Wolfgang Schweiger ist Professor an der Universität Hohenheim. Er forscht unter anderem zu Sozialen Medien und hat mögliche Antworten auf die Frage, warum besonders in der Pandemie viele Internetnutzer an Verschwörungserzählungen glauben.

Filderzeitung: Alexandra Kratz (atz)

Hohenheim - Herr Schweiger, warum glauben so viele Menschen an Halbwahrheiten und Lügen rund um Corona ?

Wir haben mit Corona eine Situation, die geprägt ist von einer großen Unsicherheit in der gesamten Gesellschaft. Wir wissen alle nicht genau, wie es weitergeht. Und das Ganze ist geprägt von einer starken Emotionalisierung. Das alles führt zu einem großen Bedürfnis nach Informationen und Antworten, und die meisten Menschen suchen auch im Netz danach. Nun hat in den letzten Jahren ein Teil der Bevölkerung das Vertrauen in die klassischen Medien verloren. Das betrifft je nach Studie und Art der Messung zwischen zehn und 30 Prozent der Deutschen. Solche Leute suchen verstärkt jenseits der klassischen journalistischen Medien. Nun findet man im Netz bekanntlich alles – von wahren Nachrichten, hellsichtigen Analysen und Forschungsergebnissen bis hin zu alternativen Medien, Halbwahrheiten, Lügen und Verschwörungserzählungen. Diese Vielfalt und Fülle an Inhalten ist zwar toll, aber sie überfordert uns alle. Denn wir wissen oft nicht, wer eigentlich die Quelle einer Aussage ist und welche Interessen dahinterstecken. Das ist ein ganz großes Problem im Internet: Dass es zu jeder Frage unendliche Informationen gibt, deren Glaubwürdigkeit und Wahrheitsgehalt man nur schwer beurteilen kann.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Was den Deutschen in Corona-Zeiten Sorge macht

Und was glaubt man dann?

Menschen haben die Neigung, Quellen und Informationen zu glauben, die ihre Einstellungen bestätigen. Und wenn man der Meinung ist, dass Corona doch gar nicht so schlimm ist und die Impfung gefährlich, dann wird man Quellen und deren Aussagen glauben, die genau das sagen.

Aber das war doch schon immer so. Daran hat sich also gar nichts geändert, egal ob ich die klassischen Medien nehme oder das Internet?

Das stimmt. Neu ist aber in den sozialen Medien, dass die dortigen Algorithmen einem noch passgenauer die Inhalte anzeigen, die die eigene Meinung bestätigen. Und dass das vom dortigen Freundes-Netzwerk weiter gespiegelt und verstärkt wird. Wir vertrauen im Netz nicht nur bevorzugt Quellen mit einer ähnlichen Meinung. Viele Menschen vertrauen auch bevorzugt Menschen, die ihnen ähnlich sind – unabhängig davon, wie kompetent und aufrichtig diese Menschen sind. Da haben Wissenschaftler und andere Experten oft einen schwierigen Stand. So kommt es, dass viele Menschen im Netz irgendwelche Videos von aufgebrachten Impfgegnern oder Krankenschwestern anschauen, und diesen mehr vertrauen als etwa Aussagen des Robert-Koch-Instituts. Der vermeintlich gesunde Menschenverstand ist in unserer überkomplexen Welt oft irreführend. Mitglieder des Pflegepersonals kennen zweifellos die Situation in ihrer Station. Wissenschaftler sind sie aber keine, und den Blick auf die Gesamtsituation in der Gesundheitsbranche haben sie in der Regel nicht.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Corona verschärft Personalmangel in Kliniken

Aber auch Experten haben zuweilen unterschiedliche Ansichten.

In der Bevölkerung und auch im Journalismus existiert oft der Irrglaube, ein einzelner Experte könnte genau die Wahrheit sagen. Aber das ist falsch. Kein seriöser Wissenschaftler käme auf die Idee, der Studie oder Aussage eines anderen Wissenschaftlers einfach so zu glauben. So funktioniert Wissenschaft nicht. In jedem Forschungsfeld erarbeiten Tausende von Menschen in ihren Studien einen so genannten Forschungsstand. Die herrschende Meinung zu einem Thema basiert also auf den Befunden unterschiedlichster Wissenschaftler und entwickelt sich ständig weiter. Wenn ein einzelner Wissenschaftler im Netz eine abweichende Meinung artikuliert, kann er das gerne tun, es bleibt aber Einzelmeinung. Das ist ein riesen Problem, weil eben Menschen im Netz die Aussagen einzelner Ärzte oder Wissenschaftler finden, die ihre Meinung oder ihr Weltbild bestätigen. Deshalb glauben sie: Der ist ja kompetent als Arzt oder Wissenschaftler, und dann wird es schon stimmen. Aber das ändert nichts daran, dass es eine Einzelmeinung bleibt. Erst wenn die Mehrheit aller Wissenschaftler und Studien zum selben Befund kommt, hat das Beweiskraft. Es ist wirklich ein Problem, dass man den Aussagen einzelner Wissenschaftler so großes Gewicht gibt. Hier ist auch Christian Drosten zu loben: Er spricht üblicherweise nicht als einzelner Wissenschaftler und äußert seine persönliche Meinung, sondern gibt den aktuellen Forschungsstand wieder.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Virologe Christian Drosten nimmt Impfskeptiker aufs Korn

Was macht einen gut informierten Bürger aus?

Dass er oder sie angemessen informiert ist über gesellschaftsrelevante Sachverhalte, um sie wirklich beurteilen zu können. Im Zusammenhang mit Corona ist hier ein Effekt interessant, den wir in der Wissenschaft Wissensillusion nennen. Er besagt, dass Menschen irrtümlich glauben, sie seien in einem Feld kompetent, weil sie im Internet und den sozialen Medien unzählige Quellen und Informationen gefunden haben. Tatsächlich sind aber die meisten von uns völlig überfordert, wenn es um medizinische Details, wissenschaftliche Statistiken oder um die Beurteilung von Wahrscheinlichkeiten geht. Hier kann es dann zum Dunning-Kruger-Effekt kommen: Je weniger man verstanden hat, desto besser informiert glaubt man zu sein. Das ist ja auch logisch, denn je mehr man von einer Sache weiß, desto bewusster werden einem die offenen Fragen und die eigenen Wissenslücken – und umgekehrt. Das scheint mir gerade unter manchen Impfgegnern ein Problem zu sein. Sie glauben, sie hätten alles verstanden, im Gegensatz zu den Schlafschafen der Mehrheitsgesellschaft, und werden immer selbstbewusster, lauter und aktiver im Netz. Tatsächlich sitzen sie aber falschen medizinischen Vorstellungen oder gar Verschwörungserzählungen auf.

Und wie desillusioniere ich diese Menschen?

Indem man sehr ruhig und sachlich mit ihnen darüber spricht. Ob es dann aber funktioniert, ist die andere Sache.

Was sind die Konsequenzen für die Gesellschaft?

So lange wir in dieser hoch emotionalisierten und unsicheren Zeit sind, werden wir die Probleme, die wir im Netz und darüber hinaus haben, nicht lösen können. Damit müssen wir jetzt einfach umgehen. Es bleibt aber zu hoffen, dass sich viele Gemüter wieder beruhigen, wenn die Coronakrise durchgestanden ist. Das ist zumindest meine Hoffnung. Einen Teil der Menschen, die den Glauben an Wissenschaft und Journalismus, Demokratie und rechtsstaatliche Institutionen verloren haben, wird man aber nicht mehr zurückholen können. Doch eine solche Minderheit gab es schon immer. Wir müssen nur dafür sorgen, dass sie nicht allzu groß wird.

Bekommen Impfgegner und Coronaleugner eine zu große Plattform in den Medien, so dass sie dadurch mehr und bedrohlicher wirken?

Tatsächlich unterliegt der Journalismus in seinem Bemühen, unterschiedliche Meinungen zu einem bestimmten Thema gleichermaßen darzustellen, der Gefahr einer False Balance. Wir kennen das bereits aus der Berichterstattung zur Klimakrise. In der Klimaforschung gibt es eine ganz klare herrschende Meinung; so gut wie kein echter Forscher zweifelt an der Stärke des menschengemachten Klimawandels. Wenn aber in den Medien immer wieder Skeptiker zu Wort kommen, kann beim Publikum der falsche Eindruck von zwei ähnlich starken Seiten entstehen. Und wir wissen wiederum aus der Forschung, dass die individuelle Meinungsbildung sehr stark von der Wahrnehmung des Meinungsklimas in der Gesellschaft abhängt. Diese Gefahr besteht auch in der Berichterstattung zum Umgang mit Corona: Je mehr die Medien über die Impfgegner berichten, desto größerer machen sie sie. Das heißt, erwecken sie den Eindruck, dass diese Minderheitsgruppe größer sei als sie tatsächlich ist. Das soll natürlich nicht heißen, dass die Medien bestimmte Positionen und Gruppen totschweigen sollen. Nichts ist wichtiger als eine ausgewogene Presse. Dennoch sollten Journalisten nicht über jedes Stöckchen springen und über jeden pseudo-medizinischen Quatsch und jede Verschwörungstheorie ausführlich berichten. Es muss allen klar sein, dass die Impfgegner zwar auch hörenswerte Argumente auf ihrer Seite haben, dass sie in Deutschland aber eindeutig in der Minderheit sind.

Zur Person

Wolfgang Schweiger
studierte Kommunikationswissenschaft, Politik und Rechtswissenschaft in München; dort hat auch seine Promotion und Habilitation abgelegt. Seit 2013 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft und Onlinekommunikation in Hohenheim.

Lesen Sie mehr zum Thema

Stuttgart-Plieningen Corona Uni Hohenheim