Stuttgart - Die Coronapandemie hat das Schuljahr 2020/21 stark zerstückelt. Wird es nach den Sommerferien besser? Äußerungen des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn, dass Familien sich im Herbst erneut auf Wechselunterricht einstellen müssten, verunsichern Familien. Dabei gibt es längst wissenschaftlichen Rat, wie Präsenzunterricht im Herbst auch bei steigenden Infektionszahlen möglich ist.
Wie entwickeln sich die Infektionszahlen an Kitas und Schulen?
Die Delta-Variante führt zu steigenden Infektionszahlen im Vereinigten Königreich, Portugal oder Israel – vor allem unter Ungeimpften. Hierzulande zählen die meisten Kinder und Jugendlichen zu den Ungeimpften. Das Robert-Koch-Institut meldete, dass Delta hierzulande mittlerweile dominiert. Aktuell führt das noch nicht zu steigenden Infektionszahlen. Die 7-Tage-Inzidenz bleibt mit rund fünf bestätigten Infektionen je 100 000 Einwohnern niedrig. Bei Jüngeren beträgt die Inzidenz etwa 10.
Was passiert in den Schulen, wenn es im Herbst wieder mehr Infektionen gibt?
Vergangenes Jahr wurden Schulen nach langem Hin und Her und regional unterschiedlichen Regelungen Mitte Dezember bundesweit geschlossen, Kitas gingen in den Notbetrieb – so blieb es über Monate. Das soll dieses Jahr verhindert werden. Mögliche Maßnahmen sind in der von Experten aus 36 Fachverbänden und Organisationen sowie Eltern-, Schüler- und Lehrervertretern erarbeiteten S3-Leitlinie aufgeführt. Zwar wurden die Leitlinien schon im Februar mit dem Ziel vorgestellt, Schulöffnungen zu begleiten. Doch sie sei „nach wie vor eine gültige und praxisnahe Hilfe“, sagt Eva Rehfuess. Die Leiterin des Lehrstuhls für Public Health an der Ludwig-Maximilians-Universität München hat maßgeblich an der Leitlinie mitgewirkt. „Die Schließung von Schulen sollte auch in Pandemiezeiten nur als letzte Option erwogen werden“, heißt es.
Welche Maßnahmen wirken?
Die Leitlinie empfiehlt unterschiedliche Maßnahmen je nach Infektionsgeschehen. Sie nennt explizit keine konkreten Inzidenzwerte, sondern sieht nur vier Stufen von „geringem“ bis „sehr hohem“ Infektionsgeschehen vor. Für alle Szenarien wird empfohlen, Schüler mit Fieber, Husten und anderen Covid-Symptomen nicht in die Schule zu lassen, ebenso die bereits praktizierten Regeln für Lüften und die Quarantänepflicht für Kontaktpersonen von Infizierten sowie zumindest einfache Masken auch im Unterricht. Kohortenbildung, also das weitere Aufteilen und räumliche Separieren von Klassen, Wechselunterricht sowie Masken auch auf dem Schulweg werden erst bei hohem Infektionsgeschehen empfohlen. Luftfilter werden nur als Ergänzung verstanden.
Es wird betont, dass für die meisten Maßnahmen der exakte Einfluss auf Ansteckungsrisiko und Infektionszahlen bislang wissenschaftlich kaum gesichert ist. Trotzdem halten die 36 Fachverbände und Organisationen die Maßnahmen für wichtig. Allerdings „reichen Einzelmaßnahmen nicht aus, sondern die Maßnahmen müssen im Paket umgesetzt werden“, sagte Eva Rehfuess in einem Expertengespräch am Donnerstag.
Wird nach den Ferien weiter getestet?
In der Leitlinie findet sich kein Wort zum Testen. Tests gelten als ein Mittel, um Infizierte früh zu erkennen und weitere Infektionen im Klassenzimmer zu verhindern. Empfehlungen sollen im Herbst ergänzt werden. Schon jetzt liegen Erfahrungen zu Tests an Schulen und Kitas vor. In Nordrhein-Westfalen kommen seit Mai sogenannte Pooltests zum Einsatz. An Grundschulen wurden „Lollitests“ klassenweise gesammelt, ins Labor geschickt und dort eine Analyse für die ganze Klasse gemacht. Gibt es keinen Verdacht auf eine Infektion, kann auf Einzeltests verzichtet werden.
Da es sich bei den klassenweisen Tests um PCR-Tests handelt, ist die Genauigkeit höher als bei Selbsttests. Der Virologe Florian Klein von der Uniklinik Köln, der den Versuch begleitet hat, berichtet von einer hohen Akzeptanz unter Schülern. Allerdings entsteht zusätzlicher Aufwand beim Transport und in den Laboren. „Würde man das Verfahren deutschlandweit anwenden, käme man auf rund 450 000 Analysen pro Woche“, sagte er am Donnerstag.
Sollen Kinder geimpft werden?
Weil kaum Kinder an einer Covid-Erkrankung sterben und die Datenlage zu Nebenwirkungen dünn sei, sehe er „keinen wirklichen Grund, unsere Empfehlung zu ändern“, sagte der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens. Derzeit empfiehlt die Stiko den Biontech-Impfstoff nur für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren mit Vorerkrankungen. Zahlreiche Politikerinnen und Politiker fordern eine generelle Impfempfehlung. „Nicht alle gesunden Kinder müssen geimpft werden“, erwiderte Mertens.
Allerdings ist unklar, wie hoch das Risiko für Long-Covid ist, also langfristige Symptome nach einer Erkrankung. Der Anteil der Betroffenen „schwankt je nach Studie zwischen einem und zehn Prozent der infizierten Kinder und Jugendlichen“, sagte Rehfuess. Das sei aber „kein zwingender Grund, zu impfen. Wir wissen noch nicht genug.“
Was können Erwachsene beitragen?
Der Stiko-Chef Mertens unterstrich, dass möglichst viele Erwachsene geimpft werden sollen. Allerdings sei auch das „kein Ersatz für alle anderen Maßnahmen“. Eva Rehfuess kritisierte, dass weitgehende Öffnungsschritte etwa für Fußballstadien letztlich zulasten der Kinder gehen könnten: „Schulen sollten Priorität gegenüber Fußballstadien und Discos haben. Das sollten die politischen Entscheidungsträger unterstreichen.“