch ist nicht neu: bereits 1973 hat der Autor das amerikanische Original unter dem Titel „A Child of God“ veröffentlicht. Laut Klappentext ist es seither eine Million mal verkauft worden – nur nicht auf Deutsch. Doch diese Lücke schließen jetzt der Übersetzer Nikolaus Stingl und der Rowohlt Verlag.

Die Geschichte Lester Ballards ist schnell erzählt: vom Schicksal ohnehin nicht verwöhnt, wird er zunehmend zum Einzelgänger, nachdem er bei der Zwangsversteigerung seiner elterlichen Farm gewalttätig geworden ist. Er haust in den Wäldern Tennesses, hat nur wenige sogenannte soziale Kontakte und kommt vollends auf die schiefe Ebene, als er seine nekrophilen Neigungen entdeckt – und nach recht kurzer Zeit selbst für Nachschub sorgt. Von der Polizei gestellt, flieht er mit Erfolg in eine Höhle (ein Motiv, das, bewusst oder unbewusst, James Lee Burke Jahrzehnte später in seinen „Regengöttern“ ebenfalls verwendete).

Herausragend neben der Hauptgeschichte sind zwei weitere Momente des Buches: die in quasidokumentarischem Ton eingestreuten Berichte von Bekannten Ballards (gerade hier trifft der Übersetzer den Ton, ohne sich auf die Krücke eines Pseudoslangs stützen zu müssen). Und der Humor, der stellenweise ziemlich rustikal daherkommt. Etwa in der Szene mit dem Sportschießen auf lebende Tauben. Oder die Sache mit dem Ochsengespann, das nicht von der Stelle will. Und nicht zuletzt ist da die Trauerfeier, die musikalisch mit dem Chickenshit-Blues bereichert wird.

Cormac McCarthy: „Ein Kind Gottes“. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2014. 192 Seiten, Paperback. 12,99 Euro. Auch als E-Book, 10,99 Euro.

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