„Cyrano“ im Alten Schauspielhaus Stuttgart Schmacht! Seufz!
Erstaunlich heutig und höchst spannend inszeniert: In Edmond Rostands Komödie „Cyrano de Bergerac“ im Alten Schauspielhaus wird mit viel Hingabe gefochten, gedichtet und geliebt.
Erstaunlich heutig und höchst spannend inszeniert: In Edmond Rostands Komödie „Cyrano de Bergerac“ im Alten Schauspielhaus wird mit viel Hingabe gefochten, gedichtet und geliebt.
Hübsche Frau und Mann mit Geld oder bedeutender sozialer Position – das passt auch heute noch gut zusammen, sagt übrigens auch die Wissenschaft. Aber mittlerweile gibt es auch für Männer Kosmetiklinien, und insofern ist Edmond Rostands Komödie „Cyrano de Bergerac“, die jetzt im Alten Schauspielhaus zu sehen ist, erstaunlich modern. Denn hier liebt eine Frau einen Mann, weil er schön ist, und das in einem 125 Jahre alten Stück, das im 17. Jahrhundert spielt. Für sie ist er stolz, adlig, mutig und schön – und letztere Eigenschaft haucht sie mit leidenschaftlichem Schmelz in den Theaterraum.
Der Titelheld Cyrano de Bergerac (Pablo Sprungala), ein Mann mit Geist, liebt diese Frau, Roxane (Kristin Hansen) – ebenso wie der hübsche Verehrer Christian de Neuvillette. Eduard Zhukov spielt ihn einleuchtend als unsicheren und doch sympathischen Schönling. Cyrano ist eine Type mit riesiger Selbstgewissheit, höchst autonom und voller Verachtung für diverse Mitmenschen. Er agiert als hyperaktiver Springteufel, der james-bondmäßig einfach mal einhundert Gegner niederstreckt (auf der Bühne sind es immerhin fünf).
Beim Fechten kann Cyrano de Bergerac aus dem Stegreif dichten. In dieser Aufführung wird übrigens richtig so wie früher am Theater gefochten, kundig angeleitet von dem renommierten Kampfchoreografen Klaus Figge.
Cyranos Problem ist seine voluminöse Nase (die Übergröße auf der Bühne hält sich in Grenzen). „Den Traum, geliebt zu werden, verbot mir diese Nase“, jammert er. Seine geliebte Roxane ist für ihn „gottgleich“ in ihren Bewegungen, darunter formuliert er nicht. So richtig ernst nehmen kann man das nicht, aber das Wunderbare an Rostands Stück ist die ulkige Übertreibung, das Plakative, mit dem er Themen wie Geist, Schönheit, Liebe und Poesie locker-philosophisch durchspielt.
Dazu hat sich der Autor hat eine traumhafte Konstellation ausgedacht. Roxane möchte, dass Christian ihr schreibt, was der maulfaul-hölzerne Beau nie hinbekäme. Der gewiefte Poet Cyrano springt ein und formuliert betörende Zeilen, die Roxane als Ergüsse ihres geliebten Christians wahrnimmt.
Edmond Rostands Komödie ist ein Versdrama, dessen Reime immer wieder einen beinahe harmonischen Zusammenklang schaffen – auch gerade dann, wenn es um den Gegensatz der beiden erotischen Rivalen geht. „Ich konnte nie schön über Liebe sprechen“, klagt Christian, und Cyrano vollendet den Satz so: „Ich könnt mit Worten Herzen brechen.“
Aber es wird auch beinahe unheimlich. „Ich bin dein Geist, du meine Wohlgestalt“, formuliert Cyrano. Und er souffliert seinem Freund in einem nächtlichen Garten hochromantische Liebesworte an die von beiden verehrte Roxane. Rostands Held geht auf die historische Figur des französischen Schriftstellers Hector Savinien de Cyrano (1619–55) zurück, mit dessen Leben sich eine erstaunliche Anzahl von Opern, Musicals, Filmen und sogar ein Videospiel beschäftigt.
Rostands Komödie ist vergnüglich, doch zugleich ein modernes Stück, hinter dessen historischer Verkleidung Themen der Gegenwart deutlich werden. Was macht Attraktivität der Geschlechter aus? Was ist Identität? Cyrano sagt einmal, er wage endlich, „ich selbst“ zu sein. Und Christian will „keine Rolle spielen“. Hier klingt Heutiges an. Ulrich Wiggers (Regie) hat das alles ausgewogen und in einem stimmigen Rhythmus des Ablaufs inszeniert. Auf der Bühne steht ein knorriger, sehr charaktervoller Baum, der das Geschehen grundiert und widerspiegelt (Ausstattung: Leif-Erik Heine). Die Kostüme sind historisierend im Stil des 17. Jahrhunderts gestaltet.
Gezeigt werden Wandlungen der Personen. „Bei solcher Schönheit fehlt der Geist gar nie“, schwärmt Roxane naiv, wenn sie zu Beginn von Christian spricht. Am Ende des Stücks beklagt sie, ihn nur wegen seiner Schönheit geliebt zu haben.
Pablo Sprungala zeigt bravourös Facetten der Figur des Cyrano. Zuerst inszeniert er ihn als temperamentvoll-elitäre Ausnahmefigur, später als unglücklich Liebenden und als einen Melancholiker, der über sein eigenartiges Leben nachsinnt. Sehr berührend gerät der Schluss des Stücks, das beides ist: fetzig-amüsant, dazu komplex und überraschend modern.
Am Ende klingt wieder die Sehnsucht nach Identität an, wenn Roxane ihre beiden Liebhaber als „ein einzig Wesen“ sieht, als zwei Männer, deren So-Sein (der hübsche Küsser und der geistvolle Briefschreiber) man in einer Einheit sehen könnte. Aber so ist es in der Wirklichkeit eben nicht. Erstaunlich, wie viel heutige Paarpsychologie in diesem geistvollen Stück eingelagert ist – und das wird auch noch höchst spannend dargeboten.
Cyrano. Vom 20. September bis zum 22. Oktober im Alten Schauspielhaus