Corona-Krise in Stuttgart Wer hinter den Gabenzäunen steckt

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Innerhalb von wenigen Tagen haben die Stuttgarter mehrere Zäune in der Stadt zu sozialen Projekten umgewandelt. Menschen können dort Gegenstände für Bedürftige aufhängen, etwa Hygieneartikel, Kleider oder Lebensmittel. Das Angebot wird dankbar angenommen. Die Stadt übt dennoch Kritik.

Anastasia Lunev und Nicolas Krischker haben den Gabenzaun an der Paulinenbrücke initiiert. Foto: Lichtgut/Julian Rettig 6 Bilder
Anastasia Lunev und Nicolas Krischker haben den Gabenzaun an der Paulinenbrücke initiiert. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Als Anastasia Lunev sich am Samstag dem Gabenzaun unter der Paulinenbrücke nähert, staunt sie: „Wow, ist das leer! Gestern hingen hier noch richtig viele Sachen.“ Die 29-Jährige ist glücklich, das Konzept scheint aufzugehen: Stuttgarter, die ärmeren Menschen in der Corona-Krise etwas Gutes tun wollen, hängen Hygieneartikel, Kleider oder Lebensmittel an den Zaun. Und die Bedürftigen nehmen sich das mit, was sie gebrauchen können.

Das Paar wollte selbst aktiv werden

„Wir wollten gerne irgendwie helfen“, erläutert Nicolas Krischker (34), der Freund von Anastasia Lunev. „Wir haben deshalb bei diversen Organisationen nachgefragt – aber haben meist die Rückmeldung bekommen, dass es aktuell genügend Helfer oder nicht genügend Aufträge gebe.“ Seine Freundin hat dann auf Instagram entdeckt, dass es in anderen Städten bereits mehrere sogenannter Gabenzäune gebe – und zu diesem Zeitpunkt gab es das in Stuttgart noch nicht.

Weil das Paar unweit der Paulinenbrücke wohnt und dort tagtäglich sieht, wie viele Wohnungslose es auch in der reichen Landeshauptstadt gibt, entschlossen sie sich, den Zaun unter der Paulinenbrücke zum sozialen Projekt umzuwandeln. Das Paar durchforstete zunächst die eigenen Schränke, suchte Hygieneartikel sowie warme Kleidung heraus, beschriftete die Gegenstände und schrieb Infoplakate. Innerhalb von wenigen Stunden wurden es immer mehr Gegenstände, die an dem Zaun aufgehängt und auch wieder mitgenommen wurden.

Für die Bedürftigen fallen aktuell Einnahmen weg

Inzwischen gibt es mindestens vier Gabenzäune in Stuttgart: unter der Paulinenbrücke, am Marienplatz, am Bolzplatz hinter dem Züblin-Parkhaus sowie an der Ecke Neckarstraße/Metzstraße gegenüber vom Penny-Markt im Stuttgarter Osten. Tammo Schäfer (29) war derjenige, der den allerersten Gabenzaun in Stuttgart initiiert hat, nämlich jenen am Marienplatz: „Ich kannte die Idee schon länger aus anderen Städten.“

Die Ausbreitung des Coronavirus habe bei ihm den Ausschlag gegeben, nun endlich auch in Stuttgart einen Gabenzaun zu installieren. „Für die Bedürftigen brechen derzeit Einnahmen weg: Es sind weniger Leute in der Stadt unterwegs, die ihnen mal einen Euro zustecken. Und es gibt viel weniger Pfand zum Sammeln“, erläutert Tammo Schäfer. Und am Samstagmittag wird deutlich: Die Nachfrage ist da. Besonders Hygieneartikel und Lebensmittel scheinen gut anzukommen, ein Mann nimmt sich aber auch ein Kuscheltier in Gestalt eines Huhns mit.

Stadt hält die Aktion für „nicht zielführend“

Was die Initiatoren der Gabenzäune bedauern: dass die Stadt das Engagement der Stuttgarter nicht unterstützt. In einer Pressemitteilung hatte die Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann die Aktion als „nicht zielführend“ bezeichnet. Zwar sei es „toll zu sehen, dass sich so viele Stuttgarter für ihre Mitmenschen einsetzen möchten“, allerdings wisse man zumindest bei Lebensmittelspenden nicht, ob die Hygienestandards eingehalten, die Lebensmittel eventuell verdorben und die Empfänger dadurch gefährdet seien.“ Die Stadt setze deshalb lieber auf Einrichtungen für Wohnungslose, wo diese Mahlzeiten und Kleidung erhielten sowie duschen könnten. Zudem könnten Hilfsangebote direkt bei der Stadt unter 0711/21 68 85 88 oder an poststelle.corona-engagiert@stuttgart.de geschickt werden.

Nicolas Krischker versteht die Kritik, sagt aber auch: „Ich glaube, dass die Leute gut selbst entscheiden können, welche Lebensmittel noch gut sind.“ Zudem halte er es für wichtig, auch ganz unbürokratisch und anonym Hilfe anzubieten: „Viele Menschen schämen sich, öffentlich zuzugeben, dass sie bedürftig sind. Die wollen keine Einrichtung für Wohnungslose besuchen.“

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