Coronavirus in Deutschland Gute Nachrichten sind nicht in Sicht
Weltweit warten die Menschen auf gute Nachrichten zum Virus. Aber die wird es so schnell nicht geben – nicht aus China, nicht aus Deutschland.
Weltweit warten die Menschen auf gute Nachrichten zum Virus. Aber die wird es so schnell nicht geben – nicht aus China, nicht aus Deutschland.
Stuttgart - Seine gute Nachricht vom Sonntag wollte Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) am Mittwoch nicht wiederholen. Kein Wort mehr in der Pressekonferenz, dass der Anstieg der Corona-Infektionen in Deutschland möglicherweise leicht zurückgehe. Es sei „im Moment früh, um solche Aussagen belastbar zu treffen“, so Wieler. Erst recht lasse sich nicht sagen, wann die Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Covid-19 wieder zurückgefahren werden könnten. Klar ist auch am Mittwoch nur: die Zahlen steigen, die Kurven schwenken wieder auf den exponentiellen Pfad ein.
Nicht, dass gute Nachrichten zur Pandemie ungern gesehen wären, wo sich wirtschaftliche Folgeschäden abzeichnen und im Home Office die ersten der Lagerkoller beschleicht. Dass Wieler ausgerechnet am Sonntag eine Abflachung erkennen wollte, musste mindestens jene verwundern, die aktuell die Datenlage verfolgen. Schließlich schrieb Wielers Institut auf der seiner Website, dass „am Wochenende nicht aus allen Ämtern Daten übermittelt wurden“.
Auch in Baden-Württemberg sind gute Nachrichten zum Virus Mangelware. „Unsere Virologen sagen, dass man Effekte frühestens Ende dieser oder Anfang nächster Woche sehen wird“, erklärt der Sprecher des Sozialministeriums, Markus Jox: „In diesen Tagen erkranken Leute, die noch vor einer Woche im Café saßen“ – also bevor Lokale geschlossen und Kontaktverbote verhängt wurden.
Menschen erkranken an Corona und sie sterben an Corona: In Italien rein rechnerisch fast jeder zehnte Infizierte, hierzulande nur einer von 200. Das liegt vermutlich daran, dass in Deutschland auch Infizierte mit mildem Krankheitsverlauf erfasst werden und nicht so viele alte Menschen erkrankt sind. Die meisten Covid-19-Todesopfer in Baden-Württemberg waren 80 Jahre oder älter. Bundesweit waren die Verstorbenen im Schnitt 81 Jahre alt.
Baden-Württemberg liegt mit dem Anteil der Infizierten bundesweit weiterhin auf Platz zwei hinter Hamburg. Bald wird einer von tausend Bürgern im Land angesteckt sein – laut offiziellen Zahlen. Wie aussagekräftig sind sie? Das Sozialministerium und das RKI, die die Daten von den örtlichen Gesundheitsämtern zusammentragen, weisen seit Beginn der Pandemie auf die mutmaßlich hohe Dunkelziffer hin. Außerdem können sie nur melden, was zuvor getestet wurde – mit einem Verzug von ein bis zwei Tagen.
Dass in Baden-Württemberg mehr getestet werde als anderswo, lässt sich nicht belegen – es gibt schlicht keine Daten dazu. Der Laborverband ALM meldete am Dienstag, bundesweit seien bislang 400 000 Corona-Tests durchgeführt worden; die deutschen Labore könnten täglich knapp 60 000 Proben testen. Allerdings zeichnet sich ab, dass das nicht ausreicht, um jeden Verdachtsfall zu testen.
Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß derzeit also niemand. Laut Wieler seien aber repräsentative Tests in Arbeit, mit deren Hilfe man die tatsächliche Infektionsrate abschätzen könne. Bis diese durchgeführt werden, sind die Daten seines Instituts sowie der Ministerien die einzige verlässliche Orientierung für das Coronavirus in Deutschland – auch, weil mittlerweile in der breiten Öffentlichkeit die absoluten Zahlen ins Verhältnis zur Bevölkerung gesetzt werden. Solche Infektions-, manche sagen: Erkennungsraten lassen sich zumindest einigermaßen vergleichen.
Diese Rate ist etwa in der Schweiz erschreckend hoch; am Dienstagabend waren in der Alpenrepublik relativ zur Bevölkerung mehr Menschen infiziert als in Italien. Das mag daran liegen, dass die Bundesregierung in dem föderal organisierten Land strenge Maßnahmen noch schwerer durchsetzen kann als etwa in Deutschland, an der Nähe zu Italien oder dass in der Schweiz relativ viele Corona-Tests stattfinden.
Dass selbst ein gut organisiertes Land wie die Schweiz dem Virus nicht gewachsen ist, macht dennoch stutzig. Für Länder etwa in Afrika, wo sich soziale Distanz kaum durchsetzen lässt, steht Schlimmes zu befürchten. „Da werden wir im Sommer Bilder sehen, die wir nur aus Kinofilmen kennen“, sagte der Virologe Christian Drosten vergangene Woche im Podcast von Jan Böhmermann und Olli Schulz, „so ein Ausbruch, der ungebremst läuft, den haben wir noch in keinem Land gesehen“.
Der weltweit erste große Corona-Ausbruch in China wurde deutlich gebremst. Auch wenn es Zweifel an den überaus niedrigen aus Peking gemeldeten Zahlen gibt: Mittlerweile liegt der Anteil der Infizierten in Europa weitaus höher als in China, ebenso die Zuwachsraten. Dennoch gehe er davon aus, dass die Zahl der Infizierten und Verstorbenen auch in China bald wieder ansteige, so Christian Drosten. Infolge der gelockerten Isolationsmaßnahmen werde „der Ausbruch wieder hochfahren“, so auch die Zahl der Verstorbenen.
Das gilt so oder so ähnlich auch für Europa. Kein Land kann sich einen monatelangen „Shutdown“ der Wirtschaft leisten, der je nach Dauer der Maßnahme laut einer Studie des Münchner Ifo-Instituts allein in Deutschland Millionen Menschen in Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit schicken und Hunderte Milliarden Euro kosten würde. Sobald wirtschaftliche Not zu einer Lockerung der Maßnahmen gegen Covid-19 führt, werden sich wieder mehr Menschen infizieren – unabhängig davon, ob die Kurven bald abflachen oder nicht.
Könnte in solchen Zeiten nicht wenigstens die Zahl der Genesenen Hoffnung spenden? Kaum. Weil es für Genesene keine Meldekette gibt, kann ihre Zahl nur geschätzt werden – das Robert-Koch-Institut geht aktuell von „mindestens 5 600“ aus, hieß es gestern. Man könnte es in dieser Sache auch halten wie Patrick Mathys vom Schweizer Bundesamt für Gesundheit: „Grundsätzlich ist es einfach“, erklärte er am Dienstag, „entweder man stirbt am Coronavirus oder man genest“.
Hinweis: in einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass bald einer von hundert Einwohnern in Baden-Württemberg mit dem Coronavirus infiziert sein würde. Richtig ist einer von tausend Einwohnern.