Dagersheimer Gassenquartier Ein Haus als unendliche Baustelle

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In einem Neubau würden sich Alexandre und Agar Catherine nicht wohlfühlen. Ihr Eigenheim im Dagersheimer Gassenquartier ist mehrere Hundert Jahre alt – und war schwer renovierungsbedürftig. Die Stadt Böblingen fördert die Erneuerung des Stadtteils.

Die Hausherrin Agar Catherine   im renovierten Flur –  mit Fachwerk  im Hintergrund Foto: factum
Die Hausherrin Agar Catherine im renovierten Flur – mit Fachwerk im Hintergrund Foto: factum

Böblingen - Die Hausherrin ist sich ziemlich sicher: Ihre Baustelle wird wahrscheinlich nie fertig. „Mein Mann mag es zu renovieren“, sagt Agar Cathe­rine und lacht. Vor drei Jahren hat das Ehepaar im Böblinger Stadtteil Dagersheim ein Eigenheim gekauft – und zwar mitten im Gassenquartier. „Unser Haus ist sehr, sehr alt“, erklärt die 42-Jährige. Das Baujahr ist ihr nicht bekannt, ein paar Hundert Jahre muss es jedenfalls her sein. Ein Neubau wäre für die Französin und ihren Mann Alexandre Catherine nie infrage gekommen – zu wenig Charme und Charakter. Für die Stadt Böblingen sind sie die idealen Hausbesitzer für das historische Viertel: Seit eineinhalb Jahren ist es ein Sanierungsgebiet und soll mithilfe von staatlichen Zuschüssen vor dem Verfall bewahrt werden.

Seit Herbst 2018 ein Sanierungsgebiet

Ein Fachwerkbau steckt hinter dem rostbraunen Putz in der Schmalen Gasse. Die Farbe erinnert die Catherines an ihre Urlaube in der Provence. In Dagersheim sind sie aber zu Hause. Bei einem Autozulieferer arbeiten die Eltern, sie als Schneiderin, er als Entwickler. Der 13-jährige Matthias und seine drei Jahre jüngere Schwester Lara sind im Ort aufgewachsen. „Wir fühlen uns hier wohl“, sagt Agar Catherine. Rund 250 000 Euro haben sie für das einstige Bauernhaus bezahlt. Genau so ein Objekt hatten sie gesucht, die Nachbarn seien supernett, „und die Straße ist auch schön“, schwärmt die Hausherrin. Zunächst haben sie zahlreiche Container mit Bauschutt beladen, bevor sie alles neu machen konnten.

Im Herbst 2018 erklärte der Gemeinderat das Gassenquartier zu einem Sanierungsgebiet. Kurz darauf gab es aus dem Bund-Länder-Programm „Städtebaulicher Denkmalschutz“ die erste Förderung in Höhe von 900 000 Euro. Im vergangenen April kam die Zusage für 1,2 Millionen Euro aus dem Fördertopf „Lebendige Zentren“. Damit werden vor allem private Bauvorhaben unterstützt, so dass Häuser und Scheunen erhalten und saniert werden, statt sie abzureißen und mit einem Neubau zu ersetzen. Zwei solcher Projekte sind schon weit gediehen, darunter das der Familie Catherine.

Die Bausubstanz ist im Gassenquartier auffallend schlecht

Für fünf Gebäude hat die Verwaltung bisher Modernisierungsverträge abgeschlossen, mit Eigentümern von 16 weiteren laufen Gespräche. Laut einer Untersuchung müssten in dem rund fünf Hektar großen Gebiet etwa 50 Objekte renoviert werden – mit einem unterschiedlichen Aufwand. Sie kam jedenfalls zum Ergebnis, dass die Bausubstanz auffallend schlecht ist. Für drei Häuser kam das Sanierungsgebiet zu spät: Sie mussten abgerissen werden. Wohnstallhäuser aus dem 17. Jahrhundert prägen das Viertel in Hanglage, in dem alle Straßen als Gassen bezeichnet werden. Es gilt als ein Zeugnis der Bau- und Ortsgeschichte. „Die Dagersheimer Ursprünge und Identität sind dort sichtbar“, findet die Stadtverwaltung.

In ihrem Gewölbekeller wollen Alexandre und Agar Catherine französischen Wein lagern, sobald er hergerichtet ist. Im Inneren des Hauses haben sie das Fachwerk freigelegt, Wände versetzt, die Elektrik und das Heizungssystem erneuert. Die Baustelle befindet sich gerade im zweiten Stock, wo die Kinder wohnen. Sie habe ein neues Bad bekommen, die Kreissäge steht in einem Raum, in dem der Boden gerade mit Holzplatten ausgelegt wird. „Wir arbeiten uns Stück für Stück vorwärts“, sagt die Französin. Auf der hinteren Seite des Hauses ist ein Balkon geplant, eine Terrasse soll im kleinen Garten entstehen. In der riesigen Garage hat Alexandre Catherine seine Werkstatt eingerichtet, aus dem daneben liegenden Stall möchte er eines Tages eine Einliegerwohnung machen. „Es gibt so viele Möglichkeiten in diesem Haus“, sagt Agar Catherine, „und uns gehen die Ideen nie aus.“

Projekte für den Ort

Leitfaden
: Die Stadt Böblingen hat einen Leitfaden entwickelt, wie der Charakter des Gassenquartiers im Stadtteil Dagersheim erhalten bleiben soll. Satteldächer sind beispielsweise vorgeschrieben sowie eine Höhe von höchstens zwei Geschossen plus Dach. Die Giebel müssen zu den Gassen stehen, die Gärten sich hinter den Häusern befinden. Wer sein Haus renoviert, erhält einen Zuschuss in Höhe von 15 Prozent der Baukosten, wenn das Gebäude unter Denkmalschutz steht, gibt es sogar bis zu 30 Prozent.

Aufwertung:
Auch die Allgemeinheit hat etwas von den Förderprogrammen: Mit dem Geld soll die Umgestaltung der Hauptstraße West mitfinanziert werden. In Arbeit befindet sich noch eine Machbarkeitsstudie für einen Fußweg entlang der Schwippe, der den Bach im Ortskern besser erlebbar machen soll.




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